Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Article
- Skizze aus dem Leben
- Date
- 1902-03-14
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 „Die # Welt46 Seite 13 schaft gelangt; dort sind die Gebote gleichsam als Volksbräuche aufzufassen und die allgemeine Bethätigung derselben nur als die Bejahung des Volks willens zur Erhaltung der Art, eines Volkswillens, der jeden Assirnilationsgedanken von vornherein energisch abwehrt. Kurz, hier bedeutet Judenthum nur Religion, dort auch Nationalität. Diese Nationalität nun, diese Zusammengehörigkeit leugnet man, nach ihrer Ansicht, wenn man die Gesetze nicht anerkennt. Wenn einer mit der Tradition bricht, bricht er zugleich mit seinem Volksthura, seinen Brüdern, Wie ein feiger, erbärmlicher Fahnenüüchtling aus der Schlacht wird er angesehen, der aüs crassem Egoismus sich weigert, gemeinsam mit seinen Volksgenossen, die im Osten als Juden furchtbar zu leiden haben, zu dulden, zu kämpfen!s „Das trifft doch anf Dich, den Zionisten, durchaus nicht zu." „Das ist es, was ich in jenem langen Briefe auseinanderzusetzen mich bemühte. Der Brief kam aber ungelesen zurück." Inzwischen hatten die beiden Freunde üas Krankenhaus erreicht. Im ersten Stocke angelangt, reichte Doctor Mendel dem Collegen die Hand. Dieser nahm sie nicht an : „Ich gehe diesmal mit Dir auf Deine Abtheilung.4' Die Schwestern auf dem Co.rridorgrüssten. „Schwester Rahel, schläft unser neuer Patient noch?!" fragte Doctor Mendel eine derselben, die gerade aus dem Saale trat. — „Sie meinen, Herr Doctor, den Separierten? Jawohl!* — „Den" Separierten?! — Natürlich! Die beiden Säle sind ja überfüllt," verbesserte sich Dr. Mendel. Er öffnete nun leise die Thür des Separatzimmers und nahte sich dem Krankenbette. Dr. Hirsch und Schwester Rahel folgten ihm. Piötzlich schien Dr. Mendel zu wanken. „Scholem!* entrang es sich gewaltig seiner Brust. Sofort erkannte der Freund die Situation. Er fasste Dr. Mendel am Arme und redete ihn theiinahmsvoll, aber eindringlich an : »Lieber David, der Patient, der mir gleich bekannt vorkam, scheint Dein Bruder zu sein. Er ist aber sehr krank. Du bist Arzt, fasse Dich und schone ihn!" Doch bald befreite sich Dr. Mendel vom Arme des Freundes nnd warf sich an die Brust des Bruders. „Scholem, Bruder, erkennst Du mich nicht? Sprich, befreie mich doch aus der bangen Ungewissheit!" Wie aus einem Traum erwachend, schlug der Schwerkranke die Augen auf. Er versuchte den Arm zu erheben, als ob er den Schleier vor seinen Augen lüften wollte. Doch der Arm sank kraftlos zurück. Lange starrte er den Bruder an. Endlich schien er ihn erkannt zu haben. Da zog ein düsterer Schatten über das ätherische Gesicht des Schwerkranken : Er wehrte ihn ab! Da brach Dr. Mendel in Schluchzen aus. «Scholem, theurer Bruder, Du stirbst! Stosse mich nicht jetzt von Dir! Bei allem, was uns heilig und theuer ist, beim Andenken unserer Eitern flehe ich Dich an!Ä Da bewegten sich leise die Lippendes Todescandidaten, und mit kaum vernehmbaren Worten sprach er: „Du hast der heiligen Thora, unserem Volke, den Rücken gekehrt, ich kann---Dein Bruder--- nicht sein!---Gott verzeihe es Dir!" „Aber, Bruder, das ist ein unglückseliges Vorurtheil von Dir! Ich bin Jude, und als solchen fühle ich mich mit allen Fasern meines Herzens und schätze und liebe mein Volk noch mehr als zuvor!" Da fuhr ein Gedanke blitzschnell durch das Gehirn des Rabbi, Sein Blick heiterte sich auf. „Du bist — Zionist!" „Gewiss, theurer Bruder! „Versprichst Du mir---Deine Kraft — — — für die Sache — — unseres---unglücklichen--- Volkes---einzu--setzen?" „Mit ganzem Herzen!" „Schwöre---es ---mir!" „Ich schwöre „Nun — l~ ~ komm — — — an mein — — — Herz--Ore Dowid Schma---Jiss — — — ro ---el — ad--■ — daun--- Stürmisch ergriff Dr. Mendel die Bruderhand und bedeckte sie mit unzähligen heissen Küssen. Schon lange vorherhatte Dr. Hirsch Schwester Rahel gewinkt. Sie kam jetzt mit einer gefüllten Aetherspritze. Mit tief bewegter Stimme sagte nun der Freund: „David, sorgen wir für das Leben des Kranken!" Er setzte das Hörrohr auf das Herz des Rabbi, horchte lange und sagte dann mit leiser Stimme: „Unsere Kunst kann hier nichts mehr helfen.* Doctor Mendel fuhr erschreckt in die Höhe und schaute zum Antlitz des Bruders auf. Ruhig und sanft lächelnd lag er in das Kissen eingebettet. Er war todt.--------------- Aengstlich und schauernd nahte sich Rahel Doctor Hirsch. „Herr Doctor, was vermerke ich im Status?" Dr. Hirsch sah sie nicht an. Er schwieg beklommen. Schliesslich sagte er : „Schreiben Sie : Herzschlag!" Zweierlei Juden. Roman von Max Viola, (Fortsetzung.) Es war ein schöner Mann, den Paul da vor sich sah, und bloss die krankhafte Blässe seines Antlitzes, die rothgeränderten Augen verminderten den sympathischen Eindruck. Ein langer, goldblonder, von einigen Silberfäden durchzogener Bart wallte auf seine Brust hinab, der Mund war schön gezeichnet und die Nase edel. Auf den Gruss Finkelstems berührte Goldner das kleine seidene Käppchen auf seinem Haupte, ohne es jedoch zu lüften, und sa^te ebenfalls: „Scholem alechem.'4 Hierauf blickte er fragend bald auf Finkelstein, bald auf Paul, bis er sie endlich Platz zu nehmen aufforderte und nach ihrem Begehren frug. „Ich bin gekommen, Reb Goldner,8 hub Finkelstein an, „um Ihnen meinen Neffen Paul Rosenstein vorzustellen. Seine Mutter ist die Schwester meiner Frau, und Tolze Hocker ist seine Grossmutter. Sie wissen, Reb Goldner, Tolzes Vater war Rabbiner in Bernstein. Er ist aber auch von Seite seines Vaters aus guter jüdischer Familie. Reb Nochern Rosensteiii war der Grossvater seines Vaters." „Reb Nochern Rosenstein? Ein feiner Lehrer gewesen, ein guter Lehrer, gesegnet sei sein Angedenken. Ich habe viel von ihm gehört." „Und da stelle ich Ihnen nun einen Nachkommen von Reb Nochern Rosenstein und vom Rabbiner in Bernstein vor. Ein gebildeter, braver, ordentlicher junger Mensch, der Vater und Mutter und alle seine Verwandten liebt und ehrt. Er ist angesehen bei den feinsten Leuten und verdient viel Geld, sehr viel Geld, und wenn Sie ihm Ihre Miijam zur Frau geben, wird er sie auf Händen tragen, und sie wird leben wie eine Gräfin.* „Mirjam zur Frau?" fragte Goldner und seine Lippen spitzten sich zu einem Lächeln. „Wie soll ich ihm Mirjam zur Frau geben? Was ist der junge Herr? „Maler!" „Maler? So, so? Maler ist er? Ich habe in meiner Familie noch nie einen Maler gehabt. Wir sind auch so darausgekommen. Wir haben nie Heiligenbilder gebraucht." Nun nahm Paul das Wort: „Herr Goldner, ich weiss, dass der Mann, dem Sie Mirjam zur Frau geben würden, in erster Reihe fromm sein muss. Ich gestehe offen, dass ich dieser Anforderung nicht entspreche. Ich glaube in meinem Herzen ein guter Jude zu sein, allein die Ceremonien habe ich nie strenge beobachtet, ich bin hierzu nicht angehalten worden. Doch ich denke, dass Sie auch das Glück Ihres Kindes suchen, und mit der Frömmigkeit Ihres Schwiegersohnes wäre das Glück Mirjams noch nicht gesichert. Ich liebe Ihre Tochter und sie liebt mich. Mein einziges Bestreben wird es sein, mich dieser Liebe würdig zu erweisen, ihr jede Stunde, jede Minute meines Lebens zu widmen. Unser Schicksal ist verflochten für ewige Zeiten, und Sie sanken den Tod in das Herz Ihres Kindes, wenn Sie uns Ihren Spgen verweigern. Sie können nicht das Verderben zweier Menschen im Sinne haben. Gott liebt alle seine Geschöpfe und will, dass sie glücklich weiden. Es ist Gottes Wille, dass Mirjam die meine werde." „Mengen wir nicht den Namen des Herrn ins Spiel," sagte Goldner. „Was ist der Mensch? Was ist das Glück? Der Mensch ist Staub, und das Glück besteht in der Frömmigkeit. Wer fromm ist, ist glücklich. Und weil ich meine Tochter nur einem Manne geben werde, der glücklich ist, denn nur der Glückliche vermag wieder Glück zu spenden, kann Sie nicht Ihre Frau werden." „Reb Goldner . . . * „Sst, Herr Finkelstein, ich habe ausgesprochen. Sie sind ein braver Mann, ein ehrenwerter Mann, aber ich habe ausgesprochen. Und wenn jetzt kommen würden Demosthenes und Cretnieux, sie könnten mich nicht anderen Sinnes machen, denn ich habe ausgesprochen. Mein Kind soll werden die brave Frau eines braven Juden. Mein Schwiegersohn soll mich verstehen, soll neben mir sitzen und Gottes Wort erklären und bereit sein, eher zu sterben, als zu thun, was Gott hat verboten,"