Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 14 (4.4.1902)
- Article
- Über Jargonliteratur
- Date
- 1902-04-04
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 »Die, # Wdi*> Nr. 14 Er ist durch und durch Dramatiker, er besitzt viel Können im Gestalten, im Darstellen, im Ablauschen, aber er hat auch die grosse Gabe der Lyrik. Vielleicht ist es bei ihm nur eine Zugabe, aber vorläufig sind gerade diese seine schönsten Sachen. Ein jeder von uns kennt Basche Lea. Jene verschmierte, in Lumpen gehüllte Jüdin, die auf dem grossen Markte des Ghettos ihre Citronen und Birnen zum Spottpreise hinausschreit. Ihre kleinen Kinder tragen ihr grosse Körbe nach und begleiten ihren Parnosse-Gesang. Wir gehen vorbei, kaufen ihr ein paar Birnen ab, gewahren, dass sie einmal schön gewesen war und dass sie wundervolle schwarze Augen hat. Aber dieser Dichter sieht und horcht weiter. Er sieht dieselbe am heiligen Sabbath am späten Nachmittag in ihren hellen Kleidern in einem Kreise von armen Mädchen und Frauen glänzen. Alle stehen und lauschen, und sie tanzt, singt &o ein Liedchen, ein Wiegen^- liedchen, aber es ist Seelengesang, er überwältigt alle Herzen, und auf einmal fühlt man den süssen, schlummernden Schmerz. Es dämmert. Die im selben Hause sich befindende kleine Synagoge ist voll Maarib-Juden. Jeder betet das Abendgebet mit der Wehmuth des dahinsterbenden Sabbaths. Bald werden die Thore der Wochensorgen eröffnet und die Angst schwebt . . . Und inmitten dieser tiefen Andacht schlichen sich die letzten Töne Basche Leas. Die frommen Juden sind unwillig, sie wollen die Töne verscheuchen, aber sie dringen ins Herz.--- So viel in einer kleinen Erzählung dieses jungen Dichters. Wenn auch die hebräische Sprache unsere allgemeine Muttersprache werden sollte, vorausgesetzt, dass auch der Judenstaat zustande käme, und wir unsere eigene Nationalbibliothek aufbauen, werden wir unsere grossen Jargon- Dichter in goldenen Prachtbänden in die erste Eeihe stellen müssen, und wie leid es mir auch thut, muss ich gestehen, dass wir aus dieser Zeit nicht eine solche Zahl Hebräer ihnen gleichzustellen haben. Ein Brief aus Caracas. Das Congress-Bureau erhielt aus der Hauptstadt von- Venezuela (Südamerika) folgendes Schreiben in spanischer Sprache: „.....Ein Cousin von mir, der in Alexandrien (Aegypten) wohnt, wo auch ich geboren wurde, schickte mir eine Broschüre, betitelt *La salvacion de Israel* („Die Erlösung Israels"), die ich mit grossem Interesse und lebhafter Freude gelesen habe. Da ich überzeugt bin, dass alle Mitglieder der hebräischen Colonie dieser Stadt das gleiche Gefühl haben werden, so bitte ich Sie, mir etwa 200 solcher Broschüren zu senden. Die Freunde, denen ich das Büchlein zeigte, theilen meine Empfindung und sind mit mir überzeugt, dass die Mehrzahl, wenn nicht alle Stammesgenossen dieser Stadt sich mit uns Ihrer ruhmreichen Vereinigung anschliessen werden, wenn sie nur Näheres von derselben wissen werden. Darum bitten wir Sie, uns alles zu schicken, was in spanischer Sprache über die zionistische Bewegung gedruckt worden ist../ Unterzeichnet ist der Brief: David M o d i an o. ^i*ib(ii)e. Aufruf des Comites zur Errichtung eines Bureaus für Statistik des jüdischen Volkes. Jüdische Statistik! Unter den vielen Problemen, die mit dem Aufschwünge des modernen jüdischen Volkslebens in die Erscheinung getreten sind, ist wohl die Herstellung einer genauen wissenschaftlichen Staiistik der gesammten Entfaltung des jüdischen Culturlebens eines der dringendsten und wichtigsten. Zwar versuchten schon viele, das Dunkel, in das diese gehüllt ist, aufzuhellen, aber diese Theorien, von augenblicklichen Zwecksetzungen veranlasst, wurden oft dementsprechend willkürlich construiert. Desto wichtiger erscheint jetzt die Aufgabe der Statistik des jüdischen Volkes in einem Augenblicke, da die nationale Bewegung Positives leisten soll und will. Wie soll ihr das aber möglich sein, wenn sie das Material, mit dem sie arbeiten muss, nicht kennt. Wie sollen sociale Massnahmen getroffen werden, so lange die wirtschaftliche und culturelle Structur der Bevölkerung nicht festgestellt ist, so lange man nicht weiss, wie das jüdische Volk ökonomisch und intellectuell beschaffen ist. Anders sind wir nicht in der Lage, das gewaltige Problem der Judenfrage der Lösung näherzubringen. Wir dürfen nicht experimentieren und womöglich fehlschlagende Versuche anstellen. Wenn wir am Körper des Volkes eine Operation vornehmen, muss wissenschaftlich exact die Diagnose vorher gestellt sein. Das sind die Aufgaben einer jüdischen Statistik. Wir verhehlen uns nicht die grossen Schwierigkeiten, die Hindernisse, die sich unserem Unternehmen mehr als jedem anderen in den Weg stellen werden. Die Zerstreuung des jüdischen Volkes, die Verschiedenheit seiner Lage in den von ihm bewohnten Ländern, der Mangel einer einheitlichen Organisation, die Schwierigkeit, Mittel und Mitarbeiter zu gewinnen, diese Hindernisse gilt es in erster Reihe zu überwinden. Das darf uns jedoch, angesichts der eminenten Wichtigkeit unserer Aufgabe, nicht im geringsten abschrecken, umsoweniger, da wir wissen, dass auch die gegenwärtige amtliche Statistik der meisten Culturländer aus privaten Anfängen hervorgegangen ist. Als nächstes Ziel werden wir die Schaffung einer einheitlichenStatistikdesjüdischenVolkes im Auge halten. Vorläufig soll eine C entr als amm eist eile für das statistische Material aus allen von Juden bewohnten Ländern gebildet werden. Bei den geringen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, sind wir doch nicht in der Lage, unser Ziel — die Herstellung der einheitlichen Statistik — auf einmal zu verwirklichen. Durch die Centralsammelstelle soll vielmehr erst der Grundstein hierzu gelegt werden. Und zwar: 1. Durch Sammlung und Sonderung des bereits von Regierungen und Behörden innerhalb ihrer allgemeinen Statistik und von anderen (Korporationen veröffentlichten sowie des noch nicht herausgegebenen Materials. 2. Durch Zusammenstellung desselben in wissenschaftlicher Uebersicht und 3. seine Herausgabe in zwangloser Folge. 4. Durch Veranstaltung von Enqueten über sociale und wirtschaftliche Culturzustände im jüdischen Volke. 5. Bildungeines Fonds für das in Aussicht genommene Statistische Bureau. Zur Ausführung unserer Absichten appellieren wir an die Opferwilligkeit der sich für unsere Aufgaben Interessierenden. Wir bitten dringend, uns durch Rathschläge sowie Beiträge jeder Art zu unterstützen. Sobald unser Comit6 eingerichtet ist, werden wir die genauen Directiven für die Sammlung des einschlägigen Mäteriales veröffentlichen, jedoch erbitten wir schon jetzt zweckdienliche Informationen , und wenden uns insbesondere an jene, die innerhalb einer jüdischen Gemeinde eine amtliche Stellung bekleiden. Die Organisation unseres Unternehmens wird bis auf Weiteres folgende sein : Ein Comite, das an allen Plätzen, und sei es auch der kleinste Ort, correspondierende Mitglieder gewinnen wird, die eventuell ins Comite cooptiert werden (die Cooptation wird zur Orientierung öffentlich bekannt gemacht). Die Anmeldung von correspondierenden Mitgliedern, die unter Zusendung unserer Statuten zugleich über ihre Thätigkeit vom Comite informiert werden, erfolgt für Oesterreich-Ungarn nach Wien, für alle übrigen Länder nach Berlin. Die Zuschriften können in jeder Sprache abgefasst sein. Angesichts der eminenten Wichtigkeit unseres Unternehmens bitten wir um grösstmögliche Unterstützung. DerArbeits-Ausschuss: Mathias Ach er, Wien. Martin Bub er, Wien. Dr. David F a r b s t e i n, Zürich. Berthold F e i w e 1, Berlin. Alexander Hausmann, Wien. Abraham K astelianski, Berlin. Dr. Jacob K oh a n-Bernstein, Kischinew. Doctor Abraham Korkis, Lemberg. Dr. Sigm. Kornfeld, Egon Leder er, Wien. Leo Mozkin, Dr. Alfred Nossig, Berlin. L. Felix Pinkus, Bern. Davis Trietsch, Berlin. Dr. Chaim Weitzmann, Genf.