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Die Welt · 1902-03-07 · 10 (7.3.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
10 (7.3.1902)
Article
Chartered-Compnies
Date
1902-03-07
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 „Die j£ Welt" Seite 3 worbene Gebiet als einen selbständigen, souveränen Staat zu proclamieren, dessen Oberhaupt zugleich König von Belgien ist. Maxim Gorkij und Tugan Baranov/sky über den Zionismus. Der gefeierte Dichter Gorkij and der berühmte Publicist und Nationalökonom Tugan Baranowsky haben sich vor kurzem einem Gesinnungsgenossen gegenüber brieflich über den Zionismus geäussert. Wir geben die Briefe der beiden hervorragenden Rassen ohne Commentar wieder. Es schreibt Maxim Gorkij: „Ich bin viel zu wenig mit dem Zionismus vertraut, um das Recht zu haben, meine Meinung über ihn auszusprechen. Mir ist aber das in seinen Leiden grosse jüdische Volk tief sympathisch, ich verbeuge mich vor der Macht seiner von Jahrhunderten schwerer Ungerechtigkeiten gemarterten Seele, die, wenn auch abgemattet, sich doch heiss und kühn nach Freiheit sehnt. Gutes, feuriges Blut strömt in den Adern Eures Volkes! Man sagte mir, der Zionismus sei eine Utopie; ich weiss es nicht; vielleicht. Insofern aber ich in dieser Utopie einen unbesiegbaren, leidenschaftlichen Durst nach Freiheit sehe — ist sie für mich eine Realität, eine grosse Lebenssache. Aus vollem Herzen wünsche ich dem jüdischen Volke — wie auch der übrigen Menschheit — alle Geisteskräfte an diesen Traum zu wenden, ihn in Fleisch und Blut umzusetzen, für ihn unermüdlich zu kämpfen, um alles Ungerechte, Gemeine, Rauhe, zu besiegen." * Professor Tugan Baranowsky : „Aus dem tiefsten Herzen sympathisiere ich mit der zionistischen Bewegung als einem Protest gegen das empörende Verhalten, welches in den zeitgenössischen gebildeten Gesellschaftskreisen sowohl Russlands als auch Westeuropas den Juden gegenüber herrscht. Die zionistische Bewegung ruft meine Sympathien schon deshalb hervor, weil ich in derselben die Offenbarung eines hohen Idealismus erblicke. Es ist richtig, kein einziger geschichtlicher Staat ist auf die Weise zustande gekommen, wie die Zionisten die alte Judenheimat wieder herstellen wollen; die Vergangenheit ist aber kein Gesetz für die Zukunft. Das Zustandebringen wäre einer der grössten Siege des menschlichen Geistes, die der Weltgeschichte bekannt sind, denn bis zu unserer Zeit war das Gebiet der gesellschaftlichen Verhältnisse eine Sphäre, in der der Menschenwille fast machtlos zu bleiben pflegte. Die Gesellschaftsordnung gestaltete sich elementar, ohne eine planmässige Einwirkung des vernünftigen Willens der Majorität. Der Judenstaat wäre der erste Staatsorganisrnus, der durch den Willen des Menschen geschaffen wäre, und deshalb würde der Erfolg dieser Sache den Eintritt einer neuen Aera in der Weltgeschichte bezeichnen. Ich sehe keine Gründe, warum die Sache der Zionisten absolut nicht zu verwirklichen wäre; allerdings muss man für ihre Verwirklichung ungeheuer grosse Hindernisse überwinden. Ich bin leider viel zu wenig mit der zionistischen Bewegung vertraut, um irgend eine bestimmte Meinung darüber zu haben, ob die Bewegung ihr Ziel erreichen wird oder nicht. Eines kann ich nur sagen, ich wünsche Euch den Erfolg aus ganzem Herzen." Betonung und Betätigung. Die Verhältnisse der deutschösterreichischen Juden in einem Kernspruche — so kann man einen Theil der letzten Rede des zum Czechenführer corrigierten Juden Stransky bezeichnen. Von den Erfahrungen aus seiner vorhussitisehen Vergangenheit brachte er unter lauter Heiterkeit des Parlamentes einige gegen die deutsche Abgeordnetengruppe vor: „Die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit stehen nur auf dem Papier. Die Linke zerfällt in drei grosse Antisemiten-Gruppen : Die einen sagen: Man muss den Antisemitismus betonen und auch bethätigen. Das sind die Wiener Antisemiten. Die Deutschnationalen und Deutschradicalen sagen: Man muss den Antisemitismus betonen, bethätigen muss man ihn nicht. Und die Liberalen erklären : Man muss den Antisemitismus bethätigen, betonen darf man ihn nicht. * Die Schönheit des Wortspieles hat ein kleines Stück Wahrheit gekostet. Die Nationalen und Eadicalen betonen und bethätigen ihre Judenfeindschaft. Und wie! Sonst ist die Rede geradezu ein Formular zum beliebigen Gebrauche gegen jede österreichische Partei. Man braucht nur andere Namen einzufügen und kann sie dann den Czechen halten, oder den Polen, oder den Slovenen. Recht hat man immer, und verständnisinnig lachen die Zuhörer. Die Juden lachen nicht. Tragen sie doch schliesslich die Kosten der Unterhaltung. Betonung und Bethätigung der Judenfeindschaft ist eine feine Uebersetzung für gesellschaftliche und materielle Aechtung. Die politische Mandatsconcurrenz von heute bedeutet im österreichischen Westen einen Wetteifer der Gemeinheit gegen die Juden. Davon schliessen sich auch die Provinzliberalen nicht aus; mag der Wahlwerber den „israelitischen Mitbürger" noch so treuherzig umschmeicheln, mag mancher von ihnen nach der Wahl Wort und Glauben nicht schänden — das Volk hasst den Juden und lässt sich von keinem Apostel darin wankend machen. Mit der Sehnsucht des Kranken nach Selbstbetrug wollten das die Betroffenen lange nicht einsehen. Sie standen der Freiheit gegenüber, wie die Kinder der Märchenprinzessin. Sie glaubten fest an sie und sind von ihrer Existenz überzeugt und gewiss, sie wird morgen kommen. Aber aus den Kindern werden klaräugige Leute, die ihre Träume verrinnen sehen. Schaudernd stehen sie der Wirklichkeit gegenüber. Die Ehrenwerten, deren Unterschrift 5 Ziffern hintereinander wert ist, erschrecken über nichts, als über ein paar neue Beleidigungen. Aber diejenigen, die von ihrem Fleiss und ihrer Arbeit ernährt werden, finden immer weniger Käufer dafür, und der entsetzliche Judentypus, der Luftmensch, bekommt auch im Westen immer häufiger Blut und Körper. Mit banger Vorahnung fühlt man sich im Westen auf den Weg nach abwärts gedrängt, auf dessen anderem Ende die Juden des Ostens schon stehen. Mögen auch Jahre darüber vergehen, unerbittlich fleissige Hände bauen unermüdlich am Judenelend, am Ghetto! Kein Unglück ist so gross, dass es nicht etwas Gutes hervorbrächte, lautet ein altes jüdisches Wort. Die Sturmflut des Judenhasses hat viel Schlamm weggespült, und darunter ist ein neues reines Judenthum erstanden" und Keime nationalen Lebens sind erwacht. Wir Zionisten, die immer dort sind, wo es Juden schlecht geht, werden hiermit unserer Hilfe eingreifen. Wir führen keinen Kampf gegen den Antisemitismus. Wir feiern kein Siegesfest, wenn Juden keinen Antisemiten gewählt haben. Wir ruinieren kein Kanzleipapier mit einem ohnmächtigen Protest, der einen Minister die immergleichen Worte zur Deputation sprechen lässt,' dass er ihre Wünsche genau prüfen und thunlichst erledigen werde* Wir machen auch keine jüdische

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