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Die Welt · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Article
Die Soldaten-Synagoge
Date
1902-03-07
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite IS „Die £ Welt" Nr. 10 der selbst keine Peitschenhiebe erdulden musste, hielt es für seine Pflicht, andere damit zu tractieren. Nun können Sie sich vorstellen, was diese armen, wehrlosen^ der rohen Willkür preisgegebenen Kinder erleiden mussten und erlitten haben. Halten Sie sich diese Umstände vor Augen, und Sie werden einen Begriff bekommen, was wir für * uns er Judenthum erdulden mussten. Das Judenthum bildete damals kein eigentliches Verbrechen, es war sogar durch das Gesetz geduldet. Aber: Gesetz ist Gesetz, und Menschen sind Menschen. Die meisten Menschen von damals glaubten ernstlich, uns durch Ruthenhiebe ins himmlische Reich befördern zu können. Wenn sie uns prügelten, dann gaben sie sich den Anschein, dass sie uns bloss wegen unseres tudenthums prügeln. Das war natürlich Unsinn; wir wären von ihnen als Nichtjuden ebenso geprügelt worden.. Doch wir waren ja Kinder, Menschen und Verhältnisse waren uns fremd und unverständlich, und so mussten wir schliesslich glauben, dass wir bloss unseres Judenthums wegen so erbarmungslos geprügelt wurden. Es ist daher auch gar nicht zu verwundern, dass viele unter uns das Judenthum beiseite warfen. Sie hatten dann — leider aber zu spät — Gelegenheit, sich zu überzeugen, dass sie auch als Christen so viel geprügelt wurden, wie vordem als Juden. Unter uns befanden sich aber viele störrische Knaben, die, je mehr sie für das Judenthum geprügelt wurden, es umso lieber und werter hielten. Das Judenthum, welches an und für sich nicht so verlockend ist, Desonders nicht für die Kinder-Phantasie — die Kindheit des Judenkindes ist gar nicht heiter — dieses Judenthum begann, uns in einem hellen, strahlenden Glänze zu erscheinen. Wir begannen, unser Judenthum zu lieben. Alle Bekümmernis, die durch das Judenthum unsere Kinderseelen "bis dahin umdüstert hatte, war verschwunden; in unserer Erinnerung blieben nur die frohen, seligen Empfindungen aus einer fernen Zeit. In diesem weit, weit von uns entfernten, nebelhaften Judenthum, welches unsere Phantasie uns vorgaukelte, fand sich alles vor, was jedem Menschen, insbesondere aber jedem Kinde theuer ist. Dort war das heimatliche Dach, wo jeder Winkel mit irgend einer Erinnerung verknüpft war, dort war die Liebe des Vaters, das Lächeln der Mutter, dort lag die glückliche Kindheit; hier aber war alles so düster und fremd, so kalt und feindselig, dass die Kindesseele darob erstarrte .. . Der Hass und die Feindseligkeiten waren es, die uns unser Judenthum retten halfen. Hätten wir in der Fremde eine bessere Behandlung erfahren, es wäre in uns sehr bald jede Erinnerung an unser Judenthum erloschen. Was waren wir damals für Juden, was verstanden wir, in eine ganz fremde Sphäre versetzte Kinder, von unserem Judenthum? Sie haben keinen Begriff davon, wie weit wir mit dieser Liebe zum . Juden thum giengen. Wenn wir— was übrigens höchst selten geschah — einen freien Juden erblickten, dann jubelte unsere Kindesseele und Thränen traten uns in die Augen. Unsere grösste Freude bildete es, heimlich einige jüdische Worte zu wechseln, auf die Gefahr hin, dafür geprügelt zu werden. Mit einem Worte : di^s Judenthum wurde unser Traum, unsere Hoffnung, unsere Zuflucht vor allen Leiden. In der Tiefe unserer Seele, wo das Judenthum sich zu einer phantastischen Welt entfaltete, schöpften wir die Kraft, um unsere physischen und moralischen Leiden ertragen zu können. Wir betrachteten sie nun als ein Martyrium, eine Heldenthat und ertrugen sie mit Geduld. Nach den Schulstunden waren wir nicht mehr Kinder, die man nach Belieben lenken kann, sondern wirkliche, im Kampfe um ihre Religion und.Nationalität erstarkte, glaubensfeste Männer. Nach Beendigung der Schule stand uns der Nikolaj'sche Militärdienst bevor, das heisst ein zwanzigjähriger Dienst mit Maulschellen, Prügelhieben und ähnlicher Behandlung. Jene von uns, die noch in der Schule das Judenthum als unnützen Ballast abgeschüttelt hatten, konnten im Dienste vorwärtskommen. Wir aber, treugebliebene Juden, wir konnten absolut nichts erreichen, wir mussten zwanzig Jahre lang denselben Dienst als gemeine Soldaten verrichten. Nach der Katorga (Galeerenarbeit) der Cantonistenschule aber konnte uns gar kein Dienst, nicht einmal der Dienst als Mkolaj'scher Soldat schrecklich scheinen. Und wir begannen mit Vergnügen unseren Soldatendienst, und manche von uns waren so geschickt, dass sie dabei sogar etwas Geld erwerben konnten. Hatten wir doch in der Schule Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt, und das bedeutete damals sehr viel. Als wir den Dienst endlich hinter uns hatten, da fehlte uns jede Lust, in unsere Geburtsorte zurückzukehren, waren wir ihnen doch, aufrichtig gesagt, ganz entfremdet worden. So blieben wir denn, wo wir waren, und ein jeder von uns suchte sich, so gut es gieng, einen Erwerb. Diejenigen, welche ein Handwerk erlernt hatten* betrieben ed nun, andere wurden Kaufleute, und manche von uns würden sogar vom Glücke begünstigt. Ich selbst hatte mir nach Beendigung des Soldatendienstes ungefähr zweitausend Rubel erübrigt, und hätte ich in der Lotterie nicht meine Sorka, die nicht besonders zu wirtschaften versteht, als Treffer bekommen, ich wäre heute vielleicht im Besitze von fünftausend Rubeln. Sie glauben wahrscheinlich, dass ich mir bezüglich der Lotterie einen Scherz erlaubt habe. Nicht doch, das ist die reine Wahrheit: ich habe meine Frau gewonnen* Wenn auch nicht in der Lotterie; sie wurde ausgelost, Und dö,s Los fiel mir zu* Solche jüdische Heiraten gehören auch längst vergessenen Zeiten an. Damals gab es in den Städten des inneren Russland fast gar keine Juden. Infolge dessen befanden sich die jüdischen Cantonisten, wenn sie einmal das Alter und die Möglichkeit erreicht hatten, zu heiraten, in grosser Verlegenheit: woher die Frauen nehmen? Doch die Noth ist erfinderisch, und so erfanden auch wir einen Ausweg. Wir wendeten uns schriftlich an die Vorsteher jüdischer Gemeinden in den von unseren Glaubensgenossen bewohnten Städten, Wir schilderten unsere Nothlage, und es bildete sich sehr bald eine regelrechte Zufuhr von Bräuten nach Inner-Russland. Selbstverständlich waren diese Bräute nicht erster Qualität, aber wir brauchten ja nur — Frauen. Dieser eigenartige Handelsverkehr geschah auf folgende Weise: Irgend ein unternehmender Fuhrmann lud auf seinen Wagen 10—20 heiratslustige Mädchen auf und führte sie in eine russische Stadt, wo sich viele ausgediente jüdische Soldaten befanden. Er theilte ihnen mit, dass eine „Warensendung" angelangt sei. Die „Freieru Hessen nicht lange auf sich warten und beeilten sich, eine Wahl zu treffen. Manchmal geschah es auch, dass mehrere f „Freier" dasselbe Mädchen haben wollten, oder auch dass weniger Mädchen gebracht worden waren, als benöthigt wurden. In diesen Fällen wurde gelost, und eben auf diese Weise erhielt ich meine Sorka, welche noch mehrere „Freier" haben wollten. Ich erwähne dieses nur so nebenbei. Inzwischen war bei uns eine neue freiere Strömung eingetreten; bessere, edlere Gefühle hatten platzgegriffen, und auf russischem Boden wurde das Wort „Liebe" hörbar* Gesegnet sei das Andenken jener, die dieses mächtige Wort zuerst gesprochen und den Menschen die Möglichkeit boten, freier aufzuathmen. Auch für die Juden kam eine bessere Zeit, und wir ausgediente Soldaten traten nun in stets regeren Verkehr mit der. übrigen jüdischen Gesellschaft, von welcher wir bis dahin ganz abgesondert gewesen waren. Wir waren bemüht, unser Judenthum, für welches wir so lange Jahre körperlich und seelisch so tief gelitten hatten, vor unseren anderen Glaubensbrüdern zur Schau zu tragen. Das Judenthum war die Trophäe, die wir aus dam Kampfe um Leben und Tod davongetragen hatten, und wir besassen die menschliche Schwäche, damit zu prahlen. Das war wohl nicht sehr lobenswert, aber es war tatsächlich der Fall. Das erste, was wir, sobald wir freigeworden waren, unternahmen, war, für unsere kleine Soldatengemeinde unverzüglich einen Rabbiner und einen Schächter, der zugleich Cantor sein musste, kommen zu lassen. Dann kauften wir eine Gesetzrolle und richteten uns ein Bethaus ein. Mit einem Worte, wir waren bemüht, aus uns eine regelrechte Judengemeinde zu constituieren. Ist aber eine Judengemeinde denkbar oder vollkommen ohne Synagoge? Eine Synagoge zu besitzen — das wurde nun unser Traum. Wie aber sollten wir diesen schönen Traum verwirklichen? Wir waren unserer zu wenig, und ausserdem waren die meisten von uns arm. An unsere anderen Glaubensgenossen aber wollten wir uns nicht wenden, denn wir wollten nur eine eigene, aus Soldatengeldern gebaute Synagoge besitzen, Wir dachten lange erfolglos darüber nach, wie unser sehnsüchtiger Wunsch zu verwirklichen sei. Da half uns der liebe Gott. Hier lebte ein Cantonisten-Unterofficier, nämlich einer, dessen specielle Aufgabe darin bestanden hatte, uns Cantonisten zu prügeln. Darin war er ein Meister, der Teufel hätte ihn holen sollen! Nach seinen Prügeln musste man unbedingt ins Lazareth wandern.. Als aber das Prügeln zu Ende war, die Cantonisten- Schule aufgehoben wurde und „Bulienbeisser" (so nannten wir ihn) den Abschied erhalten hatte, da begann er, sich mit Wucher zu befassen. Er hatte es schon früher in der Schule heimlich gethan, jetzt betrieb er dieses einträgliche Geschäft im grossen und wurde sehr bald ein reicher

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