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Die Welt · 1902-04-04 · 14 (4.4.1902) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
14 (4.4.1902)
Article
Über Jargonliteratur
Date
1902-04-04
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 14 „Die 2$s Welt^ Seite 7 Ueber Jargonliteratur. Von M. J. Berdyczewski. Vermuthlich ist den Lesern der „Welt" die häufig auftauchende Frage bekannt: Wie ist es möglich, dass die Jargonliteratur ihre stolze Gegnerin, die hebräische Literatur, im selben Volke und zur selben Zeit künstlerisch überragt? Und wohl auch die darauf übliche Antwort, dass die hebräische nicht gesprochene Sprache nicht imstande ist, das redende Leben darzustellen. Ich erkenne die Tragweite dieser Frage an, bin aber unbescheiden genug, diese umlaufende Antwort als eine Unwahrheit hinzustellen. Wir haben es in der hebräischen Sprache weit gebracht, wir können alle Nuancen des Lebens, alle Töne und Farben des Geschehens durch sie darstellen, und doch konnten wir nicht die hohe künstlerische Stufe unserer Jargon-Nebenbuhlerin erreichen, weil die Jargon- Schriftsteller nichts von all dem hatten, was wir Hebräer hatten. Ich meine, weil sie geschicbtslos als freie Menschen herkamen und wir Hebräer mit unserer erdrückenden Tradition uns herumschlagen mussten. Während heute in der hebräischen Literatur Debatten noch am Platze sind, ob die Kunst koscher ist, ob sie sich mit dem Geiste des Judenthums verträgt u. s. w., schufen unsere Jargonbrüder bereits eine jüdische Kunst, eine Kunst, vor der wir uns verneigen müssen. Wir hebräischen Schriftsteller sind alle halbe Theologen, da wir, um uns den Weg zum Leben zu bahnen, zuerst die Theologie überwinden müssen; unsere Jargon- Schriftsteller traten gleich ins Leben, ins innere Leben, und eben deshalb, weil sie über unsere enge Tradition hinaus sind. Ich fange mit den Erzählern der Jargon-Literatur, dem älteren und noch lebenden Mendele an. Als Schalom Jacob Abramowicz vergeudete er in der hebräischen Literatur seine Jugend mit theologischen Streitereien, mit Uebersetzungen von Naturgeschichten und mit einem hebräischen Roman „Väter und Söhne", der uns nicht zur Ehre gereicht. Aber als Mendele, der reisende Mocher Sephorimnik, der Marne Loschen (Muttersprache)redet, trat er als der grösste jüdische Dichter und Künstler auf, als ein Maler, Hörer und Seher der jüdischen Welt, der einzig in seiner Art ist. Mendele Mocher Sephorim ist ein ganz einfacher Buchhändler, der, überall herumreisend, schachernd, sich durch Noth und Elend durchschlägt. Und dabei sieht er alles, was in ihm und um ihn vorgeht, alles erlebt er, alles erzählt er. Wir kennen alles, was er uns erzählt, wir sind eben diejenigen, über die er uns erzählt, und doch hört es sich an, wie ein Märchen, wie Sagen aus einem fremden Lande. Und wie schmerzen uns diese Sagen, wie tief liegt ihr Weh in unserem Herzen und wie schön ist dieses grosse Weh. In der Kliatsche gelang es ihm, die symbolische Tragödie des ewigen Wanderers, den grössten jüdischen Schmerz, das Unsagbare, uns von der Seele abzulauschen und im „kleinen Menschelntt das grosse menschliche Leiden am Leben darzustellen. In „Fischke dem Krummen" aber und im „Wünschfingerl" kam es in ihm zur Synthese, zu einer Kunst, die den Menschen im Juden erfasst. Ich erinnere an eine seiner wundervollen JScenen: Ein Vormittag im Hochsommer. Die frische Luft trinkt vom Lichte der Sonne. Ebenen, kornbestandene Ebenen ergiessen sich von allen Seiten, wie ein goldenes Meer. Und die Mohnblumen leuchten überall, wie niedergefallene blutige Sterne. Der Himmel ist blau und ruhig. Und es strahlt von ihm ein geheimer Zauber aus. Es kommt über die Vorübergehenden ein Gefühl des Menschseinwollens, das Erwachen des Lebens.-- Und Mendele streift vorbei; das arme Pferd schleppt den bücherbeladenen Wagen, und er liegt oben, mit dem Kopfe zur Sonne. In ihm ruft der schmachtende Fasttag. Das Judenthum sagt ihm: Du sollst heute nicht geniessen! Und Ihre Majestät die Sonne macht in ihm den Wunsch rege: Du sollst leben! Er macht die Augen zu, um sich nicht von der Schönheit der Natur blenden zu lassen, aber eine innere Stimme redet ihm zu: Oeffne die Augen, Du Narr, lebe und geniese! Oder in seiner Sprache: „Hob Hanue Nar'le!" Und uns sagt ein Gefühl: Das ist nicht dieser Tag, diese Sonne, dieser zwischen Natur und Leben eingeklammerte Mendele. Es ist ein Druck von Geschlechtern, das leidende Israel, das seit Jahrhunderten durch die Natur mit verbundenen Augen sich herumschleppt . . . Spector als Naturmensch, als schlichter und naiver Erzähler, über dessen Erzählungen fast ein ländlicher, friedlicher Duft schwebt, der aus der Ukraine stammt, nimmt überall das Leben gleich, er sucht nicht nach innerer Schönheit, da er auch dem Aeusseren Schönes entlockt. Er ist überhaupt kein Sucher und Beobachter, kein Erzähler im modernen Sinne. Er ist einfach wie die Volkssage, ein Stück Natur. Rabinowicz aber ist durch und durch Abenteurer, ein Genussmensch . . . ein Mensch, der das äussere Leben satt geworden, und deshalb flüchtet er sich nach innen. Aus dieser inneren wogenden Musik schuf er seine zwei unsterblichen Dichterromane: ,,Stempunje" und „Jossele Solowei" — „Stempunje" als der berauschende jüdische Geigenkünstler und Jossele als einer der tiefsten Sänger in Israel. Wenn Stempunje den Bogen führt, ist es einem zuuiuthe. als ob die Seele in einen Jubel ausbräche, als ob Götter ihre Harfen schlügen und die Welt toll würde. Und wenn Jossele im einsamen Walde seine Lieder singt, dann kommt alles zur Ruhe, Mensch und Welt umarmen sich im Sterbenshauch, und doch vernimmt man des Lebens Wiederhall ... * Perez ist der grösste lebende moderne jüdisch0 Dichter, wenn auch etwas decadent. Perez ist ein intimer Dichter, der Mann, der nach innen sieht. Und zwar sieht er so tief hinein, wo der Jude bereits aufhört, wo die Seele als solche ihre Orgien feiert. Als ich seine Mekubolim (Kabbalisten) las, kam es mir vor, als ob ich einen tiefen Traum mit Augen sähe, und überall findet man bei ihm diesen tiefen Traum. Aber wenn er aus dem Traume erwacht, wenn er die Seele verlässt und sich zum Körper wendet, vom Individuum zum socialen Leben übergeht, dann erlahmt bei vielem seine Kraft und er ist nicht mehr gänzlich er selbst. Ich persönlich gieng so weit, die Möglichkeit einer socialen Kunst zu verneinen. Jetzt bin ich eines Besseren belehrt. Sociale Künstler können auch hier Grosses schaffen, wenn sie nicht durchaus damit eine Verbesserung der Gesellschaft wollen. Der junge Pinski hat noch nicht viel geschrieben. Er ist ein Versuchender, aber seine Versuche sind vielversprechend, Er ist der einzige, der einen socialen Willen hat, und darin liegt zum Theile seine Stärke und seine Schwäche. Er ist ein Ethiker, das heisst, er trägt im Leibe gerade dasjenige, was meistens den freien Künstler hemmt — aber zum Glück ist er stark genug, sich nicht hemmen zu lassen, ich meine, er hat Augenblicke, wo er seinen socialen Willen vergisst. Und diesen lichten Augenblicken haben wir das Schöne, das er schuf, zu verdanken.

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