Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Article
- Purimgedanken
- Date
- 1902-03-21
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite i Die & Welt" Nr. 12 Es war vielmehr die scharf "nmrissene Gestalt des umsichtigen und thätigen Juden Mordeehai, die Juda Makkabi und seine Brüder zu planvollem und zielbewusstem Widerstand aneiferte. Dass man dann später, beim Abschluss der Bibel, das Buch nicht nach Mordechai, sondern nach der Königin Esther benannte, ist nichts weiter als ein Beweis für übel angebrachte Eitelkeit, Und wenn auch der Verfasser des Buches Esther das beste Capitel ungeschrieben Hess: das endgiltige Erwachen der Juden aus dem Traum der Verbrüderung mit anderen Nationen — so haben doch die Makkabäer dieses Capitel mit eisernem Griffel eingegraben auf die Tafeln unserer Geschichte. Wir aber, die wir dieses Erwachen nach zwei Jahrtausenden wieder erleben, war könnten Purim anders feiern als in gedankenlosem Hinbrüten oder in unberechtigter TJeberhebung; nicht als das Fest des gehenkten Haman, auch nicht als das Fest des zur Königswürde erhobenen Judenmädchens, sondern als das Fest Mordechais, des jüdische n M a n n e s. Das wäre unserer Vergangenheit würdig — und auch unserer Gegenwart. Ein Stimmungsbericht aus Rumänien. Dem Briefe eines rumänischen Gesinnungsgenossen an das Actions-Comite entnehmen wir die folgenden Stellen: „ ... Es freut mich, Ihnen mittheilen zu können, dass unsere Bewegung täglich wächst, und sehr befriedigende Resultate zu erwarten sind. Leider ist die allgemeine Lage eine unsagbar traurige. Man will uns Juden nicht haben; das ist klar. Wir müssen also fort; das ist auch klar. Aber wohin? Nach Amerika? In New-York können die Auswanderungsbedürftigen nicht bleiben, also müsstrn sie sich nach dem far west oder nach dem Norden und Süden der weiten Union wenden. Dazu haben sie? aber keine Mittel, und die „Ica" gewährt den besonders be günstigten und berücksichtigenswrrtcn Familien nur di«* Hälfte der Reisespesen. Woher die andere Hälfte lähmen in d die Installierungskosten an Ort und Stelle beschaffen? Ich. habe heute in einem Vortrage hier gesagt: Wir tanzen auf einem Vulcan! Einstweilen geht's dieser und jener Bevölkerungsciasse gut; die vorjährige r ichliche Ernte ist jedem zugute gekommen, vom Arbeiter bis zum Grosskaufmanne und Banquier. Plötzlich kommt eine Eruption durch ein beliebiges : Gesetz, und wie die Lava die kirnenden Felder und Gärten verheert, wo sie sich ergiesst — so ist's mit dem Gesetze, das heute diesen, n orgen jenen Erwerbszweig unserer Brüder 'zugrunde richtet War es in früheren Jahren das Tabaksmonopol, das Hausierer¬ und Maklergesetz etc., so ist es diesmal das Handwerk e r g e s et z, das vorgestern votiert wurde und gewiss die Sanction erhalten wird, welches unseren Brüdern ans Leben und ans tägliche Brot geht. Mit einem Federstriche weiden tausend«-* Familien brotlos, die früher glaubten, „Handwerk habe goldenen Boden"! Nun sind sie entwurzelt und werden sich tausende von Kilometern weit niederlassen müssen, wo sie die Sprache und Sitten nicht kennen und an das Klima nicht gewohnt sind, um dann vielleicht nach einer oder zwei Generationen nochmals zum VVanderstabe greifen zu müssen! Und das Polizei-Ruralge s e t z steht vor der Abstimmung, kraft dessen alle die Juden in denRuralgemeinden keinen Handel werden treiben dürfen. Das ist ein furchtbarer Schlag für uns alle! Und dann kommt das Makler ge setz, und so fort bis zum völligen Ruin der gesammten jüdischen Bevölkerung!! In der Kammer erhob ein weisser Rabe seine Stimme zugunsten der Juden, indem er fragte : „Wenn die Regierung nur d e m fremden Handwerker die Ausübung seines Berufes erlauben wird, dessen Vaterland den Rumänen Reciprocität gewährt, was soll dann mit den Juden hierzulande geschehen, die keiner fremden Schutzherrschaft unterworfen sind, die hierzulande geboren und erzogen sind, ihre Militärpflicht geübt haben und alle Lasten der Bürger mittragen?" Er verlangte daher ein Amendement in diesem Sinne. Hierauf der Kammerpräsident: „Gibt es fünf Deputierte, welche dieses Amendement unterstützen?" Allgemeine Ruhe und Stillschweigen. Der Kammerpräsident: „Das Amendement ist verworfen!" Welche Perspective! Als der Patriarch Abraham Fürbitte für Sodorna und Gomorrha einlegte, sprach er zuerst von 50 Gerechten, die sich möglicherweise in der Stadt befänden, und gieng dann bis zu 10 herab. In der rumänischen Deputiertenkammer fanden sich nicht einmal fünf Gerechte! Was ist da noch zu hoffen? Ich wiederhole nochmals, was ich schon oft gesagt habe: man wird die Juden nicht so behandeln wie anderwärts, mit Blutbeschuldigungen und dergleichen, aber gesetzlich entzieht man uns den Boden unter den Füssen! Man empfiehlt uns nicht, auszuwandern; man heuchelt sogar Bedauern, wenn man die emigrierenden Gruppen sieht oder von ihnen liest, natürlich nur pour garder les apparences — aber man möchte uns allesammt dort haben, wo der Pfeffer wächst. Welches unermessliche Elend wird zum Beispiel unter den tausenden Juden entstehen, die die Ruralgemeinden werden verlassen müssen, wo die meisten von ihnen eigene Häuser haben und der grösste Theil ihres Vermögen aus Forderungen bei den Rumänen besteht! Es kann schlimmer werden als in Spanien im Jahre 1492!u * Dem vorstehend abgedruckten Briefe lag ein Ausschnitt aus dem „Bukarester Tagblatt" bei, den wir hier folgen lassen: (Bukarester Tagblatt von Mittwoch, 26. Februar 1902.) Ein trauriger Vorfall. Heute vormittags fand sich in unserer Redaction ein anständig aussehender, etwa 30 jähriger Mann mit verbundenem Kopfe und verbundener linker Hand ein und erzählte uns folgenden Fall: „Ich heisse Julius Wagschal, bin mosaischer Religion und bin schon seit längerer Zeit im Gonfectionsgeschäfte der Frau Paul in der Caela Victoriei als Schneider beschäftigt, wo ich stets zur Zufriedenheit meiner Patronin gearbeitet habe. Seit einiger Zeit, insbesondere seit von dem neuen Handwerkergesetze die Rede ist, begegneten mir die in demselben Geschäfte beschäftigten rumänischen Arbeiter mit ausgesprochener Feindseligkeit, und einer derselben, ein gewisser N. Ciuculescu, befahl mir unter Schimpfen und Drohungen wiederholt, ich solle nicht mehr zur Arbeit kommen, sonst werde er mich umbringen. Ich kümmerte mich um sein Reden nicht und sagte ihm, dass ich so lange zur Arbeit kommen würde, als meine Patronin mit mir zufrieden sei. Mittwoch Nachmittag, als ich bei der Arbeit sass, fiel Ciuculescu plötzlich über mich her und versetzte mir mit dem Messer einen Stich in den Kopf