Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 14 (4.4.1902)
- Article
- Däumerle und Bäumerle oder Die Zukunft
- Date
- 1902-04-04
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 11 „Die # Welt" Nr. 14 perlen yoji .verschiedener Farbe angekauft, weil jeder weiss, dass man dafür bei den wilden; Völkerschaften alles bekommt; für die andere Hälfte aber Wurst als Wegzehrung. Die Würste waren Däumerles geistiges Eigenthum, die Glasperlen hatte Bäumerle durchgesetzt, von dem auch der Plan zur Entdeckungsreise ausgegangen war. Sie kamen nur bis ans Ende der letzten Wurst. Dann mussten sie zu den väterlichen Prügeln heimkehren. Däumerle verschwor es gekränkt, jemals wieder einen Erdtheil zu entdecken. Bäumerle gelobte sich, das nächstemal nur Perlen mitzunehmen, weil man ])ei diesem Tersuche zu sehr von der Wurst abhängig gewesen. Man muss aus den Erfahrungen lernen. Im Uebrigen war der lange Bäumerle in den Schuljahren viel glücklicher, als der kurze Däumerle. Denn Bäumerle freute sich immer auf die Ferien, also zehn Monate hindurch, und nur in den freien Wochen war er schrecklich verstimmt, weil er das bevorstehende Lernen lästig empfand. Däumerle aber litt stündlich unter der Bildung, und jauchzte, wenn sie unterbrochen wurde. Später hatten sie merkwürdige Abenteuer. Wenigstens meinte der Kurze, seine Erlebnisse kämen zum erstenmale in der Welt vor. Dasselbe hielt der Lange von den seinigen. Däumerle lernte als junger Mann ein schadhaft gewordenes Mädchen kennen, doch weil es eine kleine Mitgift hatte, nahm er es eilig zum Weibe. Der Entsehluss reifte plötzlich in ihm nach einer Berathung mit seinem Freunde. Dieser hatte sich nämlich entschieden gegen eine solche Ehe ausgesprochen. Däumerle hegte eine so geringe Meinung von ihm, dass er das für unbedingt vernünftig hielt, wovon der Unpraktische abrieth. Aber Däumerle war ein grosser Bereuer, und als er erst in der Ehe war, seufzte er oft und oft: Ach, Bäumerle hatte recht! Ach, Bäumerle hatte recht! Und Bäumerle handelte auch so, wie sein Eath gewesen war. Er heiratete nicht in der Geschwindigkeit ein hübsches Lärvchen oder ein Säckchen Geld. Er überlegte, er prüfte, wenn die Gelegenheit oder die Versuchung an ihn herantrat. Es begab sich einmal im-Frühling, dass sie miteinander spazieren giengen. Bäumerle philosophierte, wie es seine Gewohnheit war. Da sprach er zu seinem vom ehelichen Schicksale gedemüthigten Freunde: „Man nimmt eine Frau nicht nur für die Honigwochen, sondern für alle folgenden Tage und Nachte des Lebens. Wer also richtig wählen will, der wird sich nicht das Mädchen, sondern dessen Mutter ansehen." Däumerle hatte aber zufällig an diesem Tage zuhause keinen Verdruss gehabt und war gut gelaunt. So sägte er: „Dann heirate gleich Deine Schwiegermutter, wenn sie Witwe ist." Darauf entgegnete Bäumerle weise: „Mein Lieber, jeder heiratet seine Schwiegermutter. Er bemerkt es nur im ersten Augenblicke nicht. Mir kann das freilich nicht passieren. Ich habe mir angewöhnt, die Menschen nicht allein darauf anzusehen, was sie gerade jetzt sind, sondern auch auf ihre künftige Gestalt." „Donnerwetter!" rief Däumerle. Aber es wurde nicht klar, ob dies der Weisheit seines Freundes galt oder einem vorüberrauschenden Weiblein, dem er stark nachschielte. „Ja wohl," fuhr Bäumerle fort, „ich bin so weit. Ich glaube, es ist selten, dass ein Mensch es so weit bringt. Ich kann mir die Zukunft vergegenwärtigen." „Und wenn schon!" warf Däumerle ein. „Oho! Du wirst mir erlauben: das ist sehr viel. Ich sehe im Knaben den Mann, im Manne den Greis." „Und was hast Du davon?" Bäumerle fand nicht gleich die Antwort: „Was ich davon habe?" Erlaube, erlaube! Es ist doch immerhin gut, wenn man die Dinge voraussieht." „Wozu ist es gut?" fragte unerbittlich der andere. Jetzt hatte Bäumerle die siegreiche ^rwi^erung: „Dazu, dass man nicht in die Grube fällt — wie;es einem meiner Bekannten geschehen ist, welcher gern auf die nächsten Yortheile hineinspringt." Däumerle schlug die Augen nieder und stampfte geärgert weiter. Nach einer Weile begann er von anderem zu reden: „Findest Du nicht, dass es hier in den engen Gasssen übel riecht?" „Gewiss finde ich es," bestätigte Bäumerle freundlich. „Mir scheint, es kommt daher, dass die Leute im Frühjahr die Fenster aufmachen. Da strömt die schlechte Luft aus den Wohnungen heraus auf die Gasse. Die Menschen erzeugen so viele Gifte für einander." „Das ist wieder eine Deiner Erklärungen," lachte Däumerle. Aber der Lange war stehen geblieben und schaute mit starren Augen in die Ferne: „Komm, .ich will Dir etwas zeigen." Eben rumpelte ein Omnibuswagen an ihnen vorüber. Auf ein Zeichen hielt ein Kutscher die mageren Gäule an. Im vorderen Theile der Kutsche waren von den sechs Plätzen noch zwei leer. Däumerle, der Schwerenöther, kam neben eine junge Frau zu sitzen, deren angenehme Bunclungen er bei jedem stärkeren Holpern des Wagens fühlen konnte. Ihm gegenüber das Fräulein hatte lachende Augen, Grübchen in den Wangen, und ihre Locken quollen unter dem Hütchen golden hervor. Flugs war er im Gespräche mit beiden, und sein Herz schwankte zwischen ihnen. Die Fahrt vergieng in glücklichster Weise. „So, da wollen wir aussteigen," weckte des Freundes Stimme. Däumerle schämte sich zu sagen, dass er im Wagen noch zu thun hätte. Ein verheirateter Mann! Also stieg er seufzend aus und legte seine Seele in den Abschiedsblick, der durch ein Lächeln der Frau und ein Erröthen des Mädchens dankend bestätigt wurde. „Die Fahrt ist Dir wohl ziemlieh lange vorgekommen?" bemerkte Bäumerle. „Gar nicht. Und Dir?" „0, ich langweile mich nie. Ich stelle Betrachtungen über die Mitfahrenden an." „Wie meinst Du das?" fragte Däumerle etwas unsicher. Aber der grosse Beobachter hatte wie gewöhnlich nichts gesehen. Er sagte: „Wenn ich mit mehreren Menschen beisammen bin, versuche ich mir vorzustellen, was mit ihnen geschehen wird. Eins ist sicher, und darauf lassen sich die schönsten Combinationen bauen: dass sie alle sterben werden. In dreissig, vierzig, spätestens in fünfzig Jahren sind sie unter allen Umständen todt. Nimm an: wir sechs, die soeben in dem Kasten beisammen waren, wie weit voneinander werden wir liegen? Und wo?" „Hör' auf!" sagte Däumerle. „Da war' ich doch lieber mit den Frauenzimmern weitergefahren, als dass ich mir von Dir solche Schrecknisse vormachen lasse." „Feigling! Für mich ist der Tod ein Begleiter aller Stunden. Er ist der Dämpfer meiner Freuden, doch auch der Milderer meiner Schmerzen. Du kannst ihm nicht ausweichen, folglich gewöhne Dich an ihn. Sieh', wir fuhren vorhin mit einem lieblichen jungen Mädchen . . . ." „Kerl, Du hast sie also auch bemerkt?" „Ob ich sie bemerkte? Ich habe mich damit unterhalten, mir ihre Todtenmaske vorzustellen. Wenn sie heute stürbe, wäre sie von idealer Schönheit. Ihre Linien sind so rein. Denke sie Dir in dieser holden Jugend erstarrt. Kein Bildner könnte Edleres formen, als dieser bleiche Leib wäre. Aber so wundervoll wird sie nicht enden. Sie wird verdorren oder sich verfetten, und ihre letzte Maske wird hässlich sein . . . ." „Genug!" schrie der andere. „Wenn Dich das unterhält, mich unterhält es gar nicht. Hast Du mich da heraus-