Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 17 (25.4.1902)
- Article
- Grossherzog Friedrich
- Date
- 1902-04-25
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315977-3320431--31760-3320576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 „Die £ Welt" Kr. 17 wie >£r als Schwiegersohn des Königs von Preussen, doch nimmer von der Linie selbstbewussten deutschen Fürstenthums abwich, wie er auf dem Frankfurter Fürstefntage mit vollendeter Loyalität seinen Gegensatz zu dem Kaiser Franz Joseph geltend machte, der selbst nicht anstand, dem Grossherzog dafür mündlichen Dank zu sagen. Es ergab sich aus der so gewonnenen Autoiität von selbst, dass Grossherzog Friedrich am 18, Jänner 1871 im Spiegelsaale des Schlosses von Versailles nach der Kaiser-Proclamation das erste Hoch auf den ersten Kaiser ausbrachte — auf Kaiser Wilhelm, nicht auf den deutschen Kaiser noch auf den Kaiser von Deutschland. Denn Bismarck wollte, wie der Grossherzog in vertraulichen Aufzeichnungen selbst erzählt, einen „Deutschen Kaiser", der alte König Wilhelm aber wollte „Kais<r von Deutschland" heissen, so dass der erste fürstliche Hochrufer, um nach keiner Seite hin anzustossen, im letzten Moment zu dem Auskunftmittel griff, den „ Kaiser Wilhelma hochleben zulassen. Auch in den gewaltigsten Momenten bedarf es des Klugen, der behutsam Kleines glättet, damit Grosses nicht Schaden leide. Seit jenem Tage in Versailles steht Grossherzog Friedrich dem gesammten deutschen Volke vor Augen als eine Säule des Reiches, die einst schon von den Morgenstrahlen des Einigungstages umglänzt war und nun auf der Mittagshöhe der nationalen Macht die grosse Tradition fast bloss allein noch in seiner anziehenden Persönlichkeit verkörpert. Doch wenn von selbst die Betrachtung nach der politischen Seite hinneigt, sobald es sich um das Regierungsjubiläum eines von allen guten Genien begabten Fürsten handelt, und nach der specifisch-nationalen, sobald dieser Fürst zu den Grossen eines nationalen Heldenzeitalters zählt, so ist es gerade bei dem1 Grossherzog Friedrich selbstverständlich, dass aüpft' das Menschliche an ihm besonders betont sein will,' damit dem Bilde ein wesentlicher Zug nicht fehle. Dieser Zähringer auf dem Throne hat etwas von dem historischen „Börger kommender Jahrhunderte", und er ist doch auch voll von dem Geiste der Gegenwart. Mit ausgesuchten Männern des Staates und der Wissenschaft hat er sich von je umgeben, mit den Ro ggenbach, Mathy, Jolly als Regent, mit den Leuchten der Heidelberger Hochschule als Humanist. Jung erhalten als Fünfundsiebzigjähriger, ist er seinem Volke und der Welt, weil er sich gegen keine grosse Zeitbewegung mürrisch verschloss, keiner Confession oder Rasse oder Nationalität ein Vorrecht vor der anderen zugestand — zuerst ein Mensch und dann ein Fürst. Nach seiner berühmten Oster - Proclamation vom 7. April 1870, mittelst welcher er den confessionellen Frieden in seinem Lande verkündete, vernahm man das grosse^Wort, in dem tausendstimmigen Jubel seien die katholischen Stimmen von den protestantischen nicht zu unterscheiden gewesen. Einen solchen Fürsten darf man preisen und mehr noch als ihn das Vo!k, dem er gehört. Denn wie sein eigenes Volk, so liebt er jedes Volk mit dem grossen Mitleid des bevorzugten Herzens, das allen Mühsamen und Beladenen, allen Verfolgten und Gepeinigten behilflich sein möchte zur Erlangung stillbeglückter Wohlfahrt in wohnlich umfriedeter Heimat. Wenn einst auch unserem Volke solches Ideal sich verwirklicht, so werden wir dieses deutschen Fürsten in unauslöschlicher Erkenntlichkeit zu gedenken haben als eines freien, unbefangenen Grossen dieser Erde, dem jedes Volksweh in die Seele schnitt. Darum wollen wir nicht stumm beiseite stehen, wenn er mit brausenden Accorden der Bogeistcrung feiert wird. Und wir meinen, dass er jede Stimme in dem enthusiastischen C^ore mit gleichem Wohlwollen vernimmt* iBennj&o hat er sejbsteinmal in einer feierlichen Ansprache verkündet: „Ohne Häts über Gegensätze, welche der Vergangenheit angehören müssen, stehe ich fest in dem Vertrauen zu einer Zukunft, die niemanden verletzen will, weil sie gegen alle gerecht sein will." Und weil er als Gerechter gegen alle bewährt ist, deshalb preisen ihn alle dahdm in seinem Lande und draussen in der weiten Welt. Zangwill Uber amerikanisches Judenthum. Vorige Woche fand in London ein grossartiges Abschiedsbankett zu Ehren des berühmten Hebräist^n Prof. Dr. S. Schechter statt, welcher seine Professur für rabbinische Literatur an der Universität Cambridge und für Hebräische Sprache und Literatur am Universitäts- College in London verlässt, um in New-York die Leitung des neugegründeten jüdisch - theologischen Seminars zu übernehmen. Der Chief-Rabbi von England führte den Vorsitz, und Zangwill war die Aufgabe zugefallen, einen Toast auf die jüdischen theologischen Seminarien in London und New-York auszubringen« Der mit gewohnter Meisterschaft gesprochene Trinkspruch lautete in seinen wesentlichen Stellen, wie folgt: „Es ist ein ernster Augenblick, in dem wir uns befinden, nicht bloss wegen der Abreise unseres verehrten Freundes Dr. Schechter, sondern wegen der Thatsache, dass Dr. Schechter im Begriffe ist, die Entwicklung des Judenthums in einem Lande zu beeinflussen, das dank der Verbindung von westindischen und ostländischen Juden wahrscheinlich bestimmt ist, bis wir das Seminar von Jerusalem haben werden, die Flagge des Judenthums in der modernen Diaspora hochzuhalten. Es ist gesagt worden, dass man nach dem Durchqueren des Atlantischen Oceans erst seinem Jahrhundert gegenübertritt. Und das gilt am allermeisten mit Bezug auf das Judenthum. Denn der mittelalterlichen oder Ghetto-Periode und der alten oder territorialen Periode in Palästina ist eine dritte, moderne Epoche gefolgt; und es wäre eitel, es zu leugnen, dass theologische Fragen nicht länger mehr jenes Interesse erwecken, wie in den früheren Zeiten. Theologie, einst die Königin der Wissenschaften, ist in Misscredit gekommen; und in der That, eine Wissenschaft, welche nach den einzelnen Seminarien variiert, hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie mit Argwohn angesehen wird. Zum Glück hängt die Religion ebensowenig von der Theologie ab, wie die Liebe von der Phrenologie. Und wenn ich, der wenigst Orthodoxe von allen, den Toast auf unser Seminar ehrlich vorschlagen kann, so geschieht es nicht, weil ich denke, dass Toaste nothwendig sind, sondern weil ich in unserem Seminar ein bewunderungswürdiges Beispiel einer Schule der zweiten jüdischen Periode erblicke, jener Periode, in der wir in England noch leben. Als einer, der sich mit dem Zionismus identificiert, kann ich nicht vergessen, dass es die Orthodoxie ist, welche 19 Jahrhunderte hindurch die nationale Hoffnung, wenn sie einzuschlafen drohte, immer aufs neue wach erhielt. Und — mit Ausserachtlassung des poetischen und historischen Zaubers eines alten Glaubens — eine Orthodoxie hat den Wert als Bremse für die Reformen der menschlichen Einrichtungen, welche das mit dem Bicycle gemein haben, dass sie niemals stille stehen können. Beständigkeit wird durch Bewegung erreicht, .nicht durch vergebliche und heftige Anstrengungen, am Platze zu bleiben» Das amerikanische Bicycle hat keine Bremse — Facilis desce^sus. Die