Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 16 (18.4.1902)
- Article
- Wie uns Andere sehen
- Date
- 1902-04-18
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 16 Sollte ich mit diesen Vermuthungen das Richtige getroffen haben, dann möchte ich mir eine Erwiderung auf diese Einwendungen erlauben. Diese Bedenken werden einmal überwunden werden müssen; je eher man damit beginnt, desto besser. Was den ersten Einwurf betrifft, so ist es nun zur Genüge bewiesen, dass das Verweilen unter minderwertigeren Nationen viel mehr Nachtheile hat, als das Leben im eigenen Lande. Freilich verkauft der russische Bauer seit Jahr und Tag den Juden im Winter die Ernte, und zwar weit unter ihrem Werte, aber der dumme, leichtsinnige Bauer, den das Gesetz nicht vor Ueberlistung schützt, hat sich jetzt wie ein wildes Thier gegen sie gekehrt und sie wider jenes Gesetz zu Tausenden hingeschlachtet. Uebrigens sollen die Juden ja gar nicht ihre zweite Heimat verlassen, bevor der Reichthum ihres eigenen Landes zutage gefördert ist. Dimidium facti qui bene coepit, habet. Die russischen Juden allein, die für ihr Gut und Blut zittern, reichen vollständig aus, um Palästina zu colonisieren; die übrigen würden schon folgen. Was den zweiten Einwand betrifft, so kann ich nur sagen, dass die Geschichte ein Spiegel ist, den wir im Rücken haben. Wenn man sich umwendet und nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Verstände hineinblickt, so wird man deutlich die Zukunft darin sehen. Was die Juden einmal gethan haben, können sie auch wieder thun. Sie sind ein geniales Volk, und dem Genie werden keine Schranken gesetzt durch die Natur, sondern durch den Willen, durch die Gewohnheit oder durch den Zufall. Einen Versuch unterlassen, heisst noch nicht Schiffbruch leiden. Hat dieses Volk je etwas versucht, was ihm nicht glänzend geglückt wäre? Sie sind Krieger, Schriftsteller, Baumeister, Kaufleule, Gesetzgeber und Landwirte gewesen, und auf allen diesen Gebieten haben sie das Höchste geleistet! Wann sie den Weg gehen werden, den ihnen das Schicksal gewiesen hat, kann ich nicht sagen, aber das weiss ich, wenn der grosse Tag kommt, dann wird es keiner weitgehenden Berechnungen, sondern einfach des gläubigen Vertrauens bedürfen, das sie in alten Zeiten besessen, um sie zum Siege zu führen, dann werden sie gross sein in den Künsten des Friedens und der Waffen, und ihre Feinde werden vor ihnen vergehen, wie der Schnee vor der Frühlingssonne. Sollten sie im Anfange der Hilfe bedürfen — gesegnet die Nation, die sie ihnen anbietet, während an der Nation, die sie verfolgt, früher oder später ein Exempel statuiert werden wird. Wenn also die Judenverfolgung die Führer des jüdischen Volkes veranlassen sollte, Palästina mit Juden zu colonisieren, so lasst uns ihnen mit Schiffen, mit Matrosen, mit Geld, kurz mit allem, dessen sie bedürfen, bereitwillig dienen. Das wird eine bessere nationale Anlage sein, als alle Actien der Welt." Ich werde mich wohl hüten, dieser begeisterten Prophezeiung etwas hinzuzufügen. Leo Rafaels. Ein zionistischer Musterverein. (Original-Correspondenz der „Welt" aus Südafrika.) Ceres, den 23. März 1902. Unser Verein »Tikwath Zion«, zu dessen Mitgliedern sämmtliche Juden unserer Stadt ohne Ausnahme gehören, ist am 24. August 1901 durch die Herren A. H. Miller und Lazarus G o 1 d b e r g gegründet worden. Von unserer bisherigen Thätigkeit erwähne ich : Wir haben i52 Shares der Jüdischen Colonialbank erworben, für welche wir 163,8 Pf. St. baar an die »Bank of Africa« in Cape Town abgeführt haben. Ferner haben wir für weitere 35 Shares der Jüdischen Colonialbank Gelder in Bereitschaft, und warten bloss, bis die »Bank of Africa« eine neue Lieferung von Shares aus London erhalten wird. Schliesslich haben wir an die »South African Zionist Federation« eine Bestellung auf 3oo Shares der Bank gemacht, welche wir, wenn sie eintreffen werden, rasch an den Mann zu bringen hoffen. Für die Landarbeiter in Palästina haben wir 2,10 Pf. St. gesammelt (s. »Die Welt« Nr. 4). Und heute schickt unser Verein die Summe von 10 Pf. St. und i5 Shares der Jüdischen Colonial- Bank (die Eigenthum des Vereines sind) dem jüdischen Nationalfonds, sowie 1,13,6 Pf. St. Schekelgelder dem Actionscomite zu. Diese Schekelgelder haben wir heute, am Purim, gesammelt. Da der Jüdische Nationalfonds viel, viel Geld nöthig hat, welches sich durch Spenden und Almosen allein nicht mit der wünschenswerten Schnelligkeit aufbringen lassen wird, haben wir beschlossen, alles ersparte Geld unseres Vereines dem Jüdischen Nationalfonds zuzuführen. Wir werden auf diese Weise den Jüdischen National-Fond mit 1,10 Pf. St. monatlich unterstützen können. In der That: wozu braucht ein zionistischer Verein Geld, wenn die Unkosten der Verwaltung gedeckt sind? Wir glauben, dass wir einen Reservefonds durchaus nicht nöthig haben, wenn ein Institut wie der Nationalfonds so sehr auf unser Geld angewiesen ist. Wenn alle zionistischen Vereine unserem Beispiele folgen möchten, würde der Nationalfonds bedeutende monatliche Zuschüsse erhalten und alsbald in ungeahnter Weise anwachsen. Alle Mitglieder unseres Vereines »Tikwath Zion« gehören den »Ceres Voluntary Town Guards« (der Freiwilligen Bürgergarde von Ceres) an. Wir sind gute Bürger des britischen Reiches und erfüllen unsere patriotische Pflicht als Glieder der Bürgerwacht unseres englischen Städtchens aufs beste. Eines Abends, als wir auf das Schlachtfeld gerufen wurden, die Boeren zu erwarten, welche etwa fünf englische Meilen weit von uns ihr Lager aufgeschlagen hatten, sagte ich zu unserem Präsidenten J. Kirsch : miM *11SV TTIBJ *6 'Ö-D ,DW5,1 DK >>Sie haben ™ich zur Hüterin der Weinberge gemacht, meinen Weinberg aber hütete ich nicht.« Wir sind also »kämpfende Zionisten« und begrüssen unseren tapferen Genossen Israel Zangwill als englische Soldaten und Kämpfer für Zion. A. H. Miller, Secretary of the „Tickwath Zion Association", Ceres C. C. Josef in Aegypten. Von Heinrich Brugsch-Pascha. ) Wie eine kostbare Perle leuchtet die Geschichte von Josef von Aegypten aus dem Schatzkästlein der biblischen Ueberlieferung heraus. Sie ist und wird für alle Zeiten ein unübertroffenes Muster der morgenländischen Erzählungs- *) Wir entnehmen diese, jeden Juden interessierende Studie, einer vor einiger Zeit in der „Deutschen Rundschau" erschienenen grösseren Arbeit des berühmten Aegyptologen.