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Die Welt · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Article
Zweierlei Juden
Date
1902-02-28
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 £>te # Welt^ Nr. 9 Palette hielt und strich langsam am Hemdärmtl entlang bis zur Schalter empor, wanderte dann denselben Weg zurück, um sich immer und immer wieder bis zu seiner breiten Schulter zu erheben. Sie zählte die violetten Carreaus auf dem Aermel und die gelben und Schwaben Punkte darin, sie sah die glatte weisse Manchette mit dem Crystallknopf, in dessen Mitte vier kleine Rubine funkelten, dann das Gelenk, viel weisser als die Hand und von elastischer Beweglichkeit. Sie fühlte einen leisen Schwindel. Clara blickte ihr zögernd ins Antlitz und sagte: „Mirjam, du bist müde?" Paul eilte auf sie zu und die Sitzung wurd abgebrochen. Er bat in höflichen Worten um Verzeihung, dass er sie so lange belästigt und versprach, ihre Geduld morgen auf eine weniger harte Probe zu stellen. Clara schmollte, weil er sie nicht auch um Entschuldigung gebeten hatte, Ä Verdient hätte ich es," sagte sie, „denn ich habe mich fürchterlich gelangweilt*. Paul legte und brachte seine Utensilien in Ordnung, wahrend die beiden Mädchen das begonnene Bild aufmerksam prüften. Sie besahen es von allen Seiten, doch ihre ungeübten Augen fanden noch keinerlei Aehnlichkeit heraus. Die nächsten Tage waren ein wenig bewölkt, auch befand sich Mirjam nicht ganz wohl, doch nahm die Arbeit ihren ungestörten Lauf. Maler und Modell sassen sich stundenlang gegenüber und wechselten kaum einige Worte. Paul hatte dass herrliche Mädchen vor sich, doch *»r sah nicht das Weib in ihr, sondern bloss das Modell. Sein Herz war nicht im Spiele; er fühlte es nicht. Während er ihre Augen oder Lippen malte, sah er bloss ihre Augen oder Lippen, alle anderen KÖrpertheile waren verschwunden. Er war, während er arbeitete, nicht der junge Mann, vor dem ein berückend schönes Mädchen sass, sondern der Künstler, der die einzelnen Partien des Modells mit dem Auge aufnimmt, das Geschaute durch seine Sinne leitend, dein Pinsel den er führt, mitzutheilen sucht. Und so hielt er es Tag für Tag, eine Woche lang. Vergeblich hatte sich Clara gefreut, während der Malstunden zwischen Beiden einen Roman entstehen zu sehen; in Pauls Augen gewahrte^ sie zu ihrer Verwunderung weder Sehnsucht,noch Liebe.In den ersten Tagen wähnte sie, dass sei Verstellung, Heuchelei; als es sich aber gleich blieb, entfernte sie sich zuweilen auf' einige Minuten, um die Beiden zu beobachten. Es war vergeblich. Paul malte und rauchte unablässig. Zuweilen warf er ein Wort hin, zuweilen trat er an Mirjam heran, ,um ihre Haltung ein wenig zu ändern, allein die Blicke seiner Augen blieben ruhig. Sie begann ihm zu zürnen, wendete von nun an ihre ganze Aufmerksamkeit Mirjam zu, und zu ihrem Schrecken bemerkte sie nach einigen Ta*en in den Augen ihrer Freundin dasjenige, was sie in den Blicken Pauls vergeblich eresucht hatte. Ohne Beschäftigung, stundenlang in seiner Nähe, war die Liebe in das Herz des schönen Mädchens eingezogen. Sie glimmte vielleicht erst darin, aber es bedurfte wohl nur der ersten Anregung, um sie lichterloh emporflammen zu lassen. Er aber, der Gegenstand ihrer Sehnsucht, malte ruhig und unbekümmert weiter. Er sah, dass ihm sein Werk gelang und hatte seine hohe Freude daran. Diese Freude war erst gekommen, als das Porträt seiner Vollendung entgegengieng, als er nur mehr hier mit einem Pinselstriche nachzuhelfen, dort einen kleinen Schatten heller zu gestalten hatte, als ihm endlich Mirjam, wie sie lebte, in ihrer ganzen duftenden Schönheit von der Leinwand entgegentrat. War es die Freude ob des Gelingens, die ihm aus den Augen strahlte? Jetzt fixierte er Mirjam nicht mehr mit stechenden Blicken, wie noch vor einigen Tagen; ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen, und man konnte nicht unterscheiden, ob er das Porträt oder Mirjam mit grösserer Freude betrachtete. Clara vermochte nicht klug zu werden, so scharf sie auch zusah. Er war wie ausgewechselt. Sollte das bloss die Freude darob sein, dass flas Bild so gut gelungen war? Oder hatte er sich in das Porträt verliebt, in das Porträt und nicht in Mirjam selbst? Was für ein eigenthümlicher Kauz! Nein, nein, nun sah sie endlich klar. Die Blicke, mit denen er das Bild betrachtete, waren bloss freudig, doch in seinen Augen lag Trunkenheit, strahlendes Glück, wenn er sie auf Mirjam heftete. Ob seiner Arbeit hatte er des schönen Mädchens vergessen; er verliebte sich förmlich in da-i Porträt, als er aber fertig war, da sah er, dass das Original noch viel schöner und ^bestrickender sei, und da hatte er die Liebe, die er für das Bild gehegt, Mirjam zugewendet. Ja, ja, es konnte gar nicht anders sein. Ganz plötzlich war es über ihn gekömmen, er wusste selbst nicht wie. In dem Augenblicke, da der Künstler zu schaffen aufhörte und der Mann wieder in den Vordergrund trat, war die Liebe in sein Herz eingezogen, hatte ihn Mirjams Schönheit überwältigt. Und er suchte nicht zu verbergen, dass er gefangen sei,. Clara sah das ganz genau. Wenn sie jetzt sagen würde, sie müsse ins Haus und könne erst in einer Viertelstunde wiederkommen, würde sie bei ihrer Rüekkehr ganz seltsame Dinge antreffen. Es waren fast drei Wochen vergangen, und nun sollte an das Porträt die letzte Hand gelegt wei den. Paul war von einer fieberhaften Unruhe. Er arbeitete an dem Bilde, doch seine Blicke hafteten wiederholt so lange auf Mirjam, dass tr zu malen vergass. Clara bemerkte den Kampf, der in ihm wogte, und sah auch die tiefe Trauer auf Mirjams Antlitz. Sie freute sich darob. Ganz unvermittelt sagte sie: „Du, Paul, hast Du Mirjam schon singen gehört?* „N<sin! Das Fräulein singt?" „Und das wunderschön!" Paul antwortete nicht. Er malte behutsam einen bläulichen Schatten über die Wangen, den ihre langen Wimpern darauf warfen. Dann bog er den Körper weit nach rückwärts und sagte: „Ihr Porträt wird heute beendet, Fräulein» Wollen Sie mir als Belohnung ein Lied singen?" „Meine Lieder sind zumeist so traurig,* entgegnete sie. Er sah sie bittend an und legte die Pinsel ins Gras. „Bitte, bitte, zur Erinnerung an unsere letzte Sitzung; ja?" „Ja*, sagte sie einfach und sang mit einer tiefen, rührenden Altstimme eine ernste melodische Weise: Vom Walde zog der Frühlingsduft Es glänzten hoch in stiller Luft Die hellen Sterne sonder Zahl-- --Es war einmal, es war einmal... Wir sassen auf der Gartenbank, Du lachtest süss, Du jauchztest bang, In Liebeslust, in Liebesqual-- --Es War einmal, es war einmal. .. Wie schön, wie schön war diese Welt, Wie blumenfrisch die Au,.das Feld! Es jauchzt' vor Glück von Berg zu Thal.. --Es war einmal, es war einmal ... Sie schwieg und blickte verwirrt zu Boden, und ihre Verwirrung schien sich auch ihm mitzutheilen. Er lobte ihren Gesang nicht, er sagte ihr kein Dankesworfc, die Pfeife im linken Mundwinkel, die Hände in den Hosentaschen, stand er wie in die Erde gewurzelt und heftete seinen starren Blick auf das süsse Mädchenantlitz, das ihm von der Leinwand in unaussprechlicher Anmutht entgegeeblickte. Ein Regentropfen fiel vom Himmel, an dem sich dichte weisse Wolken zeigten, und ein starker Duft von Reseda und blassen Violen zitterte in der Luft. „Kinder, es regnet!" rief Clara, nahm rasch das Porträt von der Staffelei und lief damit dem Hause zu. Die beiden verharrten regungslos auf ihren Plätzen. Mirjam auf ihrem gebrechlichen Throne, und er stand fünf Schritte vo»n ihr entfernt. Er nahm die Pfeife aus dem Munde. Sein Athem war kurz und keuchend, tiefe Blässe bedeckte sein Gesicht, und seine Augen loderten begehrend und verzehrend. Einen Moment wankte seine Gestalt, dann einen kurzen heiseren Schrei ausstossend, stürzte er auf Mirjam zu. Sie aber sprang von ihrem Sitze empor und hielt den Sessel wie zur Abwehr mit bebenden Händen vor sich. Er erfasste den Stuhl und schleuderte ihn weit weg, dann umklammerte er ihre eisigkalten Hände, alsobermitihr ringen wollte. Ihre Gestalt bog sich müde unter seinen Händen, dann taumelte sie nach rückwärts und lehnte kraftlos an der epheubewachsenen Mauer. Er stand vor ihr, Auge in Auge. Sie wollte entfliehen und presste ihren Leib so lest an die Rückwand des Hauses, dass sie durch das üppige Gewächs die kalte Mauer fühlte und die kleinen Beinnadem in ihren Haaren krachend zerbrachen. Er vernahm ihr Stöhnen, und seine plötzlich erwachte unbändige Liebe berauschte sich daran. „Du Süsse, Du Schöne, Du meine Königin!" rief er mit heiserer Stimme und strich ihr über das goldene Haar, und immer wieder rief er: „Du meine Königin! Du meine Königin!" Trunken von seiner eigenen glühenden Leidenschaft, dachte er im ersten Augenblick des Rausches nicht an ihre Gegenliebe, doch plötzlich, als seine Augen klarer wurden uud er das bleiche regungslose Mädchen mit geschlossenen Lidern vor sich sah, stieg der erste rasende Zweifel in ihm auf: „Mirjam! Mirjam!" Er erfasste ihre schlaff herabhängenden Arme und breitete sie aus, dass wie eine Märtyrerin anzusehen war, „Mirjam! Mirjam! Ein einziges Wort der Liebe, ein kleines Wort der Liebe, Mirjam!"

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