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Die Welt · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Article
Die Vorsehung, Palästina und die Rothschilds
Date
1902-03-07
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 40 „Die $ Welt" Seite 5 Die Vorsehung, Palästina und die Rothschilds. Von Israel Zangwill.*) Als nach der Unterdrückung der Rebellion von 1745 zugunsten der Stuarts die wohlwollende Regierung das auf den englischen Thron gelangte Haus Hannover (welches, wie beinahe alles in der Geschichte, durch die . Juden sehr stark flnanciert worden war) diesen loyalen Gästen Naturalisation gewähren wollte, wurde dem Minister Pelham vorgeworfen, dass er sich der Hand der Vorsehung entgegenstellen wolle. Die Vorsehung — so wurde gemeint — wünsche es, dass die Juden ohne Vaterland bleiben sollten, bis sie iii ihr eigenes Vaterland wieder eingesetzt werden würden. Nun, da eine mächtige zionistische Bewegung auf der ganzen Welt besteht und bestrebt ist, dieses eigene Vaterland zu erreichen, jetzt wird den Zionisten der Vorwurf gemacht, dass sie die Hand der Vorsehung zwingen wollten. Es wäre eine viel richtigere Auffassung der Zeitgeschichte, unter Adoptierung der dogmatischen Phraseologie dieser Pseudo - Theologen zu sagen, dass die Vorsehung die Hand der Zionisten Zwingt. Denn in der That haben gerade in de^7 letzten Zeiten sich weit auseinanderliegende Fäden der Geschichte zu einem auffallenden Bilde zusammengewoben. Prüfen wir in einfachen Umrissen die Factoren der ewigen Judenwanderung in ihrer Beziehung zur grossen Hoffnung, welche diese Wanderung erträglich gemacht hat. Diese Factoren sind: Die Lage des jüdischen Volkes, Palästinas und des Beherrschers Palästinas. Die Lage der Juden ist, oberflächlichem Anscheine entgegen, gegenwärtig schlechter als sie vor Jahrhunderten war. Denn ihre wahre Emancipation, wo sie wirklich durchgeführt ist, hat bloss ihre Auflösung vorbereitet. Es ist für die kleine Minorität, welche die Gräben der Ghettowälle nicht mehr hat, unmöglich, der gänzlichen Aufsaugung durch die grossen Wogen des westlichen Lebens, welche auf dasselbe anstürmen, zu entgehen. Die für die Industrie sich ergebende Unmöglichkeit allein, zwei Sabbathe in der Woche zu halten, vernichtet den jüdischen Sabbath, den wahren Grundpfeiler der jüdischen Religion, während alle Angriffe auf dieses alte Heiligthum immer elend fehlgeschlagen sind. Jedoch berührt diese destructive Emancipation nur eine Minderheit der Juden. Mehr als die Hälfte der elf Millionen Juden lebt in Russland,und der grösste Theil derselben ist in den Grenzbezirken zusammengepfercht und durch die planierende Politik, durchweiche das Heilige Russland in eine religiöse Einheit umgewandelt werden soll, hart bedrängt und gestossen. In Rumänien wird eine Viertel mihi on Juden unter unbarmherziger Missachtung des Berliner Vertrages durch die Gesetzgebung hinausgetrieben. Bloss die Million Juden in Amerika sind frei, wenn auch nicht social gleichgestellt. Die Elend-Quartiere der Weltstädte haben eine Sättigungsgrenze in Bezug auf ihre Fähigkeit, den Strom der Einwanderung von nothleidenden russischen und rumänischen Juden aufzunehmen, erreicht. London selbst beginnt durch die „Liga der britischen Brüder" und eine parlamentarische Enquete gegen deren continuierlichen Zuzug zu protestieren. Deutschland, Oesterreich und Ungarn haben ihre antisemitischen Parteien, und Frankreich ist nicht mehr das Land, in dessen *) Unser unermüdlicher Freund Zangwill veröffentlicht in der Nummer vom 22. Februar d. J. der englischen Zeitschrift „The Speaker" obenstehenden Artikel, der füe Leser der „Welt" gewiss sehr interessieren dürfte. Hauptstadt als Botschafter zu verbleiben das Vergnügen eines Rothschild wäre. Blicken wir rings umher, so bemerken wir zu unserem Erstaunen von allen Ländern, die von einer grösseren jüdischen Bevölkerung bewohnt werden, blos ein einziges frei vom Antisemitismus, ein einziges, in welchem die jüdischen Einwohner in absolutem Frieden mit ihren Nachbarn leben — und das ist das türkische Reich. In der europäischen und asiatischen Türkei leben nietyt weniger als 450.000 Juden. Vielleicht kommen sie mit den Mohammedanern so gut aus, weil ihre religiösen Gebräuche ziemlich verwandt sind. Der Islam ist ja nichts anderes als Israel ins Arabische übersetzt. Es mag aber auch sein, dass im türkischen Reiche mehr religiöse Toleranz herrscht, als in dem übrigen Europa im allgemeinen bekannt ist — insbesondere seit der unglückseligen armenischen Episode. Erklärten denn nicht vor kurzem griechische Unterthanen des Sultans — christliche Studenten der Genfer Universität — in aller Form, dass compleüe religiöse Toleranz im ottomanischen Reiche herrsche, dass alle religiösen Hebungen frei gestattet werden, und dass in den Augen der Regierung kein Unterschied existiere zwischen der mohamedanischen und nicht-rnohammedanischen Bevölkerung? Und — wenn wir rückwärts schauen — finden wir nicht, dass die finstersten, verfolgungssüchtigsten Zeiten der Christenheit zusammenfallen mit den hellsten Perioden mohammedanischer Cultur und Toleranz? Wie aber steht es um jenen besonderen Theil des türkischen Reiches, auf welchen die Augen des jüdischen Volkes seit achtzehnhundert Jahren gerichtet sind? Palästina hätte von den Türken dicht bevölkert sein können oder von Arabern oder Europäern; es hätte durch die industriellen Kräfte der modernen Civilisation ausgebeutet sein können; oder es hätte in die Hände Frankreichs oder Deutschlands oder Russlands gerathen sein können, von denen jedes eine Einflusssphäre dort zu etablieren versucht hat. Aber nein — es ist bis zu diesem Augenblicke das wenigst bewohnte, vergessenste und ruinierteste türkische Territorium geblieben, ungeachtet seiner Lage im wahren Gentrum der alten Welt, seiner Beziehungen zum Mittelmeer, zum Suez-Canal, zu Aegypten und dem Persischen Golfe, welche ihm eine commezcielle und strategische Zukunft von hoher Bedeutung sichern. Das Land ist durchaus nicht darüber hinaus, dass nicht wieder Milch und Honig in ihm fliesse. Wenn von hohen Gesichtspunkten angepackt — gleich Aegypten — wird dessen Wiedererweckung, ebenso wie die Aegyptens, das hineingesteckte Capital reichlich lohnen. Die Ströme der jüdischen Einwanderung — anderswo so unwillkommen — würden hier ihren natürlichen Canai finden uud das ganze Land zu Fruchtbarkeit und Blüte bringen. Denn diese jüdischen Flüchtlinge sind keine Bettler; die meisten sind Handwerker und einige Landwirte. Die in neuen Golonien so nothwendigen Arbeitskräfte wären damit durch die centripetale Kraft der Verfolgung einerseits und die eentrifugale der Anziehung des Heiligen Landes versagt. Die zionistischen Vereine,welche die jüdischen Emigranten sich zu gründen beeilen, kaum dass sie ihren Fuss in Cape-Breton oder Süd- Afrika ans Land gesetzt haben, beweisen, wie gerne diese Handwerker direct nach Zion gegangen wären. Zion ist in der That den russischen Grenzprovinzen näher, und die Tagereise von Odessa durch das Schwarze Meer kostet nur 30 Shillinge.

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