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Die Welt · 1902-05-02 · 18 (2.5.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
18 (2.5.1902)
Article
Eine Zeitungsfehde über den Zionismus
Date
1902-05-02
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 18 „Die # Welt4* Seite 3 diplomatischen und politischen Machtmitteln gewachsen sei. Ate ob ich nicht in nieinen Worten gleich die Richtung, nach wd.ch.er der Vergleich gelten soll, angegeben hätte, indem ich der Hoffnung Ausdruck gab, dass durch den Anblick einer zur genieinsamen C u 11 u r a r b e i t auf eigener Seholle vereinigten jüdischen Masse die Achtung der Völker vor uns steigen wird und wir dann ebenso oder wenigstens annähernd — das will das „eher" sagen — geachtet werden würden, wie die Deutschen in Amerika oder ähnliche ihrer Stammesherkunft bewussten und dem Wirtsvolke mit bedingungsloser Hingebung dienende Männer. Dieser Wortlaut und sein klarer, eindeutiger Sinn schliesst die Berechtigung, hieran ausgedehnte Vergleiche der Machtstellung des Deutschen Reiches mit dem künftigen jüdischen Machtstaat anzustellen, wie es der Verfasser beliebt, aus. Der Verfasser hat ja meinem Vortrage beigewohnt und den unabgedruckten Theil meiner Berichtigung gelesen, er niusste deshalb wissen, dass wir das Gemeinwesen als eine unter der Souveränetät des Sultans stehende Heimstätte erstreben, also keinen Machtstaat; der Verfasser hatte mich in meinem Vortrage ausführen hören: Der Zionismus will, dass eine ganze jetzt zum elendesten Dasein verdammte Mensch enkatcgorie auf der Erde seiner alten Heimat sich auslebt und für die Menschheit Werte schafft, und dass die Juden dort, wo sie zurückbleiben, ein achtunggebietendes, positives Element der Gesammtbevölkerung bilden, der Verfasser konnte auch in meinem Vortrage einen Hinweis auf den kleinen Stamm der Litthauer hören, der seine berechtigten Eigenthünilichkeiten festhaltend, doch seine volle staatliche und und bürgerliche Pflicht ausübt und Rechte geniesst. Diese verschiedenen Wendungen hätten den Berichterstatter belehren sollen, dass es Unrecht ist und nicht „Recht", den oben besprochenen Vergleich mit den Deutschen in Amerika zu einer Gegenüberstellung der bescheidenen territorialen Sicherheit, die wir für Heimatlose schaffen wollen, mit der imposanten Machtstellung des Deutschen Reiches zu benützen. Der Verfasser hat in seinem ersten Artikel sich als einen offenen Gegner der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden bekannt, weil zwei durch Stammeseigenschaften so grundverschiedene Elemente, wie Europäer und das Judenthum niemals eine organische Verbindung eingehen können. Diesesmal setzte er hinzu, dass die Verminderung unserer Anwartschaft auf volle Gleichberechtigung sich aus unserer selbständigen völkischen Bethätigung ergibt. Er meint, „Gastvölker, können naturgemäss keine Herrenrechte, wie sie in der Anwartschaft auf Aemter liegen, beanspruchen. Wenn das „Herrenrechte" sind, hat vielleicht der Verfasser recht; nach Auffassung der überragenden Mehrheit der Culturmenschen sind es eben Menschenrechte, um die es sich handelt, die aber ein Staat wohl in seinem eigenen Interesse einer Menschheitsciasse entziehen kann, wenn diese seinen Bestand und seine Ordnung gefährdet. Der Verfasser niusste aber und musste nach meinem Vortrage wissen, dass wrir keine eigene nationale und völkische Politik in unserem deutschen Vaterlande treiben, welche das Wohl des letzteren in der geringsten Weise schädigen könnte, dass wir Zionisten in Deutschland uns auf den Boden des Staatsbürgerthumes stellen, mit seinen Pflichten, die wir freudig und getreulich erfüllen, und mit seinen Rechten, von denen wir nur weise und zurückhaltend Gebrauch machen wollen. Bei einer so exceptionellen, einzigartigen Frage, wie sie die Jüdenfrage darstellt, ist eine Kritik der Versuche, die zu ihrer Lösung unternommen werden, leichter als ein positiver Vorschlag. Diesen vermissen wir ebenso in den xiusführungon des Artikelschreibers, der allerdings hiezu keine Veranlassung hatte, wie in allen Darlegungen der wahren und Krypto-Antisemiten. Der einzige positive Versuch der Lösung stellt der Graf Pückler'sche Aufruf zum Todtschlagen der Juden dar. Sonst beschränkt sich die antisemitische und asemitisGhe Weisheit auf den Tadel alles dessen, was Juden zur Besserung ihrer Lage unternehmen, sei es, dass sie im Inlande nach äusserer und innerer Vollemancipation streben, sei es, dass sie versuchen, durch Schaffung einer Heimstätte für die durch alle Länder gehetzten und überall die Judenfrage verschärfenden Volksgenossen die Lösung dieser Trage vorzubereiten. Und doch muss die Redaction eines so feinfühligen, noblen Blattes, wie wir es in der „Post" zu erblicken gewöhnt sind, mit uns nachempfinden können die psychologische Unsicherheit der jüdischen Bürger Deutschlands, deren Assimilationsbestrebungen man höhnisch zurückwies, deren selbstthätige Regenerationsbewegungen man verdächtigt. Eine seltsame rumänische Drohung. In Rumänien herrscht Ruhe. Keine Auswanderungen mehr, keine hungernden jüdischen Handwerker, keine Würgegesetze : in Rumänien ist Ruhe. Der Herr Ministerpräsident S t u r d z a hat es in die ganze Welt hinaustelegraphiert, und der Herr Ministerpräsident ist der Mann, der auch zustande bringen will, was er den Finanzbaronen vortelegraphiert hat. Auf die Mittel zur Erreichung dieses Zustandes kommt es ihm gar nicht an. Gesetz Verdrehungen, dreiste Lügen, freche Drohungen, Heuchelei, alles ist gutT wenn es hilft, die nothwendigen 175 Millionen Francs zu bekommen. Denn diese 175 Millionen sind sehr, ach sehr nothwendig. So sehr, dass man sogar das Opfer von Cabinetsänderungen bringen, dass man den verdienstvollen Autor des Handwerkergesetzes, den Minister Missir, fallen lassen will (wohlverstanden, nicht das Handwerkergesetz, sondern den Minister), denn es ist sonst sogar Gefahr, dass das ganze Ministerium wegen dieser nothwendigen Millionen fallen könnte. SolL Sturdza da zögern? Wir begreifen, dass die rumänische Regierung vor keiner Lüge zurückschreckt, aber das letztgebrauchte Lockmittel können wir doch nicht völlig begreifen. Vorige Woche wurden nämlich unter den jüdischen Handwerkern Rumäniens tausende von Flugschriften vertheilt. Die Flugschriften sind in hebräischer Sprache verfasst und anonym. Sie kommen aber aus Bukarest, und die dortigen jüdischen Handwerker erklären, nichts von den Flugschriften zu wissen. Es wäre auch schwer zu begreifen, wie die jüdischen Handwerker von einem beglückenden (!) neuen Handvverkergesetze sprechen sollten, nachdem von ihnen eine Woche zuvor das in der vorigen Nummer der „Welt* pubiicierte Manifest verbreitet worden ist. Die hebräische Regie rungs - Flugschrift enthält verschiedenes. So z. B., dass das Handwerkergesetz kein Würgegesetz ist, sondern im Gegentheile ein Versöhnungsgesetz (!), dass weiters der Artikel IV (Reciprocität) nicht die Absicht hegt, jüdische Handwerker zum Tode durch Verhungern zu verurtheilen, sondern im Gegentheile nur der väterlichen rumänischen Regierung die Gelegenheit verschaffen soll, endlich einmal die Juden als keine „Fremden" im Lande zu declarieren. Und so geht es lieblich weiter. All dieses ist uns noch verständlich. Der letzte Passus nur scheint uns seltsam. Sollte das auch eine Lüge sein? Oder gar Wahrheit? Die Flugschrift räth nämlich den Handwerkern* nicht auszuwandern, erstens weil es ihnen in ihrem „Vaterlande" Rumänien grossartig gut gehen werde, und zweitens, weil — auch die „Alliance israelite" die Auswanderungen nicht billige und sie deswegen auch nicht unterstützen wird. Die Flugschrift wurde von den jüdischen Einwohnern natürlich mit allgemeiner Entrüstung aufgenommen, ebenso

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