Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 17 (25.4.1902)
- Article
- Die jüdische Seele
- Date
- 1902-04-25
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Me & Welt« Seite 15 ist ein Fehler oder ein Vorzug, je nach dem Standpunkte des Beobachters. üenerhaupt—mitdemMäterial, das Muret herbeischafft, könnte man einen ganz anderen Bau aufführen. Man könnte beweisen, wie nothwendig zur Entwicklung der Menschheit der jüdische Geist ist. Das Judenthum, das der Culturwelt die Religion gegeben und den Glauben an den einen Gott, ist nun im Begriffe, sie social umzugestalten. Denn der ganze Kampf um die neue Gesellschaftsordnung ist von den Weisen des alten Bundes vorgedacht worden. Eine Entwicklungsgeschichte der jüdischen Seele — ich wollte, dieses Buch würde bald geschrieben werden, Es würde beweisen, dass das jüdische Volk wirklich das auserwählte Volk ist, auserwählt zum Kampfe um Gott, auserwählt zum Kampfe um die Ideale von heute. Denn wie einmal um die Lehre vom wahren Gott gestritten wurde, so geht heute der Streit und Krieg der Menschen um das Wesen ihrer Gesellschaft. Wien. Rudolph Lothar. Zweierlei Juden. Roman von Man Viola. (Fortsetzung.) „Schön! Ich bekomme also Ihre Tochter nicht?" „Nein!" „Ich werde mir zu helfen wissen, mein lieber Tulpenthal. Glauben Sie, ich habe nicht gewusst, Sie werden Ihr Wort nicht einlösen? Icn habe, gottlob, vorgesorgt .... Wenn Sie über Moriz Fischl triumphieren wollen, müssen Sie sehr früh aufstehen. Sie-werden mir Ihre Tochter geben oder ins Gefängnis wandern/' „Sie Narr! Mich wollen Sie erschrecken? Sie wollen über Cholera beim Hafen plaudern? Dabei gehen Sie doch gerade so ein wie ich?**' „Was brauche ich die Cholera? Der Herr von Tulpenthal hat vorgesorgt, dass man ihn auch von einer anderen Seite fassen kann. Da ist zum Beispiel die Geschichte vom Sohne Ihres Bruders; den haben Sie um sein ganzes Vermögen betrogen. Er ist gestorben, und seine Erben sind leer ausgegangen. Wissen Sie, dass ich das Notizbuch habe, worin von Ihrer eigenen Hand die ganze Verrechnung eingetragen ist? Ich habe es zufällig unter alten Papieren gefunden. Ein wunderbarer Fund! Ich gebe ihn nicht her für hunderttausend Kronen. Nach dieser Vorrechnung hätte Ihr Neffe noch viermalhunderttausend Kronen . . ." Er schwieg plötzlich, denn Tulpenthal, der kreidebleich geworden war, wollte sich auf ihn stürzen. Doch Fischl war vorsichtig; er sprang hinter einen Baum und jagte um denselben herum, bis Tulpenthal die Verfolgung aufgab und sich mit dem Taschentuche die Stirne trocknete. Er stöhnte tief und liess sich auf die Bank nieder. Nachdem er ruhiger geworden war, sagte er zu Fischl: „Setzen Sie sich hierher nebenhin ich." , „Fällt mir nicht ein!" „Nehmen Sie nur Platz. Ich will ganz ruhig mit Ihnen sprechen, ruhig und vernünftig, wie es sich unter gescheiten Leuten ziemt." Fisehl trat .zögernd auf die Bank zu und liess sich, misstrauische Blicke auf Tulpenthal werfend, in einiger Entfernung von ihm nieder. „Ich will ganz offen sein," begann Tulpenthal. „Sie haben recht, wir sind wegen des Grafen Brandt hierhergekommen/' „Sie gestehen also selbst, dass Sie mich hintergehen wollten?" „Nein, ich wollte Sie nicht hintergehen. Ich habe meine Tochter für Sie bestimmt gehabt., aber sie hat die Bekanntschaft des Grafen gemacht, sie hat sich in ihn verliebt und . . . ■." „Und .-.."?" Tulpenthal neigte sieh ganz nahe zu Fischl und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Als ob er einen Schrotschuss in die Beine erhalten hätte, so rasch sprang Fischl empor. „Nicht möglich!* rief er. „Tulpenthal, Sie binden mir einen Baren auf?"' „Ich binde Ihnen einen Bären auf? Aus welchem anderen Grunde sollte ich mit einem so blutigen Kopf herumgehen? Warum denn wäre es mir lieber, ich läge bereits begraben und wüsste von allen diesen Dingen nichts? Glauben Sie, ich würde diesem verfluchten Grafen sonst nachlaufen? Jetzt wissen Sie, um was es sich handelt. Ich sage Ihnert, Fischl, es ist kein Leben, das ich lebe. Abgesehen von allem, möchte mich meine Frau am liebsten umbringen." „Das ist eine sehr schöne Geschichte. Aber hören Sie, Tulpenthal: Nachdem Fräulein Emmy den Grafen Brandt nicht bekommen kann, dürfte sie doch nunmehr froh sein, wenn ich sie zur Frau nehme?" „Wie, Sie möchten sie trotzdem heiraten?'* „Warum nicht?!" „Fischl, Sie sind ein Charakter, ein Gentleman durch und durch. Wie, wenn sie Sie aber auch jetzt nicht haben wiU?,k „Lächerlich! Sie wTerden ihr in meiner Anwesenheit sagen: Da ist der Herr von Fischl, ein Mann von Ehre, Ansehen, Vermögen und Verstand. Er will nicht wissen, was vorgefallen ist, er sieht nichts und hört nichts, und hält hiermit feierlich um Deine Hand an." „Und wenn sie trotzdem nicht will?" „So werden Sie ihr sagen: Mein liebes Kind, dieser Mann hat mich in der Hand. Wenn er will, wandere ich in das Gefängnis, bin ich ein verlorener Mensch. Die Entscheidung liegt bei Dir. Wenn Du einwilligst, seine Frau zu werden, so bin ich gerettet." „Schön Fischl. Wie, wenn sie aber trotz alledem nicht einwilligen will"?" „Wenn Sie trotz alledem nicht einwilligen will, dann, Tuh penthal, dann behalten Sie sich sie." XI. Als Paul sich verabschiedete, entliess ihn Gräfin Mary mit so freundlichen Worten, dass er ihre Schroffheit von vorher gänzlich vergass. Die Abweisung, welche er erfahren, musste thatsächlich ein Ausfluss jenes Misstrauens sein, das sie — berechtigt oder unberechtigt — jedem entgegenbrachte, der in ihre Nähe kam. Paul schien es4 als ob sie glücklich wäre, in ihm einen Mann gebunden zu haben, der sich so gab, wie er war, auf den Reichthum ihres Vaters keine Rücksicht nahm und ihr selbst keine Ironie zeigte. Der Blick ihrer Augen, der Druck ihrer Hand ihre Stimme sagten es ihm noch mehr als der Inhalt ihrer Worte, das« sie sich freute, ihn kennen gelernt zu haben. Er aber fühlte keine Sehnsucht nach der Familie Tulpenthal. Er gieng heim, und als er seinen Oheim mit Berl Heimaim Leinwandreste messen sah, was wohl auch ein andermal geschehen konnte bat er ihn in sein Zimmer. Fink el stein iegte die Elle beiseite und folgte seinem Neü'en. „Du sollst mir rathen, Onkel", sagte Paul, als er die Thüre sorgsam geschlossen hatte. „Ich selbst weiss nichts zu beginnen. Meine Unterredung mit Dr. Goldner machte mich nicht klüger, brachte mich Mirjam nicht näher, und doch lasse ich sie nicht, und wenn sich alle Welt gegen mich verschwören sollte." „Gedulde Dich, warte; er wird sich endlich erweichen lassen. Wenn nicht heute, so in einem Jahre oder zwei Jahren." „Du scherzest, Onkel? Du glaubst doch nicht, dass ich Mirjam jahrelang bei ihrem Vater lassen werde? Höre mich einmal an: Ist es wahr, dass der alte Goldner Mirjam als meine Frau gelten lassen muss, wenn ich ihr in Gegenwart zweier Zeugen einen Ring an den Finger stecke und dazu einen gewissen jüdischen Spruch hersage? Ich habe das irgendwo gelesen, ich glaube, im «Rabbi von Bacharach". „Bei einem so frommen Manne, wie Reb Salme Goldner, der stienge an den Satzungen festhält, genügt das allerdings, damit er in Dir den Gatten seiner Tochter erblicke. Aber Du hättest nichts gewonnen, denn er Hesse Mirjam doch nicht mit Dir ziehen; er würe bloss, seiner Meinung nach, verhindert, sie mit einem anderen zu verheiraten. Kr würde sie bei sich behalten bis an das Ende der Tage, und sie 1)1 oss dann jemandem zuiii Weibe geben, wenn sie vorher von Dir den Scheidungsbrief erhalten hätte." „Auf den könnte er lange warten." „Nun, Du weisst aber doch, dass eine solche Trauung vor den weltlichen Gerichten null und nichtig ist. Du kannst Deinen Spruch zehnmal hersagen, nach dein Gesetze hast Du nicht mehr Anspruch auf Mirjam als ich oder Berl Heimami." „Das weiss ich ohnedies. Aber es ist vielleicht schon sehr viel gewonnen, wenn er allein mich als den Gatten seiner Tochter betrachtet. Er kann sie dann nicht zwingen, einem anderen anzugehören, und gibt schliesslich doch seine Einwilligung, wenn er befürchten muss, dass Mirjam sonst ewig unvermählt bleibt. Willst Du mir zwei Zeugen beschaffen, Onkel?" (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. An mehrere Vereine: Wir bitten wegen Ueber.fülle von Berichten um etwas Geduld. H. Dr. Joffe: Bitte einzusenden.