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Die Welt · 1902-05-02 · 18 (2.5.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
18 (2.5.1902)
Article
Beim Rabbiner
Date
1902-05-02
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 18 „Die £ Welt" Seite 13 Eabbiner. Er ist ein beleibter, etwa fünfzigjähriger Mann. Der kuri'gescfcoffene gräüe TSkrt ünd die kleine runde Mütze lassen ihn viel älter erscheinen. Vor ihm, an der Wand, sitzt eine junge jüdische Frau in einem Tuchjäckchen, gestricktem Wollshawl und weissen Zwirnhandschuhen, deren Finger durch wiederholtes Waschen ausgedehnt sind. In der Hand hält sie einen Schirm. Links vom Rabbiner sitzt an einem zweiten alten tintenbeklecksten Tische sein Secretär und Schriftführer, ein kleiner, ganz grauer, alter Mann; seine Nasenlöcher und sein abgetragenes Sacco sind mit Schnupftabak beschmiert. Er bückt sich über das geöffnete Matrikelbuch, fährt mit dem Finger über dasselbe und liest halblaut die Eintragungen vor. Der Rabbiner hält in der Hand die Matrikelscheine. „Tausendachthundert/4 ertönt die eintönige Stimme des Secretärs, „wurde dem in der Jamskoj-Vorstadt wohnenden Salmann Pinchussowitsch Grobermann und seiner Frau Zipra, Tochter Davids, ein Sohn geboren, dem bei der Beschneidung der Name Isaak gegehen wurde." „Isaak," wiederholt, den Matrikelschein unterfertigend, der Rabbiner, Seine Stimme ist tief und knarrend. Er spricht langsam, singend und die Worte dehnend. Er ist über die Hitze unzufrieden und auch darüber, dass er heute den sechzehnten Matrikelschein unterschreiben muss; er ist auf die Frau böse, die über ihren Mann Klage führt und die er mit ihm aussöhnen muss; er ist unzufrieden mit seiuer Gemeinde, die seine letzte am Samstag in der Synagoge gehaltene Rede nicht genügend gewürdigt hat. „Hm . . . Isaak . . ." wiederholt er. „Meinetwegen Isaak. Weiter, Herr Schatzki." „Eintausendachthundertachtundachtzig,amsechzehnten Januar wurde dem zeitweiligen Kaufmanne zweiter Gilde Salmann Enochowitsch Jatess und seiner Frau Etel, Tochter Zeiliks, ein Sohn geboren, dem bei der Beschneidung der Name Alexander gegeben wurde." „Hm ... Alexander, Alexander!" dehnt aufgeregt der Rabbiner. „N—ja, natürlich, die E—man—ci—pa—tion . . . der Wunsch, sich mit der eingeborenen Bevölkerung zu as—si—mi—lieren," singt er knarrend und die Assimilation verspottend. „Wie die Hunde jagt man sie, und sie wollen sich as—si—mi—lieren! . . . Einen anderen Namen als Alexander konnten sie nicht finden! . . . Weiter, Herr Schatzki!" „Eintausend . . . achthundert . . . achtundachtzig . . . am neunten December wurde dem zeitweiligen Kaufmanne zweiter Gilde Salmann Enochowitsch Jatess und seiner Frau . . „Her—rr Schatz—ki!" unterbricht der Rabbiner gedehnt seinen Secretär, „das muss ein Irrthum sein, das ist ganz bestimmt ein Irrthum.-' „Was für Irrthum?' fragt Schatzki, die Augen rasch auf seinen Vorgesetzten heftend. ,,Nun, bei diesem selben Salmann Jatess wurde im Jänner desselben Jahres ein Sohn, namens . . . dieser A—le—xan—der eingetragen." „Was ist dabei weiters? Im Jänner Alexander, und am 9. December eine Tochter, welcher der Name Rosalie gegeben wurde . . Er beginnt laut und rasch an den Fingern, indem er sie einbiegt, abzuzählen: „Ein, zwei, drei . . . neun, zehn Monate! . , ." Sein Gesicht zieht sich zu einem fröhlichen Lächeln zusammen. „Sie haben sich natürlich", er macht eine Bewegung mit der Hand, „ein wenig beeilt: trotzdem aber ist alles in Ordnung." „Sie beeilen sich," bemerkt melancholisch der Rabbiner, „sie beeilen sich . . . Die E—man—ci—pa—tion, heidnische Namen . . . Herr Schatzki, warum haben Sie Rosalie eingetragen? Haben Sie bei Juden einen solchen Namen gehört? Es gibt einen Namen Reese, aber nicht Rosalie . . . Wollen Sie das gefälligst ausbessern." „Wie Sie wünschen," zuckt Schatzki mit den Achseln. „Sie ändern die Namen, verstümmeln sie," brummt der Rabbiner. Ein junger, elegant gekleideter Mann tritt ins Zimmer. „Was wünschen Sie?" fragt der Rabbiner. „Ich wollte ..." „Sind Sie ihr Mann?" unterbricht ihn der Rabbiner, mit dem Finger auf die sitzende Jüdin deutend. Der junge Mann blickt sie verwundert an. „Nein, das ist er ja gar nicht," schüttelt sie mit dem Kopfe, „der meinige ist brünett . . „Ich komme wegen eines Matrikelscheines . . ." „Warten Sie, setzen Sie sich I" „Eintausendachthundert ..." beginnt der Secretär eine neue Eintragung zu lesen, „bei dem ... zeitweiligen ... Salmann . . . Jatess . . ." Das unzufriedene Gesicht des Rabbiners zeigt Aufregung; er platzt heraus : „Wiederum Jatess! Mein Gott, wann wird dieser Jatess ein Ende nehmen! Sagen Sie mir, Herr Schatzki, wieviel Kinder hat er noch?" „Noch drei. Im Ganzen neun." „Was für ein Jatess ist es? Ist es der Pelzwarenhändler?" „Nein, jener heisst Pinchus Jatess. Dieser hat ein Geschäft fertiger Kleider." „Neun Kinder, neun zukünftige Renegaten, sie zeugen sie zu ihrem eigenen Unheile . . ." Ins Zimmer tritt noch ein junger Mann. Sein Gesicht ist freudig erregt. „Guten Tag, Herr Schneersohn!" drückt ihm der Rabbiner, ein wenig aufgemuntert, die Hand. „Nun, was gibt's? Kann man schon gratulieren? „Jawohl." „Ist es ein Knabe oder ein Mädchen?" „Ein Sohn." „Nun, Maseltow, Masel—tow," drückt ihm der Rabbiner nochmals die Hand. Schatzki nähert sich und gratuliert auch. Er versucht zu scherzen und sagt lächelnd: „Ein Knabe also, ein wirklicher Knabe? Sagen Sie, bitte — Herr Schneersohn hat einen Sohn? Wie? Und so rasch? Was?" Der glückliche Vater lächelt. „Nun, und wann ist der Brith?" „Am nächsten Samstag," sagte er, „wenn Sie, Jakow Abramowitsch, uns die Ehre schenken wollen." „Meinetwegen am Samstag," sagt der Rabbiner, „kommen Sie, Herr Schneersohn, wir wollen aus diesem freudigen Anlasse ein Glas Kaffee trinken. Reb Schatzki, wandte er sich zum Secretär, „ich glaube, für heute wäre es genug." „Wenn Sie glauben, dass es genug ist, dann ist es genug," stimmt jener, mit den Schultern zuckend, bei, und er schlägt das Buch zu. „Nun, und Sie," wendet sich, vom Tische aufstehend, der Rabbiner an die Jüdin, „was soll ich mit Ihnen anfangen? Sie sehen ja, Ihr Mann ist nicht gekommen." „Ach," ruft sie erregt, eine Märtyrermiene zeigend,

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