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Die Welt · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Article
Die Soldaten-Synagoge
Date
1902-03-07
Page
13 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 JDie i& Welt" Seite 13 Mann. Der Teufel weiss, was aus seinem Gelde geworden ist, denn er lebte ganz allein und hatte weder Familie, noch entfernte Verwandte. Keiner von uns, so sonderbar es auch erscheinen mag, empfand feindselige Gefühle diesem Manne gegenüber, im Gegentheile: wir alle waren ihm in gewissem Sinne anhänglich. Waren doch eben an diesen Bullenbeisser so viele traurige Erinnerungen geknüpft. Der Mensch, der lange Jahre im Gefängnisse zubringen muss, gewinnt selbst seine Zelle lieb. Bullen beisser seinerseits brachte uns sozusagen väterliche Gefühle entgegen und versicherte uns allen Ernstes, dass er uns stets sehr geliebt habe, selbst dann, wenn er uns halbtodt prügelte. Weiss der Himmel, vielleicht lag Wahrheit in seinen Worten. Wie dem auch sei, wir lebten, seitdem wir frei geworden, mit ihm in bester Freundschaft, wir machten einander Besuche, und manchmal liehen wir uns vön ihm kleine Summen gegen massige Zinsen aus. Wir befanden uns einmal — ich weiss nicht mehr aus welchem Anlasse — in grosser Gesellschaft in einem Gasthause. Bondarfinko der Bullen besser war auch mit uns. Wir tranken alle flLeissig; der Schnaps löste uns die Zungen, wir ergieugen uns in Erzählungen aus vergangener Zeit und kamen dann auf unsere Synagoge zu sprechen. Plötzlich wandte sich einer der unserigen, ein Kaufmann, zu Builenbeisser und sagte ihm halb im Scherze : „Hör einmal, Andrej Terentiitsch, Du hast in früheren Jahren genug Thränen aus unseren Kinderaugen fliessen lassen; Du wirst Dich deswegen dereinst vor dem lieben Gott verantworten müssen. Schenke uns Geld, damit wir unsere Synagoge bauen, der liebe Gott wird Dir dann die Sünden, die Du an uns begangen hast, verzeihen. Geld hast Du ja genug; was willst Du damit anfangen, da Du doch weder Frau noch Kinder hast?" „Ich werde mein Geld — wenn es mir belieben wird, eine gottgefällige Handlung zu begehen — der Kirche schenken; für eine Synagoge gebe ich es nicht her." „Gott ist doch überall derselbe,* erwiderte unser Freund, der Kaufmann, „wir beten in unseier Synagoge denselben Gott an, wie Ihr." „Das ist schon wahr. Trotzdem ist es nicht dasselbe." „Nun", sagte der Kaufmann, „hole Dich der Teufel. Unser jüdischer Gott braucht nicht das Geld eines solchen Schweines wie Du. Willst Du uns kein Geld schenken, so borge es uns wenigstens." „Wem soll ich das Geld borgen? Euch allen zusammen?' ,,Jawohl? uns allen. Jeder von uns wird Dir auf einen Theil der Summe einen Wechsel geben; aus den Einnahmen der Synagoge werden wir Dir die Zinsen und allmählich auch das Capital zurückzahlen." Bondarenko dachte einige Minuten nach, dann sagte er: „Das muss überlegt sein!a Dieser so zufällig durch einen der Unserigen gestellte Antrag führte bald zu ernsteren Besprechungen mit dem Builenbeisser, die damit endigten, dass er uns vierzehn Tage später fünfundzwanzigtausend Rubel in barem Gelde gegen Wechsel borgte. Die Höhe der Wechsel wurde selbstverständlich nach den Verhältnissen jedes einzelnen bemessen, so zum Beispiel unterschrieb ich einen Wechsel auf sechshundert Rubel, doch gab es auch solche, die sich bloss für hundert Rubel verpflichteten. Mit diesem Gelde wurde unsere Synagoge gebaut. Von der Stadtverwaltung erhielten wir den Platz, genau denselben, auf dem die ehemalige Cantonistenschule stand, und deren altes Mauerwerk dazu. Und so sahen wir unseren Traum verwirklicht. Das Gotteshaus war aufgebaut, von aussen und von innen fertig, nun sollte es „eingeweiht" werden. Diese „Einweihung" sollte für uns alle ein grosses, feierliches Ereignis s&in, und wir machten alle möglichen Vorbereitungen dazu. Bondarenko interessierte sich nicht minder als wir selbst für das Gelingen des Gotteshauses, und er verfolgte den Bau ebenso aufmerksam wie die eifrigsten Juden unter uns. Ich glaube, dass, wenn wir von ihm noch GeldNzum Bau verlangt hätten, er uns dasselbe ohne Widerrede gegeben hätte» Sie können sich wohl leicht vorstellen, wie feierlich wir die Einweihung unserer Synagoge begiengen. Als wir uns alle, feiertäglich gekleidet, in der Synagoge versammelt hatten und der Cantor, vom Chor unterstützt, den Psalm Davids anstimmte: „Dich, o Herr, lobe ich, denn Du hast mich erhöht . . — da weinten wir alle wie Kinder. Das waren keine Schmerzensthränen, das waren Freudenthränen, hervorgerufen durch ein Uebermass glücklicher Empfindungen. Alle Demüthigungen, alle Qualen, die wir erlitten hatten, schienen nun aus dem Gotteshaus verschwunden; wir fühlten uns plötzlich wie neugeboren. Dem war auch so : in diesen Mauern, welche uns umschlossen, feierten wir eine Neugeburt, als Menschen, als Juden, die das Recht haben, vor ihrem Schöpfer ihre Gefühle zu ergiessen . . . Drei Jahre lang zahlten wir Bondarenko pünktlich die Zinsen vom geborgten Capital, doch nur die Zinsen, denn die Einnahmen der Synagoge waren zu gering, um aus denselben das Capital auch nur theilweise zurückzahlen zu können. Wir glaubten schon, in die eigene Tasche greifen zu müssen, um Bondarenko, der einmal doch die Geduld verlieren würde, zu zahlen, als die Dinge plötzlich eine ganz unerwartete Wendung nahmen. Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, Bondarenko sei gefährlich erkrankt. Diese Nachricht rief grosse Aufregung unter uns hervor, und zwar aus folgenden Gründen: Bondarenko selbst fürchteten wir nicht, mit ihm konnten wir uns einigen, wie aber, wenn er sterben würde und unsere Wechsel dann in die Hände eines uns ganz fremden Erben gelangen sollten? Wir beschlossen, Bondarenko, der krank und einsam war, zu besuchen. Als wir zu ihm kamen, da merkten wir sofort, dass es mit ihm zu Ende gehe. Der wirklich herannähende Tod ist stets zu erkennen. Er lebte, Gott verzeihe es ihm, wie ein Schwein in .einer ganz kleinen schmutzigen Wohnung, ganz allein und wurde von einem alten Weibe gepflegt. Er schien über unseren Besuch sehr erfreut. „Habt Dank, dass Ihr mich besucht habt. So kann ich wenigstens vor dem Tode von Euch Abschied nehmen.4* „Was fällt Dir ein, Andrej Terentiitsch, vom Tode zu sprechen?" sagten wir ihm. „Du wirst uns alle noch überleben." „Nein", sagte er, „mit mir ist es aus, das fühle ich. Uebrigens bleibt es sich ja gleich, früher oder später zu sterben. Schicket um den Geistlichen. Und jetzt möchteich mit Euch über eine Angelegenheit sprechen, ich fühle mich vor Euch schuldig.- „Wer wäre schuldlos vor Gott?" antworten wir. Man darf an Vergangenes nicht denken! . . „Für Euch," erwiderte er. „mag es besser sein, daran nicht zu denken; ich aber . .' . muss es thun. Dort werde ich wahrscheinlich darüber befragt werden. Wie glaubt Ihr?" „Gewiss, wirst Du gefragt werden, aber Gott ist barmherzig, er wird Dir verzeihen." „Das ist es ja eben: Gott ist barmherzig, und deshalb verbietet er auch den Menschen, grausam zu sein . . Er schwieg. Wir sahen, dass er an etwas den/te, dass er überlege, wie er seine Gedanken uns mittheilen solle. „Sagt mir," sprach er endlich, „Gott ist doch überall derselbe?" „Ganz gewiss!" „So hört, was ich Euch sagen will. Nehmt das Geld, welches ich Euch geborgt habe, für mein Seelenheil. Was soll mir dieses Geld? Mitnehmen kann ich es ja nicht. Verzeiht mir aber, dass ich Euch gekränkt habe. Nehmt diesen Schlüssel und macht den Kasten auf, der in der Ecke steht, dort liegen Eure Wechsel — nehmt sie, Gott sei mit Euch, und wenn Ihr mir Liebes erweisen wollt — daftm gedenket meiner sündigen Seele. Saget auch den anderen, dass ich gerne von ihnen Abschied nehmen und sie um Verzeihung bitten möchte." Wir waren alle tiefgerührt, dankten ihm vom Herzen und versprachen, seiner für ewige Zeiten in der Synagoge zu gedenken. Zwei Tage später starb er. Wir gaben ihm alle bis zum Friedhofe das Geleite und gedenken seiner bis auf den heutigen Tag in unserer Synagoge. Zweierlei Juden. Roman von Max Viola. (Fortsetzung.) Er fühlte sein Herz weit werden, weit, weit, als ob er die ganze Welt darein schliessen könnte, die in diesem Augenblicke so herrlich schön war. Smaragdgrüne Matten, blumen duften de Thäler, wogende Aehrenfelder breiteten sich vor ihm aus; ein blauer wolkenloser Himmel lachte hernieder, und alle Menschen waren fromm und glücklich. Er legte die Hand auf ihre Stirne und strich ihr leise über das Haar. „Oeffae Deine Augen, sieh mich an," flehte er, doch sie hielt die Lider geschlossen und drückte ihr Haupt noch fester an ihn. Er sprach zu ihr süsse, verheissungsvolle Worte, Worte, deren Ton er selbst nicht hörte, deren Inhalt

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