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Die Welt · 1902-04-18 · 16 (18.4.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
16 (18.4.1902)
Article
Wie uns Andere sehen
Date
1902-04-18
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 „Die # Welt" Seite 3 schildert die Juden vor der Klagemauer und schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen vor entrüsteter Verwunderung, dass die reichen Glaubensgenossen in Europa dem sinnlosen Klagen müssig zusehen und es durch Unterstützungen fördern. Manche Leute, sagt der Engländer, finden das Schauspiel der betenden Juden vor der Klagemauer rührend — ich finde sie grotesk bis zur Traurigkeit. Wenn ihnen das Erbe ihrer Väter wirklich so sehr am Herzen liegt, dann gibt es doch wahrhaftig andere Mittel, es wieder zu erlangen. Warum zum Beispiel wenden sie sich nicht an ihre reichen Glaubensgenossen, dass die es dem Türken abkaufen? Die Londoner Börse allein zählt ein Dutzend solcher Männer, die das besorgen könnten, ohne sich besonders a nz u s tr e n g e n.W ahr h a f t i g, das Ganze dreht sich nur um den Preis, und in einer solchenSache kann doch die Geldfrage nicht in Betracht kommen. Oder unterlassen sie es am Ende aus Gl eichgiltigkeit und Gefühllosigkeit?2) Ach, wie die Mahnung aus fremdem Munde in die Seele schneidet! Man lässt sich von der schweren Tagesarbeit niederdrücken, so dass das Auge kaum das Allernächste übersieht, die Sorgen des Augenblickes nehmen einem die Kraft, sich zur Sorge um das Morgen zu erheben, und allmählich vergisst man Vergangenheit und Zukunft, vergisst man sein Volk, vergisst man das eigene Ich. Man lebt weiter in Russ und Rauch, als könnte es nicht anders sein. Da kommt so ein Westeuropäer aus der frischen Luft, aus der Welt des Lichtes und weckt uns mit wohlwollender Grausamkeit aus unserer Versunkenheit: „Ihr lächerlichen Leute, warum verkommt ihr in der unerträglichen Atmosphäre, da es doch nur einer kleinen Handbewegung bedarf, um der Flamme ihre schönste Leuchtkraft zu enllocken!" Ja warum? Warum haben die zwölf Millionäre der Londoner Börse Geld für alles, nur nicht für das Erbe der Väter? Der Engländer von heute, dessen Ausruf der Verwunderung mir in den Ohren gellt, spricht als ein „praktischer Westeuropäer", wie er selbst sagt; die sittliche Seite der Frage wird von ihm kaum berührt, das Gefühlsmoment (so weit wir Juden in Betracht kommen) gerade nur gestreift. Und doch nimmt er für die einzig vernünftige Lösung der Palästina*Frage Partei, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass alle lebendigen Kräfte im Judenthum die Erreichung dieses Zieles anstreben, wohl auch ohne Ahnung davon, dass ein grösserer Vorgänger in dem Erzählerberufe, nämlich Charles Reade^ mit der ganzen Kraft seiner stets siegreichen Beredsamkeit für den gleichen Gedanken eingetreten ist. Es ist ein purer Zufall, dass mir gerade jetzt ein vergessener Band von Reade in die Hände fällt, der eine geradezu prophetische Philippika gegen die zionsfeindlichen Millionäre von heute enthält.3) Ich erinnere mich nicht, dass Charles Pteade jemals unter. unseren christlichen Freunden angeführt worden wäre; deswegen seien seine glühenden Worte an dieser Stelle wiederholt: a) For instance, they might persuade their wealthier brethren to buy out theTurk. There are a dozen gentlemen on the London Stock Exchange who could do this without much individual inconvenience. Surely it is only a question of price, and in such a cause meremoney should not count. Are they held back by indifference and apathy? 3) Readiana. Tauchnitz 1882. „Ein charakteristisches Merkmal des wahren Christen zum Unterschiede von dem Seheinchristen ist, dass er die Heilige Schrift mit Sorgfalt und Ehrfurcht studiert und daraus lernt, was sein Gemüth und sein Verstand den Geschichtsschreibern, Dichtern, Philosophen, Propheten und Lehrern zu verdanken hat, die, allesammt Juden, zum Theile in griechischer, zum Theile in hebräischer Sprache schrieben; er lernt ferner die jüdische Nation, die sich jetzt im tiefsten Unglück befindet, bemitleiden und achten, und er hofft mit ihr, dass die Zeit nicht mehr fern ist, wenn sie von ihrem Lande wieder Besitz nehmen wird, welches — das ist ja sonnenklar — nur ihrer harrt. Diese Hoffnung jedes wahren Christen ist zugleich der sehnsüchtige, glühende Wunsch vieler, aus einem^ anderen Grunde: die Weissagungen der Propheten sind* sie mögen in Einzelheiten dunkel und unklar sein, in zwei Punkten klar wie der Tag — erstens : dass die Juden Palästina wieder besitzen und es vom Libanon bis zum Euphrat beherrschen werden; zweitens : dass dieses Ereignis die erste in einer grossen Reihe von Veränderungen bilden wird, welche einen grossen Fortschritt in der Lage der armen leidenden Menschheit und der Schöpfung im allgemeinen herbeiführen werden. Wir stehen so sicher vor dem glorreichen Ereignisse der Rückkehr der Juden in ihre Heimat, als es sicher ist, dass die Sonne morgen aufgehen wird. Der einzige Unterschied ist der, dass die Sonne zu einer bestimmten Stunde aufgehen wird, und dass der Tag, an dem die Juden in ihre Heimat zurückkehren werden, um ihr altes Reich wieder zu errichten, noch unbestimmt ist. Es ist eine Schwäche der Menschen, sich einzubilden, dass ein unbestimmter Termin in weiter Ferne liegt. Das ist aber sehr unvernünftig. Wohl ist es die Pflicht aller klugen, besonnenen Männer, Gott nicht zuvorkommen zu wollen, andererseits ist es aber auch ihre Pflicht, die Vorboten dieses grossen Ereignisses zu beachten und mit ihrer Mitwirkung nicht zu zögern, wenn das Glück uns beschieden sein sollte, Zeugen dieser bedeutenden Begebenheit zu werden. Die Verfolgung der Juden gerade in den Ländern, wo sie am zahlreichsten sind, sollte sie nicht ein Vorbote dieses grossen Ereignisses und ein Wink der Vorsehung sein, dass ihres Bleibens nicht länger ist in der europäischen Tartarei? Ich glaube fast, dass dieser Wink nothwendig war. In meiner Jugend sehnten sich die frommen Juden nach dem heiligen Lande und beteten wie Daniel — die Fenster, die nach Jerusalem giengen, waren stets geöffaet Jetzt aber scheint eine kühle Gleichgültigkeit über sie gekommen zu sein. Ich wundere mich oft^ dass sich ihre Empfindungen in einer so hehren Sache und in verhältnismässig so kurzer Zeit so ändern konnten, und ich grüble oft darüber nach, welches wohl die Gründe sein mögen, die diesen plötzlichen Umschwung herbeigeführt haben. Ich bin darin zu folgendem Resultat gekommen: 1. Unter verschiedenen Nationen verstreut, deren Bewohner im Durchschnitt den Juden in geistiger Beziehung bedeutend nachstehen, gedeihen sie einzeln als Fremde viel besser, als sie ihrer Ansicht nach in grosser Menge in ihrem eigenen Lande fortkommen würden, wo es nur wenige Dummköpfe geben wird. 2. Haben sie jahrhundertelang ihre Fähigkeiten auf einer beschränkten Anzahl friedlicher Gewerbe und Geschäfte bethätigt und trauen es sich vielleicht nicht zu, dass ihre Fähigkeiten nun plötzlich dazu ausreichen sollen, einen vollkommenen Staat mit Soldaten, Matrosen, Kaufleuten, Landwirten und Künstlern zu bilden.

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