Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 11 (14.3.1902)
- Article
- Skizze aus dem Leben
- Date
- 1902-03-14
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 18 Die # Welt00 Nr. 11 Es ist ein ehrwürdiger Rabbi in den Vierzigerjahren, mit langem, schwarzem Bart, grossen Augen und edlen energischen Zügen, die mir so bekannt schienen. Leider ist der Exitus letalis stündlich zu erwarten." Beide sehwiegen. Nach einiger Zeit fuhr Leo fort: „Sag* mal, David, wie lange kennen wir uns eigentlich schon?* „Seit fünf Jahren. Doch wie kommst Du plötzlich darauf?44 „Na, sehr einfach. Seit fünf Jahren sind wir Freunde, aufrichtige Freunde; die einzige Disharmonie zwischen uns ist der unselige Zionismus. Sonst vertrauen wir einander doch alles, nicht wahr?" „Gewiss, aber wie sonderbar klingt das alles!" „Mag sein. Aber hast Du mir wirklich alles vertraut?" „Ich glaube." „Auch Deine Familienverhältnisse?* Dr. Mendel stutzte. „Siehst Du," fuhr Dr. Hirsch lebhaft fort, „dieser Punkt ist es, den Du stets aus unseren Gesprächen ängstlich zu verbannen suchst. Und gerade Deine Aengstlichkeit macht mich gespannter darauf. Und raeine Spannung steigert sich jedesmal, wenn Du besondere Anhänglichkeit an Deine Landsleute an den Tag legst. Denn so viel steht fest, von Deinen Leuten ist Dir während der letzten zehn Jahre nicht so viel Gutes und Liebes erwiesen worden, wenigstens nicht entsprechend Deiner Anhänglichkeit." Während der Freund diese Worte etwas leidenschaftlich sprach, schien Dr. Mendel seinen Gedanken nachzuhängen. Doch bald fasste er sich und suchte seinen Freund mit sichtlich erzwungener Gleichgiltigkeit zu beruhigen: „Wer wird denn gar so neugierig sein, mein Junge?" „Ich bitte Dich, sei nicht so zugeknöpft", drängte Dr. Hirsch etwas ungestüm. „Hast Du noch Eltern?" „Nein. Mein Vat^r ist gelegentlich einer Contrebandehatz an der Grenze, woran er gänzlich unbetheüigt war — mein Vater war ja Lehrer — von einem Kosaken erschossen worden; und meine Mutter, des Ernährers beraubt, starb Vor Gram und Sorgen bald darauf." „Hast Du Geschwister?" „Geschwister? Hm, Geschwister habe ich nicht." „ Da habe ich Dich gefangen!" triumphierte Dr. Hirsch. „Ich erinnere mich, irgend einmal nach einer feuchtfröhlichen Kneipe sprachst Du zu mir auf dem Heimwege von einem Bruder, den Du sehr lieb hattest." Dr. Mendel schwieg betroffen. „So sprich doch, sei kein Frosch!* „Es ist wahr. Ich hatte einst einen Bruder. Der ist aber tür mich längst todt." „Für Dich? Wie soll ich das verstehen?" „Nach dem Tode meiner Eltern blieb ich, ein Knabe von fünfzehn Jahren, allein im Hause. Scholem, mein einziger Bruder, befand sich damals auf der Jeschiwa zu T., das zehn Meilen von meinem Städtchen entfernt ist. Er war dort verlobt. Nach seiner Hochzeit nahm er mich zu sich. Zwei Jahre blieben wir beisammen. Ich machte auf der Jeschiwa grosse Fortschritte und sollte eben auf diezweite Abtheilung versetzt werden, dank der unermüdlichen Bemühungen Scholems, der mit wahrhaft brüderlicher Liebe stets um mich war und mich privatim weiter ausbildete. Ich verehrte meinen älteren Bruder wie einen Vater, und auch er hatte mich von Herzen lieb, kurz, ich glaube, dass Brüder nie innigere Neigung verbunden hat. Da sollte etwas dazwischen kommen, was wir beide nicht geahnt hatten." Dr. Mendel hielt inne; nach kurzer Pause fuhr r fort: „Ich mochte siebzehn Jahre alt gewesen sein, da begann der Glaubenszweifel in meinem Innern zu nagen. Die sogenannte Sturm- und Drangperiode erfasste mich in ihrer ganzen Gewalt, ein unbezwingbarer Wissensdrang bemächtigte sich meiner, und ich entschloss mich, nach Deutschland zu gehen, um dort, wie viele andere vor mir, mein Glück zu versuchen.u „Und dabei kamst Du wohl in Conflict mit Deinem Bruder?" „Jawohl. Scholem sah voraus, dass ich dem Gesetze abtrünnig werde, und grämte sich furchtbar über meinen Entschluss. Aber alle seine Drohungen, alle seine Verlockungen halfen nichts. Vergebens discutierten wir die Nächte hindurch, ich blieb fest bei meinem Entschlüsse, zu „studieren". An einem Frühlingsmorgen war es, auf dem Friedhofe, da nahmen wir für immer Abschied. Noch einmal suchte er meine Zukunft mit den düstersten Farben darzustellen, noch einmal drohte er mir, flehte mich am Grabe der Mutter an, vergebens. Da erfasste er mit beiden Händen meinen Kopf und küsste mich innig. Dann reichte er mir die Hand zum letztenmale. „Nun bist Du*, sprach er, „für mich todt. Ich werde nach Dir „Schiwe sitzen". Ich kehre nach der Stadt zurück, und Du darfst nie mehr meine Schwelle betreten \x Das waren seine letzten Worte. Wir trennten uns, und — seitdem habe ich keinen Bruder mehr." Die letzten Worte klangen resigniert. Noch konnte Dr. Mendel, als er seine Erzählung beendet hatte, kaum die Thränen unterdrücken. Er starrte den buntgemalten Plafond an. „Und hast Du während der langen Jahre Deines Strebens, voll harter Entbehrungen und schwerer Kämpfe, nie von ihm gehört?" unterbrach der Freund theilnahmsvoll die Stille mit gedämpfter Stimme. „Doch. Vor drei Jahren erfuhr ich von einem Landsmann, dass er eine grössere Rabbinatsstelle bekleide und sehr angesehen sei»0 „Und habt Ihr nie einander geschrieben?* „Nur einmal. Es war vor zwei Jahren um diese Zeit, als ich — zusammen mit Dir — das Staats- und Doctorenexamen bestand. Da schrieb ich an ihn einen langen, langen Brief, hebräisch, voll Liebe und Demüthigung." „Und was antwortete er darauf?" „Ich war so unklug, auf dem Couvert, wie es bei Korrespondenzen nach Russland der Sicherheit wegen üblich ist, Absender anzugeben. Acht Tage darauf kam der Örief retour: „ Adressat verweigert die Annahme!" Eine peinliche Stille trat ein. Die beiden Freunde schienen bewegt. Endlich fuhr sich Dr. Mendel über die Stirn, mit der Hechten in seine Löwenmähne, als ob er die ^düsteren Erinnerungen abschütteln wollte, und erhob sich. „Wir wollen gehen!" Dr. Hirsch, der die inzwischen kaltgewordene Mehlspeise ohne Murren stehen liess, erhob sieh ebenfalls. „Anton, Zahlen!" Sie zahlten und schlugen den Weg zum Jüdischen Krankenhause ein. Unterwegs schien Dr. Hirsch nachzusinnen. „Verzeihe, David," sagte er plötzlich, „verzeih', wenn ich nochmals darauf zu sprechen komme, und wenn Dir meine Worte vielleicht etwas hart, oder sogar verletzend erscheinen. Aber das sind doch die reinsten Fanatiker da drüben! Hier in Deutschland gibt es ja leider auch eine Secte, die sich, herausnehmend genug, „orthodox" nennt. Dijese Leute sind aber viel toleranter, wenigstens wüthen sib nicht, wie Deine Leute, in ihrem Glaubenseifer gegen ihre nächsten Angehörigen." „Du hast wohl bestimmte Personen im Auge?" unterbrach ihn Dr. Mendel. .Jawohl. Meine eigene Familie hat, wie Du weisst, ein.en grossen A' theil an der Erstarkung, welche die Orthodoxie in den letzten zwanzig Jahren in Süddeutschland erfahren hat Sie hatten sogar eine führende Rolle inne, und ihre Bestrebungen hatten ausserordentlichen Erfolg gegen die „Reformer", aber nicht bei ihren nächsten Angehörigen. Wir, das jüngere Geschlecht, stehen unseren Vätern gegenüber fast alle auf direct entgegengesetztem Standpunkte. Und doch bildet die Trennung der Glaubensanschauungen keineswegs gleichzeitig die Trennung der Familienbande/ „Ich merke, wo Du hinaus willst. Doch ich will Dich ausreden lassen." „Bitte! Ich meine, ein Mann von moderner Bildung wis Du, der sie nicht auf der Schulbank eingetrichtert erhalten, sondern sie durch langes Denken errungen hat, ich meine, ein Mann wie Du kann nie und nimmer mit solchen verknöcherten Finsterlingen, solchen fanatischen, herzlosen Orthodoxen sympathisieren, einem Manne wie Du kann nie und nimmer an der Liebe und Achtung eines solchen etwas gelegen sein, selbst wenn dieser Dein leiblicher Bruder ist \u „Vielleicht würde ich genau nach Deinen Worten handeln, wenn ich nicht wüsste, dass Deine Voraussetzung eine ganz unrichtigeist. Du setzest die Idendität des hiesigen orthodoxen Judenthums mit der östlichen Orthodoxie voraus. Das" ist falsch, daher Dein Urtheil ungerecht und hart. Doch kann ich es Dir diesmal nicht übelnehmen. Denn ich selber, der ich doch unter diesen Leuten meine Jugendjahre zugebracht, habe einst gerade so scharf und ungerecht über sie geurtheilt. Erst hier in Deutschland, als ich diese Orthodoxen, von denen Du eben sprachst, kennen lernte, fieng ich an, das Wesen jener zu erfassen, begann ich dasselbe zu schätzen und zu lieben. Die Orthodoxie hier ist lediglich eine Abstraction der religiösen Seite des Judenthums, das Festhalten an der Tradition, dort dagegen der Ausdruck eines lebendigen, bewussten Volksthums. Hier ist der Zweck, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu bekunden, fast ganz aus den Augen gelassen, und die Mittel, die Gesetze, sind als formale Ceremonien zur Herr-