Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Article
- Jüdische Literatur und Wissenschaft
- Date
- 1902-02-28
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315969-3318923--30739-3319023- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 dMm&VIkfö können wir von hier aus schaffen? Ich antworte mit derber Offenheit: Positives lässt sich in dieser Eichtling von hier aus nicht gestalten. Aber von hier flattern die geflügelten Worte unter das Volk hinaus, als ob Funken aufzuckten. Dass die Volksthümlichkeit der Wissenschaft des Jüdischen thatkräftiger, eindringlicher, ja rücksichtsloser zur Geltung gebracht werde, dass wir, die wir nicht nur mit dem Griffel der Klio, sondern vielleicht auch von uns fortgesetzte active jüdische Geschichte schreiben werden, den Standpunkt dieser Archäologie aufgeben und unser Jüdisches weder mit süsser Einfalt, noch mit pedantisch-statuarischer Strenge, sondern mit jener Innigkeit der Empfindung behandeln, die einem selbstbewussten, greifbaren Volkswesen gebürt — dies sei unser Wahlspruch. Wir wollen keine Wissenschaft mit Tendenz; die Tendenz steckte eben in der Verlegenheit und Eathlosigkeit des Symbolisierens und Manövrierens. Der Zionismus, der die Vorstellung frischen Lebens uns zuflüstert, verleiht uns unbedingte, volksthümliche Ehrlichkeit, keinen Gedanken von Eassenhass und Nationaldünkel. sondern Wahrheit und Leben. Und so kommen wir zu unserer ersten Definition zurück. Von diesem Standpunkte ist unser Gesammtwerk vollständig geeignet, der Gegenstand einer Wissenschaft zu sein, welche dasselbe als einen lebendigen Organismus zu behandeln hat. Es ist vielleicht unzart, dass wir die ätherische Abstraction des theistisch-weltbürgerlich-homiletischen Judenthums in eine grobe, greifbare Sinnlichkeit der Thatsache des jüdischen Volkes übersetzt haben. Aber die Uebersetzung gehört nicht uns. Jenes vielmehr war Uebersetzung, Baisonnieren und unnöthige Schönfärberei. Unser ist das Original. Es muss aber wieder erarbeitet und erkämpft werden. Wir halten es für sehr dringend und wichtig, dass jüdisches Wissen gepflegt, dass zu diesem Zwecke Vereine gegründet und aufrecht erhalten, Schulen, Seminarien,t Bathe midraseh, literarische Vereine, Vorträge eingerich-' tet werden. Möge der Zionismus anregend und fördernd in ,> dieser Beziehung wirken! Möge es den einzelnen Kate-' gorien, Landsmannschaften und Ortsgruppen zur Pflicht1' gemacht werden, für jüdisches Wissen thätig zu seinTj Mögen diejenigen, die sich noch nicht über die Tragweite , dieser Pflicht klar genug sind, sich das alte Wort vergegen- , wärtigen: Ki rnizion teze tora. In und um Zion soll jüdisches Wissen aufblühen zusammen mit unserem Volke und"' all seinen kostbarsten Besitzthümern. (Lebhafter Beifall.)'] Der jüdische „Bettelstudent". Von Dr. J, Frie&laender (Strassburg im Elsass). (Schluss.) Dass der russische Studien jünger in den meisten Fällen nach Deutschland (und Oesterreich) geht, erklärt sich nicht allein durch die geographische Nachbarschaft und durch seine Vorstellung von der Wohlhabenheit und Hilfsbereitschaft der dortigen Juden, sondern es wirken auch sehr kräftig ideale Momente nickt. Der neuhebräischen Literatur, deren Zögling er ist, galten bis vor kurzem noch die deutschen Juden., die ihr lediglich durch die Leistungen ihrer jüdisch-wissenschaftlichen Literatur bekannt waren, als die vollkommensten Muster modernen Judentimms, die es vermocht haben, „die Schönheit Hellas* in die Zelte Sem's zu pflanzen4' und jüdisches Wesen mitallgemein europäischer (Zivilisation harmonisch zu vereinigen. Sein materielles Fortkommen macht ihm nur wenig Sorgen. Er war auch in der Heimat nicht auf Rosen gebettet und hatte auch bis jetzt nicht die Gewohnheit, sich über derartige Nebensachen den Kopf zu zerbrechen „Wer das Leben schenkt, schenkt auch die Nahrung" heist es im Talmud. Sodann ist er auch überzeugt, dass die deutschen Juden ihn, der für das von ihm verwirklichte und repräsentierte Ideal auch in seiner Heimat gekämpft und geblutet, als Märtyrer seiner Ueber Zeugungen mit offenen Armen empfangen werden. Und so unternimmt er, reich an Hoffnungen und Aussichten, aber gänzlich arm an Geldmitteln, ohne Kenntnis der Sprache und ohne irgend welche Vertrautheit mit den Verhältnissen des fremden Landes, die weite und beschwerliche Reise, die man sehr passend eine Kunstreise genannt hat. Aber hier beginnt für ihn eine Reihe 4er bittersten Enttäuschungen, nicht bloss materieller Natur in Form von furchtbaren äusseren Entbehrungen, sondern -auch geistiger Art in Gestalt von betrogenen Hoffnungen und Idealen. Es beginnt für ihn eine aufreibende und demüthigende, durch die Unkenntnis der Verhältnisse ausserordentlich erschwerte Lauferei nach .materieller und geistiger Unterstützung, und als Resultat wird beides nur in einem Masse erlangt, das nichts oder nicht viel mehr als nichts bedeutet. Ohne jede Möglichkeit, sich eine gediegene Vorbildung für den tlniversitatsbesuch anzueignen,, rafft er in regellosem Durcheinander verschiedenartige Kenntnisse zusammen und tritt mit dieser nothdürftigen Ausrüstung die Laufbahn des civis academicus an; die für ihn eine Reihe von neuen Enttäuschungen bedeutet. An Wissensdrang und Geistesschärfe zumeist seine Studiengenossen übertreffend, bleibt er dann infolge seiner mangelhaften Vorbildung hinter jenen zurück. Der Mangel an Schulerziehung und wissenschaftlicher Disciplin zieht bei ihm viele verderbliche Folgen nach sich. Ei* überträgt seinen pilpulistisch gerichteten Geist auf die hiefür ungeeigneten Wissensgebiete, kann sich nicht in eine bestimmte Disciplin einschliessen, sondern sucht mit der Fieberhäf tigkeit eines Vielwissers möglichst verschiedenartige, aber dafür oberflächliche Kenntnisse aufzuschnappen. Er bleibt innerlich^ oft auch äusserlich, ein Fremder in der neuen Umgebung, die seinen Idealismus,, ja Heroismus nicht versteht und nur die unsympathischen Seiten an ihm bemerkt. Die Theilnahmslosigkeit der Umgebung wirkt ihrerseits sehr einschneidend auf ihn zurück. Er fühlt sich zurückgesetzt und züchtet sich als Aequivalent einen krankhaften Stolz an. Er wird erbittert, pessimistisch, ja cynisch, überall zum Extrem neigend. Die religiösen Grundlagen seiner Erziehung werden vollständig zertrümmert und machen dem Gegentheil Platz, welches, ohne wirklich ausgereift zu sein und sieh in pietätloser Form äussernd, öfters verletzend wirkt. Die bittere materielle Noth zwingt ihn, seine religiöse Erziehung dennnoch nutzbringend zu verwerten und treibt ihn in eine religiöse Heuchelei hinein. Oder sie drängt ihn auf die Laufbahn des Journalismus und nöthigt ihn zu einer wissenschaftlichen Heuehelei. Diese äusseren und inneren Widerstände brechen schliesslich seine Spannkraft und lassen ihn nicht zum Abschluss seiner Studien gelangen. Er hat iii vielen Fällen nicht einmal das „Glück", „Glückspieler" beim Examen zu werden. Innerlieh und äusserlich zerschlagen zieht er sich besiegt vom Kampfplatz zurück, um die Zahl jener Geistesproletarier zu vermehren, die, besehwert mit der Last betrogener Hoffnungen und gemartert vom Bewusstsein unentfalteter Kräfte, viel unglücklicher und bedauernswerter sind als die Enterbten des vierten Standes. Doch neben dieser Mehrheit der „Bettelstudenten'c, die aus Mangel an Theilnahme und Unterstützung zugrunde gehen, muss hier einer kleinen „glücklicheren" Minderheit Erwähnung geschehen, die zwar nicht weniger zugrunde geht, aber aus einer» entgegengesetzten Ursache heraus, aus Ueberf luss an Mitteln^ Es sind dies zumeist nicht die feineren und würdigeren, sondern die scrupelloseren und findigeren Elemente. Es gelingt ihnen, Gönner und Beschützer zu finden, die ihnen hilfreich zur Seite stehen, die aber durch die Art der Hilfe die nachtheiligsten Wirkungen auf ihre Schützlinge ausüben. Sie, die, wie nochmals betont werden muss, mit edlen idealistischen Gesinnungen und einem ausgeprägten Feingefühl nach dem Westen kommen, erhalten ihre Unterstützung nicht als Studenten^ die sie doch in des Wortes eigentlicher Bedeutung sind, sondern als Bettler. Die Unterstützung geschieht zumeist in der primitivsten Form des persönlichen Gebens. Ja, oft wird ein solcher „Bettelstudent" angehalten, sich ein sogenanntes Schnorrbüchlein anzulegen, in welches jeder Wohlthäter seinen Beitrag einzeichnet. Durch diese persönliche Art der Unterstützung stumpft sich bald das Feingefühl des Nehmenden ab und macht bei dessen innerer Zerfahrenheit entgegengesetzten Empfindungen Platz, die infolge ihrer Nützlichkeit bei dieser Art von Unterstützung sich immer mehr entfalten und durch seine Begabung nur raffinierter werden. So wird der ursprüngliche Idealist und Wahrheitssucher in einen wirklichen Schnorrer verwandelt, der seine Fähigkeiten seinem Gewerbe dienstbar macht und der hauptsächlich die Schuld daran trägt, dass der Name ,,Polack" anstatt, wie er es verdiente, ein Ehrenname zu sein, zu einem Schimpfnamen geworden ist. Doch damit ist seine Entwickelung noch nicht erschöpft. Es gelingt ihm oft, seinen Wohlthätern, die, wie .die meisten Wohlthäter, geben, ohne zu wissen, wofür sie geben, mehr abzunehmen, als er für eine bescheidene Existenz braucht. Die grösseren Mittel wecken in ihm künstlich bisher' unbekannte Bedürfnisse und reizen ihn, die Errungenschaften des modernen Europalebens zu gemessen. Er begreift sehr leicht den Unterschied zwischen der grauen Theorie und dem goldenen Baum des Lebens. Die Beschäftigung mit diesem stumpft sehr rasch und sehr gründlich seinen Wissensdrang und seinen Studieneifer ab und er erleidet bald, aus seinem seelischen Gleichgewicht herausgerissen, ebenfalls Schiffbruch. So gehen die beiden Kategorien dieser im höchsten Grade hoffnungsvollen und vielversprechenden Jünglinge auf entgegengesetztem Wege,. aber in gleichinässiger Weise, dem