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Die Welt · 1902-04-25 · 17 (25.4.1902) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
17 (25.4.1902)
Article
Die jüdische Seele
Date
1902-04-25
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 4&m & Welt Nr. 17 der grosse und der kleine, der Ausnahmst!)en&ch und der Dutzendmensch gemeinsam haben. Ein Franzose, - Herr Maurice M u r e t, hat vor kurzem ein Buch geschrieben, „L'Esprit juif'*): Sagen wir es gleich, das Buch ist schlecht, aber es beweist, wie nothwendig und wertvoll ein gutes Buch über denselben StofWäre. Ja, noch mehr. Es zeigt auch klar, zu welchen Resultaten die Forschung kommen müsste. Die Prämissen des Buches von Muret sind zum grössten Theil richtig und auch die Consequenzen entsprechen der Wahrheit. Wie der Verfasser die Consequenzen wertet, muss uns gleichgiltig sein. Sein Standpunkt ist nicht der unsere, seine Anschauung von dem, was die Cultur fördert und was sie hemmt, entspricht nicht unserer Anschauung. Wenn er aber sagt und durch die Portraits von sechs Vertretern des Judenthums (Spinoza, Heine, Beaconsfield, Marx, Brandes, Nordau) erhärtet, wie der moderne Jude beschaffen ist und warum er so wurde, so können wir ihm ruhig rechtgeben, auch wenn wir über die sechs Beispiele ganz anders denken als er Die Artung des modernen Juden hat ihre historischen Gründe. In der biblischen Zeit wurde das Heiligthum der jüdischen Familie begründet, und diesem Heiligthum entsprang die Verehrung der Frau, der Cult der Gattin und Mutter, wie er in dieser Reinheit und Höhe einzig dasteht in der ganzen antiken Welt. Nicht der Staat, die Familie war es, die das sociale Leben der Juden beherrschte. Die Geschichte der jüdischen Staatspolitik im Alterthum ist wenig erfreulich. Die Politik schwankt zwischen Anarchie und Despotismus. Uebrigens, sagt Muret, war der Jade zur biblischen Zeit der geborene Feind des Staatsbegriffes. Er war es, weil er immer den Typus des Individualisten verkörperte. Freunde und Feinde der Juden, ihre Verherrlicher und ihre grimmigsten Widersacher, haben diese Grundeigenschaft stets constatieren müssen. Sie haben sie bald als Tugend, bald als Fehler ausgelegt. Der Jude war und, ist als Künstler ein subjectiver; das erwies er in der Lyrik und in der Musik. Sein Individualismus, sein persönlicher < Stolz haben es verhindert, dass er im Soldatenthum das Ideal erblickte, dass ihm die Schönheit und Güte einer soldatischen oder Beamten-Hierarchie niemals klar wurde; dass ihm der Mann des friedlichen Fortschrittes immer höher stand, als der uniformierte Krieger. Aber neben diesem Individualismus gieng die Gabe einher, sich zu assimilieren, den Individualismus des Nächsten zu verstehen. Die Mission der Juden im Alterthum charakterisiert Muret mit den Worten: Sie wollten die Gerechtigkeit allen zutheil werden lassen, sie wollten jedem so viel Glück als möglich zuweisen; allen gleiches Recht und allen Recht am Glück, das war das Ideal der jüdischen Nation. Die Juden haben zuerst die Menschenrechte proclamiert. „Lernet Gutes thun, trachtet nach Recht, helfet den Unterdrückten, schaffet dem Weisen Recht und helfet der Witwen Sache," so spricht der Prophet Jesaias (Cap. 1, Vers 17). Der Glaube der Juden aber an das messianische Reich, die feste Zuversicht in die verheissene Zukunft, der wird zum Glauben an den Fortschritt, zum Vertrauen an das Aufwärtssteigen der Menschheit. Dieser Glaube war scharf unterschieden vom Glauben der übrigen Völker, die das goldene Zeitalter in der Vergangenheit suchten. Und die Juden fanden bald das praktische Mittel, um diese Zukunft vorzubereiten. Dieses Mittel ist die Wissenschaft. Der subjective Jude ist der geborene Skeptiker an der Autorität. Er prüft die Wahrheit von gestern an der Wahrheit von heute, und er revidiert unaufhörlich seine Ideen über Menschen und Dinge. Seltsamer Gegensatz! Der Jude, der so fest an der Tradition. seiner Gebräuche hält, war immer ein Kritiker aller traditionellen *) Maurice M u r e t, „L'Esprit juif", Paris, Librairie academique, Perrin, 1901. Gedanken in der Wissenschaft. Sein wissenschaftlicher Geist, sein Glaube an den Fortschritt, sein Individualismus, sein Hunger nach; Gerechtigkeit,,, seine durcji und durch demokratische Ueberzeugung, sein unermüdliches Streben, Recht, Glück und Wohlergehen zu verschaffen, das war es, was uns den Juden von heute als den Vorkämpfer des socialen Gedankens erscheinen lässt. In der Bibel sind die ersten Keime zum heutigen Soeialismus zu rinden, und was heute der Kampfruf von vielen Tausenden ist, das Schreien nach gleichen Rechten, die Sehnsucht nach der Sonne, die Hoffnung auf den Fortschritt der Menschheit, der jedem einzelnen zugute kommen wird, das alles stammt aus dem Gedankenkreise der Bibel. Nun kann man diese Eigenschaften des Juden verschieden deuten. Muret, der im Christenthum das Heil der Welt erblickt, und in den Geboten des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut wiederum die Säulen des Christenthums preist, nennt die Juden ganz folgerichtig die geborenen Revolutionäre und Materialisten. Es erfüllt ihn mit Entsetzen, dass die Jaden es klar ausgesprochen haben, es sei das Ziel des Lebens, so viel Genuss des Daseins als möglich so viel Menschen als möglich zu verschaffen. Er sieht in der nimmermüden Skepsis des forschenden Juden, in diesem fundamentalen Bedürfnisse jeder Wissenschaft ein zersetzendes Element. Ja, er betrachtet die Wissenschaft als solche als ein Werkzeug der Zerstörung. Und er nennt naiv und ruhig das Wirken des heutigen Jud«nthums eine Eutchristlichung der Welt. Renan sagte einmal, der Judaismus müsse schliesslich in eine dogmenlose Religion ausmünden, deren Wesen in der Emancipation des Individuums und in der Herrschaft der Gerechtigkeit auf Erden begründet sein würde. In dieser Dogmenreligion wäre geyviss Spinozas unpersönlicher Gott das herrschende Princip, die Liebe in Gott die nothwendige Moral. Denn diese Liebe in Gott besteht nach Spinoza in der Liebe unserer Nebenmenscheii. Man muss Spinoza studieren, um zu erkennen, zu welch hoher Stufe der Moral sich der I lealismus wandeln kann. In allen jüdischen Individualisten, die Muret charakterisiert — und er wird, fast unbewusst, immer gehässiger, je mehr er sich der heutigen Zeit nähert, erkennt er als Leitmotiv den Wunsch, dem Volke Glück und Wohlbefinden zu sichern. „Aufgabe der Regierung ist es, das Los der Armen zu verbessern.* Das war der Kehrreim der Beaconsfield'schen Politik. So blieb er dem demokratischen Ideal seiner Rasse getreu Wem er für das allgemeine Wahlrecht eintrat, so war er nur ein consequenter Jude. Schon Brandes hat auf Geistesverwandtschaft zwischen Beaconsfield und Lassalle hingewiesen. Nebenbei bemerke ich, dass Muret rechtzeitig daran erinnert, wie in Beaconsfield, vielleicht zum erstenmal iu diesem Jahrhundert der zionistische Gedanke auftaucht, die Sehnsucht nach Jerusalem, nach dem heiligen Lande. „Asian mistery" nennt er diesen Zug nach dem Osten. Bei Gelegenheit der Besprechung von Karl Marx führt Muret weiter aus, wie sehr der heutige Soeialismus im alten Judenthum wurzelt, und wie die Grnndzüge der marxistischen Lehre bei den Propheten des alten Bundes zu finden sind. Es ist nur consequent, wenn Muret feststellt, dass die Massen, indem sie sich vom heutigen Christenthum entfernen, sich dem Judenthum nähern, denn das Ideal ihres Zukunftsreiches ist ein speeifiseh jüdisches Ideal. Muret ist ein scharfer Gegner von Georg Brandes und Max Nordau. Aber wenn er ihre Eigenschaft auchverurtheilt und ihre Meinungen nicht theilt, er constatiert sie, Und er constatiert auch bei diesen Kritikern das skeptische, traditionsfeindliche, kosmopolitische Moment, die Fälligkeit, andere zu verstehen, im Gedankenkreise anderer zu leben, ohne sich selbst aufzugeben. Denn so assimilationsfähig der Jude auch ist, er bleibt doch immer der, der er ist. Das

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