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Die Welt · 1902-03-21 · 12 (21.3.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
12 (21.3.1902)
Article
Purimgedanken
Date
1902-03-21
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Für das uuau^iwau , Ausland: Deutsehland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 12. Wien, 21. März 1902. 6. Jahrgang Purimgedanken. Von Arthur Schwarz (Wien). Anscheinend ist die Sache nicht besonders ruhmvoll. Weil wir bei einem der zahlreichen Judenkrawalle, die wir im Laufe der Zeit auszustehen hatten, nicht todtgeschlagen wurden, sondern im Gegentheil selbst todtschlugen, deshalb feiern wir noch heute, nach 2300 und etlichen Jahren, ein Fest. Und was für ein Fest! Nichts von stillen Betrachtungen, nichts von ernsten Gedanken. Ein Jude hat seinePflicht gethan, wenn er zu Ehren der verstorbenen Familie Haman ein Festessen veranstaltet, so eine Art von nachträglichem Leichenschmaus für die seligen oder unseligen persischen Antisemiten. Uie Gestalten der Königin Esther und des wackeren Mordechai spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle; die Hauptsache ist und bleibt, dass die Juden damals ihren — angeblich sehr zahlreichen — Feinden tüchtige Prügel verabreicht haben, und wenn wir an diese Prügel denken, vergessen wir, dass es manchmal auch etwas anders gegangen ist. Bramarbas als Jude ist schwer zu denken, und Purim, dieser Bramarbas unter den jüdischen Festen, könnte es wohl vertragen, wenn man sich seine ursprüngliche Idee wieder ins Gedächtnis riefe. Die Idee ist klar und einfach. „. . . Ein jüdischer Mann lebte in der Königsstadt Susa; sein Name war Mordechai." Kein Wort zu viel. Wir kennen diese Königsstadt Susa, von der die alten Gr riechen sagten, sie sei leer an Männern und voll von Feiglingen. Wir wissen auch, was für ein Herrscher Xerxes I. war: er Hess seine Frauen und Günstlinge für sich regieren, und als seine einzige selbständige Handlung hat uns die Geschichte überliefert, dass er einst in einem Anfall von Grossenwahn das Meer zu peitschen befahl. Doch die im fweiten Perserreich lebenden zahlreichen Judein fühlten sich glücklich unter seiner Herrschaft. Sie waren unter Cyrus und Darius, den Vorgängern des ersten Xerxes, emancipiert worden. Wie immer im späteren Verlauf unserer Geschichte, war es nur eine scheinbare Befreiung. Und wie immer that der Gleichheitstaumel schon damals seine Wirkung: er machte uns blind gegen die Gefahr. Aber inmitten der lebenstollen Hauptstadt des persischen Schattenkönigs, unter den vielen Tausenden vom Schwindel der Pseudo-Emancipation gepackter Israeliten befand sich nur einer, der als Jude ein Mann war: „Mordechai, der Sohn Jairs, des Sohnes Simeis, des Sohnes Eisens, ein Benjaminite." Das war ein Mann, der seine Vorfahren kannte und auf sie stolz war; kein decadenter Epigone, sondern der selbstbewusste Enkel kräftiger Ahnen, der auch in der persischen Diaspora das Andenken nicht nur seiner Volks-, sondern auch seiner engeren Stammesgenossenschaft treu bewahrte. Haman als den Vater aller Antisemiten aufzufassen, ist nachgerade zum Gemeinplatz geworden; dass aber Mordechai, wie ihn die Estherrolle schildert, einer der . besten Vertreter des jüdischen Typus ist, daran denkt niemand. Gewiss ist die Purim-Erzählung kein Dithyrambus, denn in einem fast trockenen Tone, ohne jede Spur von Begeisterung, wird über die tiefgehendsten Veränderungen in der Lage der Juden berichtet. Und ebensowenig ist Mordechai ein Heros; aber die ruhige, nüchterne Ueberlegung, die ihn auszeichnet, ist das hervorragende Merkmal unseres Stammes geblieben. Mordechai ist edel und wolilthätig gegen die elternlose Verwandte, uneigennützig bei der Entdeckung des Attentates auf den König, stolz gegen den Emporkömmling Haman, bescheiden; und zurückhaltend bei Esthers Erhebung zur Königin; aber immer und überall treu seinem Stamm. Er sieht die Gefahr für seine Volksgenossen kommen, aber nicht vorschnelles Handeln, sondern kaltes Zuwarten und dann, in der Stunde der Noth, Entschlossenheit und Muth führt ihn zum Sieg. Und auch auf der letzten Stufe des Glückes, als allmächtiger Minister eines ohnmächtigen Herrn,, bleibt er den Seinen das, was er gewesen: ein treuer Freund und opferbereiter Helfer. - Das ist nicht der eonventionelle Tugendbold eines romanhaften Machwerkes, zu dem man die ganze Erzählung hat stempeln wollen; das ist der lebenswarme Held eines lebenswahren Dramas. Und wenn es thatsächlich nur ein Drama wäre und nicht Wirklichkeit, so könnten wir erst recht stolz sein auf jenen unbekannten Verfasser, der seinem Volk ein solches Ideal jüdischer Männlichkeit vor Augen zu halten verstand. Denn es gab eine Zeit, die aus der Geschichte Mordechais Muth und Begeisterung schöpfte zur Verteidigung ihrer nationalen Güter. Das war die Zeit der Makkabäer. Als die Heere des Antiochus Epiphanes herzogen über Judäa, war es nicht zum geringsten Theil die Purim-Erzählung, die das jüdische Volk aufstachelte zu verzweifelter Gegenwehr. Aber nicht — wie unsere Geschichtsschreiber behaupten — die wunderbare Errettung im allgemeinen erfüllte das Volk mit Gottvertrauen und Zuversicht für die Zukunft — daran hat es uns nie gefehlt.

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