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Die Welt · 1902-04-04 · 14 (4.4.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
14 (4.4.1902)
Article
Däumerle und Bäumerle oder Die Zukunft
Date
1902-04-04
Page
13 (sequence 3)
Language
German
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Nr. H „Die # Welt" Seite 13 gelockt, um mich das Gruseln zu lehren? Nie wieder kriegst Du mich dran." „Nein,' nein " begütigte Bäumerle: „Ich hatte nicht diese Absicht .... Etwas anderes. Sieh Dich um! Was erblickst Du da hier?" < r „Aecker," sagte Däumerle. „Sonst nichts?« „Sonst nichts . ... .Ja, dort sind die letzten Häuser der Stadt. Und hier möchte ich nicht allein herumgehen, wenn es finster wird/' „Blöde Augen! Ich will Dir die Zukunft zeigen l" „Aber, bitte, nichts Gruseliges! Das vertrage ich nicht!" „Sei unbesorgt! Ich will Dir im Gegentheile das Leben zeigen, wo es am blühendsten ist. In einigen Jahren werden hier die feinsten Leute wohnen." „Hahaha, auf diesen Feldern? Ich sehe die Zelte noch nicht aufgeschlagen." „Wer spricht von Zelten? Hier werden reizende Häuser stehen, umgeben von Garten. Du hast selbst wahrgenommen, wie übel es in den engen Gassen duftet. Die Menschen 1 locken zu dicht beisammen. Das bekommt ihnen nicht. Sie werden krank und sterben zu früh \" „Schon wieder \" „Entschuldige! Sagen wir lieber, sie leben nicht so gut und nicht so lange, wie sie könnten. Eine Pflanze, ein Thier braucht Luft und Licht. Ein Mensch auch. Die Stadt muss sich ausdehnen, sie muss, sie wird. Weisst Du, wie ich diese leeren Felder nenne, auf denen sich mancher köstliche Bau erheben wird? Ich nenne sie: Die Zukunft! Hier wird eine Stätte glücklicherer Menschen sein, von der Natur durchduftet, von der Kunst erhöht. Hier wird man die herrlichsten Anlagen maehen, und billig." „Billig \" murmelte der Kleine träumerisch. „Jawohl, spottbillig. In der Stadt muss man erst ein Haus niederreissen, wenn man eines bauen will. Und die Plätze sind darum furchtbar theuer. Die Felder hier kosten beinahe gar nichts. Denke Dir, wenn man den unglücklichen Mietsparteien der Stadt hier prachtvolle Wohnungen für dasselbe Geld oder billiger anbieten wird, so werden sie doch das Stückchen Weg nicht scheuen." „Die Fahrt im Omnibus ' ist eher angenehm," erinnerte sich Däumerle. Ein Gedanke durchblitzte ihn bei den schwungvollen Worten seines Gefährten. Aber als ein praktischer Mann wollte er dessen Verumthungen zunächst in gute, feste, aufrechte Ziffern umsetzen: Das alte Misstrauen von der afrikanischen Heise her, die nur bis ans Ende der Wurst gegangen war. Die Berechnungen ergaben einen stattliehen Gewinn. Da erschrak Däumerle: Vielleicht wären auch schon andere Schlauköpfe auf den grossartigen Einfall gerathen. Man sollte doch der Sache augenblicklich nachgehen, und das thaten sie ohne Säumnis. Der Bauer, dem die Felder gehörten, war bald gefunden. Sie wurden mit ihm eilig handelseins und bestellten ihn für den nächsten Tag zum Abschlüsse des Vertrages in die Stadt. Däumerle hatte eine unruhige Nacht: ob der Bauer es sich noch überlegen würde. Nein, er kam. Der Handel wurde fertig. Bisher war die Sache verhältnismässig rasch gegangen. Die Zukunft gehörte ihnen. Däumerle und Bäumerle hatten in ihrer Begeisterung alles, was sie besassen, an diese prachtvolle Unternehmung gesetzt. Nun galt es, die weiteren Mittel für den Ausbau des Gedankens herbeizuschaffen, und da begannen die Schwierigkeiten. Däumerle lief herum und suchte, Genossen zu finden. Da kam er schön an. Das sei ein hirnverbrannter Einfall. Niemand werde sich so weit vom Mittelpunkt entfernen wollen. Er bemühte sich, den pathetischen Zug Bäumeries nachzuahmen und schwärmte von den Herrlichkeiten der Zukunft. Die praktischen Leute lachten ihn aus. Er sank in ihrer Achtung. Und in diesen vergeblichen Anstrengungen ergrimmte er allmählich wider den Narren, der ihn verführt hatte. Bäumerle zuckte hochmüthig die Achseln: Der Unverstand der Mittelmassigen beweise gar nichts. " Er zog Beispiele aus1 der Geschichte an. Damit beschwichtigte er seinen verzagenden Genossen eine Weile, bis die Tröstungen sich abnützten. Eine Zeit vergierig. Sie hatten ihr Besitzthum nicht wieder gesehen. Da machte Däumerle in einer trüben Stunde den Vorschlag, ihre Zukunft zu besichtigen. Wieder fuhren sie in einem solchen Rumpelkasten hinaus. Diesmal gab es keine angenehme Reisegesellschaft, und es regnete, es war Herbst. Die Schuppen fielen Däumerle von den Augen. Ja, es war zu weit. Es war unmöglich. Die Zukunft verwandelte sich wieder in leere, unbestellte Felder. Und es gab dann manchen heissen Streit zwischen den Freunden. Däumerle quälte den anderen so lange, bis dieser einwilligte, die Zukunft wieder loszuschlagen. Das war nur mit einem erheblichen Verluste durchzuführen. Sie suchten den Bauer auf, und der liess sich bewegen, die Felder um die Hälfte des früheren Preises zurückzunehmen. Bäumerle behielt sieh ein Fleckchen am äussersten Ende zurück, weil er dort für sich ein kleines Haus errichten wollte. Denn er, er glaubte unverbrüchlich an die Zukunft. Er f ieng auch an, es zu bauen. Als es fertig war, zog er hinaus und hauste in der Einsamkeit. Zwischen ihm und der Stadt lagen die Felder, die nur das wechselnde Kleid der Jahreszeiten trugen. Wenn bei Däumerle nach ihm gefragt wurde, gab er die Antwort: „Vollständig übergeschnappt!" Sie sahen einander viele Jahre nicht. Indessen erschien am Bande der Stadt im folgenden Sommer ein anderer Wahnwitziger, legte sich einen Garten an und stellte in diesen hinein die erste Villa. Das Beispiel blieb jahrelang vereinzelt und sah lächerlich aus. Dann kam ein zweiter. Bald nachher tauchte eine Gruppe von Ansiedlern auf. Und als ihrer erst einige waren, nahm sich die Sache nicht mehr so verrückt aus. Die Mehrheit sagt uns immer, was vernünftig ist. Zum Schhisse waren diejenigen die gescheitesten Leute, welche die engen Gassen verliessen, um in der grüneren Freiheit zu leben. So geschah allmählich etwas Wunderbares. Die letzten Häuser schienen sich in Bewegung zu setzen, denn der Raum zwischen Bäumeries kleinem Hause und der Stadt wurde schmäler. Es war, wie wenn ein Ebbeboden versehwindet. Die Flut rückte heran. Und als sie schon nahe war, so nahe, dass Bäuniorles armes Häuschen in einer beginnenden Gasse stand, erhielt er den Besuch eines weisshaarigen Männchens. Der andere war es, der Rechner, der Praktische, der Bereuer. Diesmal freilich bereute er etwas anderes. Er sprach aber doch scherzend von den alten Zeiten und vorigen Irrthüiuern. Und dann: „Ja, wo sind denn unsere Felder gewesen? Ich erinnere mich nicht mehr. Du weisst es gewiss. Du bist ja hier geblieben und hast auf die Stadt gewartet. Welches Stück hat uns gehört? War es nicht von dort angefangen, wo das Kococo-Palästchen steht, bis hinüber zu der rothen Villa? Sag' mir, wo die Zukunft jetzt liegt?" Aber der Hausherr führte ihn an ein Fenster, das auf der anderen, von der Stadt abgekehrten Seite war. Da erblickte man nur leere Felder, bis an den Horizont. Bäumerle reckte den Ann aus: „Dort!" Zweierlei Juden. Roman von Max Viola. (Fortsetzung.) „Wie, der Sohn von meinen Jacob? Das ist doch grossartig! Der Sohn vom Jacob Rosensteiii!" Er schlug Paul mit der flachen Hand auf die Schulter. „Junger Mann," sagte er, „In Ihnen habe ich gefunden, was ich suche. Sie sollen mir helfen. Es soll Ihr Schade nicht sein. Können Sie die Gräfin aufsuchen? Können Sie vermitteln, dass ich mit ihr spreche?"

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