Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Article
- Eine Zeitungsfehde über den Zionismus
- Date
- 1902-05-02
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 18 Eine Zeitungsfehde über den Zionismus. Von Dr. Julias Moses (Mannheim). Die letzte Nummer der „Welt" brachte unter dem Titel „Ein tendenziöser Bericht" eine Redactionsnote, in welcher kurze Mittheilungen über einen Artikel der Berliner Zeitung „Die Post", der sich auf einen von mir in Berlin gehaltenen Vortrag bezieht, gemacht wurden. Mittlerweile ist in der Kummer der „Post" von Freitag, dem 25.April, meine Berichtigung erschienen, welche zwar nicht in ihrem vollen 'Umfange wiedergegeben ist, aber, was mir die Hauptsache war, doch soweit sie Stellen aus meinem Vortrage im strengen Wortlaute enthält. An die Berichtigimg reiht sich ein ausführlicher Gegenartikel, in welchem der Nachweis versucht wird, dass der Verfasser des ersten tendenziösen Berichtes doch in allen seinen Ausführungen im Beeilte war. Da ich, um diesen neuen Artikel zu widerlegen, eben immer wieder dieselben Auszüge meiner .Rede entgegenstellen müsste, kann ich die Aufnahme einer neuen Entgegnung in der „Post" wohl kaum verlangen und erwarten. Ausserdem wird diese Zeitung mir das Gastrecht nicht so Aveit ausdehnen, dass sie mir auch Baum zur Berichtigung persönlicher Bemerkungen gestattet. Ich will deshalb an dieser Stelle wenigstens meinen Gesinnungsgenossen einige Aufklärungen geben, wenn auch hier immer noch die Misslichkeit besteht, mit aus dem Zusammenhange des disponierten Vortrages gerissenen Sätzen und Wörtern manövrieren zu müssen. Der 2. Aufsatz vom 25. April reiht sich weit würdiger ein in die ganze Schreib- und Tonart der wegen der Vornehmheit ihrer Leitung hochgeschätzten Zeitung, als der erste Artikel, in dem es von gehässigen, spottenden und witzelnden persönlichen Ausfällen wimmelte. Die persönlichen Bemerkungen sind hier in weniger gehässige Form gekleidet, sie sind spärlicher, wenn auch nicht verschwunden. Der Verfasser macht es sich mit meinen thatsächlichen Berichtigungen leicht. Er sagt, ich hätte insofern an seinen früheren Artikel einen unrichtigen Massstab angelegt, als ich in demselben anscheinend eine Reproduction meines Vortrages und nicht eine freie Kritik erblickte. Dabei hatte der Verfasser in jenem ersten Artikel gesagt: „Herr Dr. Moses s p r a c h es am Montag offen aus, dass die Stellung der Juden mit einem Schlage sich bei allen Nationen ändern werde, wenn ihnen durch die politische und diplomatische Macht eines jüdischen Nationalstaates eine Rückendeckung zutheil werden könnte", und an anderer Stelle heisst es „indem Herr Dr. Moses e i n g e s t a n d, dass man nur eine Folie und eine Rückendeckung für die jüdischen MaehtbestrelHingen auf dem ganzen Erdenrund schaffen will etc." Das fasst wohl kein Mensch, ausser dem Berichterstatter selbst, anders auf, als wie eine Wiedergabe, eine Reproduction. Ich bin in meiner Berichtigung gerade und ausschliesslich auf diese „reproducierenden" Stellen eingegangen und habe durch Anführung des Wortlautes meiner Rede eben nachgewiesen, dass ich das nicht offen ausgesprochen und nicht eingestanden habe, was der Verfasser mir in den Mund legt. Uebrigens meint mein Gegner in seinem zweiten Artikel, ich müsste mir eine Kritik gefallen lassen. Ja, hätte ich dieselbe gescheut, so würde ich meinen Vortrag nicht in einer Versammlung, für die freie Discussion angekündigt war, gehalten und ich würde auch meine Berichtigung an die „Post" unterlassen haben, da derselben — wie mir unsere Berliner Gesinnungsgenossen mittheilten — nur unter der Bedingung Aufnahme zugesagt würde, dass der Verfasser des ersten Artikels sie vor dem Abdruck zur Replik vorgelegt erhalte. Der Artikel Schreiber der „Post" zweifelt meine Angaben, dass der Zionismus keine internationale Vereinigung, sondern nur eine internationale Discussion wolle, vor allem deshalb an, weil der Zionismus eine internationale Geldsam inhmg veranstalte; „in dem Augenblicke, da die Zionisten die Discussion, das Primäre verliessen und bei der secundären Station der Geldsammlung anlangten, organisierten sie den internationalen Zusammenschluss, von dem Herr Dr. Moses formell freilich nicht gesprochen, den er aber thatsächlich empfohlen hat." Schon in dem ersten Artikel hatte der Berichterstatter von dem Geld gesprochen, „das hinter der Scene gesammelt wird, um den Unsegen des rollenden Goldes bald gegen das eine und bald gegen das andere Volk auszuspielen." Mit diesem Geld« meint er die Jüdische Colonialbank, welche ich in meinem "Vortrage als das finanzielle Instrument bezeichnet habe, das der Zionismus zur Erlangung seines Zieles bedarf. Ich habe in meinem Vortrage den Charakter und die Entstehungsgeschichte der Bank dargelegt und bin auch in dem nicht abgedruckten. Theile meiner Berichtigung, der ja auch dem Verfasser vorgelegen hat, noch einmal kurz darauf eingegangen. Ich weiss nicht, ob er endlich von der Furcht vor dem. Unsegen dieses rollenden. Goldes befreit worden wäre, wenn ich in einer neuen Berichtigung darauf hingewiesen hätte, dass diese Bank eine Actien-Gesellschaff auf der legalsten Basis, auf der der englischen Gesetze, ist. Gerade im Hinblicke darauf, dass ich nicht anerkennen will, durch die Schilderung der zionistischen Finanzpolitik, welche c»in Stückchen Erde für eine unstäte, heimatlose Masse erringen will, einen internationalen Zusammenschluss empfohlen zu haben, erklärt mich der Verfasser in einer persönlichen TJrtheilsbefangenheit begriffen, welche durch die Begeisterung für mein Ziel entstanden ist und meine Fähigkeit zur Erfassung der Realität der Dinge trübt. Das ist eine Probe von den persönlichen Bemerkungen des zweiten Artikels, die gegenüber denen aus dem ersten zu einer höheren und feineren Stilgattung gehören. Wie leicht und einfach lassen sich diese persönlichen Angriffe, die wohlfeil sind wie Brombeeren, weil sie in jeder Streitfrage ein Gegner dem andern, eine politische Partei der anderen entgegenschleudern kann, dem Verfasser zurückgeben. Seine Ausfälle im ersten Artikel allein geben die Berechtigung, zu sagen, dass hier eine wohl durch eine traditionelle Antipathie gegen Juden und Judenthum entstandene Befangenheit sem Urtheil trübt. An einem Punkte seiner Entgegnung dürfte besonders eine Befangenheit des Verfassers klar demonstriert werden können. Ich habe in meiner Berichtigung folgende Stelle aus meinem Vortrage citiert: „Die Lage der Juden aller Länder und auch die unsere wird sich bessern, wenn man dort in Palästina die Juden im eigenen Gemeinwesen alle culturellen Verrichtungen eines selbstthätigen Volkes auf gesicherter Erde ausführen sieht. Dann wird die Missachtung einer internationalen und anationalen Minderheit aus dem Bewusstsein der Völker verschwinden und einer Gleichachtung Platz machen. Dann bilden nicht mehr die Armenier mit uns eine Parallele, sondern unsere Stellung wird eher den Deutschen in Amerika oder ähnlichen ihrer Stammesherkunft stets bewussten und doch ihrem Wirtsvolke mit bedingungsloser Hingebung dienenden Männern gleichen. Der Verfasser wollte ä tout prix seinen Nationalstaat mit diplomatischer Macht, von dem ich, wie meine Berichtigung noch einmal scharf betonte und nachwies, keine Silbe gesprochen hatte, retten. Er glaubte, sein Ziel mit einer kleinen Veränderung meiner Worte wohl eher erreichen zu können, indem er in gesperrter Schrift unter Hinweglassung des Wortes „culturell" und mit Veränderung des Wortes „selbstthätig" in ^selbständig", hinweist „auf das eigene Gemeinwesen der Juden, in dem die Juden alle Verrichtungen eines selbständigen Volkes ausführen". Und das ist dann der Nationalstaat des Verfassers, mit Trommeln und Trompeten, mit diplomatischer und politischer Macht. Mein Vergleich mit den Deutschen in Amerika bestätigt ihm dies noch,- da ja die Stellung der Deutschen nur durch die stärkere Rückendeckung an