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Die Welt · 1902-04-25 · 17 (25.4.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
17 (25.4.1902)
Article
Zangwill über amerikanisches Judenthum
Date
1902-04-25
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 17 „Die & Rabbiner haben bald alle Herrschaft über die Maschine verloren. Wenn die erste oder territoriale Periode des Judenthums als die mit Gesetz und Land und die zweite oder Ghetto-Periode als die mit Gesetz, aber ohne Land bezeichnet wurden, so muss man die dritte oder amerikanische Periode die ohne Gesetz und Land nennen. Die hebräischen Kenntnisse sind da die letzten, die man von einem Rabbiner verlangt. Ich will nicht behaupten, dass mit dem Hergeben Dr. Schechters an Amerika die alte Welt das Gleichgewicht der neuenJ wiederherstellt, denn das Land, welches die „Jewish Encyclopaedia" begonnen hat, ist im Begriffe, sich selbst ins Gleichgewicht zu bringen. Man darf auch nicht vergessen, es waren christliche Institute und nicht jüdische, welche Dr. Schechter bisher in unserer Mitte erhielten, und das amerikanische Judenthum ertheilt uns eine Lection, wie der Geist und das Wissen als der edelste Besitz einer Gemeinde zu schätzen sei. Als eifriger Anhänger von Dr. Schechters Ideen, finde ich bei ihm nirgends jenen Dogmatismus, von welchem ich in amerikanischen Zeitungen gelesen habe, aus dem Grunde, weil. er für rabbinisches Judenthum ist, die Rabbis des Talmud aber nicht Orthodoxe, sondern fortschrittliche Reformer waren. In der That ist gegenwärtig in Amerika eine Reaction am Wege, welcher Dr. Schechter Form und Richtung geben soll: Die alten Familien, welche ihie Sabbathlampen als Ghetto-Grotesken verkauft haben und sie nun als ästhetische Antiquitäten zurückkaufen, mögen von Dr. Schechter dahin gebracht werden, sie wieder zu erleuchten! Vor drei Jahren, als ich selbst in den Vereinigten Staaten war, hatte ich Gelegenheit, meiner Befürchtung Ausdruck zu geben — und der Gedanke ist damals und seither immer aufs neue missverstanden worden — dass das amerikanische Judenthum in seiner heftigen Reaction zur alten verknöcherten Orthodoxie durch Austern gemildert — zurückkehren würde. Eben in diesen Tagen wurde das Gerücht von Dr. Schechters Kommen zuerst laut, und ein enthusiastisches amerikanisches Mädchen frug m'ch: „Sollen wir alles halten, wenn Dr. Schechter kommt?" So leicht schiessen auch in unseren Tagen Mirakelglauben und Mythen in die Höhe. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass die einzigen Wunder, welche Dr. Schechter bewirken will, die der Anregung und Begeisterung, und die Wirkung seines Kommens nicht unmittelbar, sondern cumulativ sein soll. Ueber irrgläubige Haushaltungen werden Reine Mazzofh vom Himmel fallen. Was Dr. S che ch t er nach Amerika bringt, ist sein überliefertes Wissen, seine unvergleichliche Gelehrsamkeit, sein jüdisches Gefüllt, verbunden mit der Einsicht, dass die Entwicklung des Judenthums ihre eigenen Wege gehen muss. In die Synagoge will er zu seiner Erleuchtung gehen, zum Urquell, nicht zu jenen Brunnen, die ihr entsprungen sind, aber das heilige Wasser mit einem anderen Beigeschmack wiedergeben. Dr. Schechter hat es immer erkannt, dass das Judenthum seinen eigenen Charakter und Ton hat, und dass es lächerlich ist, auszurufen, dass das Judenthum eine Mission habe, und dann herumzutasten, was das für eine Mission sei. Ich glaube nicht, dass Dr. Schechter die Austern abschaffen wird. Es ist schwer, das Princip zu erkennen, nach dem die amerikanischen Rabbiner vorgehen und entscheiden, höchstens, dass es besser ist, die Austern offen zu essen, als sie im Geheimen zu öffnen, wie hier. Sicherlich wissen sie es, dass Welt46 Seite 3 sie damit die mosaischen Vorschriften beiseite schieben; wenn sie doch nur ihrem Geiste treu geblieben wären! Hätten sie doch — während sie Austern bewilligen — doch Krebse und Hummern verboten, weil diese lebend gesotten'werden, so hätten sie das Judenthum inUebereinstimmung mit seinen humanitären Anschauungen weiter entwickelt. Oder hatten sie nicht untersuchtes Wasser oder nicht untersuchte Milch — die fruchtbarsten Mikrobenherde — verboten oder Impfung zur Mizwah gemacht — sie hätten das Judenthum nach seiner hygienischen Seite weiter entwickelt. Eine bewusste Anpassung der modernen Anschauungen würde ein höheres Judenthum erzeugen, als jenen militärischen Mösaismus der ägyptischen Sclaven. Autokratische Gesetze erzeugen einzig und allein automatische Soldaten, und die Probe darauf ist die Leichtigkeit, mit "welcher der Soldat das Joch in dem Augenblicke abwirft, in dem er die Autorität des Gommandos zu bezweifeln beginnt. Disciplin mag eine militärische Tugend sein, aber Selbstdisciplin ist eine geistige Tugend, und nur solch ein Judenthum kann ein Passali der Freiheit feiern. Ausser diesem unlogischen Chaos, welches Doctor Schechter in Amerika finden wird, wird ihm noch eine ausserordentlich logische und consequente Richtung begegnen: eine mächtige Schule, welche alle Hoffnungen auf eine Wiederherstellung des Heiligen Landes perhorresciert und alle Ausdrücke dieser Hoffnung aus der Liturgie ausmerzt. „Washington ist unser Zion!" lautet der neue Ruf, und sein ehrlicher Ausdruck erregt ebenso meine Achtung wie die historische Weigerung der Annahme der holländischen Bürgerrechte du^ch die orthodoxe Gemeinde von Amsterdam» Ein Mann kann nicht zwei Herren dienen, und beide Vorgänge sind ehrliche Versuche, dem Dilemma zu entrinnen, welches der Nachwelt durch die Rabbiner hinterlassen wurde, indem sie nach dem Falle von Jerusalem die zweite oder landlose Periode des Judouthums mit der Denk- und Ausdrucksweise der ersten verknüpften. Ich weiss nicht, ob Dr. Schechlc r es in Aussicht nimmt, die einzige logische amerikanische Fortentwicklung zum Chaos, welches in diesem Lande herrscht, zurückzuführen, ich hoffe eher, dass, wenn er den Pendel zum Schwingen bringt, es zur einzigen logischen Alternative sein wird, zum Zionismus; umsomehr, als Dr, Schechter in jenem grausamen Lande (Rumänien) geboren worden ist, welches seinen Schatten über unser Bankett wirft, und uns eine beherzigenswerte Lection giebt, wie nothwendig ein Zufluchtsland für unsere verfolgten und heimatlosen Brüder ist. Mörder hatten im kleinen Palästina mehr Asyle, als die rumänischen Juden deren heute in der ganzen Welt finden. Dr. Schechter hat selbst das Amt eines Führers der Verirrten in seinen meisterlichen „Jüdischen Studien0 so definiert: Die wahren Autoritäten sind diejenigen, welche, ihre Inspiration aus der Vergangenheit entnehmend, es verstehen, uns mit der Gegenwart in Uebereinstimmung zu bringen und für die Zukunft vorzubereiten. Nun, da er berufen ist, jene Zukunft durch sein Seminar selbstthätig zu formen, muss er diese schwere Aufgabe auch auf sich nehmen; schwerer durch die Thatsache, dass Dr. Schechter das Judenthum als eine Missions-Religion ansieht, das durch seine Ideen die der Welt zu formen imstande ist. Aber das Judenthum will nicht länger ein einsamer Leuchtthurm inmitten einer finsteren See sein. Es ist nicht, wie vielleicht zu Pharaos Zeiten, die einzige Schutzwache gegen die Abgötterei und Unmoral. Andere

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