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Die Welt · 1902-02-28 · 9 (28.2.1902) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
9 (28.2.1902)
Article
Jüdische Literatur und Wissenschaft
Date
1902-02-28
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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„Die # Welt60 Seite 5 Unbewusst lag in der Pflege der Wissenschaft des Judenthums ein selbsterhaltender, nationaler Gedanke. Wie die Emanzipation eine Vorfrucht der nationalen Befreiung, so War das Schwärmen für das Judenthum eine Vorbereitungsstufe zu nationaler Einheit. Auch uns handelt es sich nicht um eine parteimässige Wissenschaft, zionistisch oder assimilatorisch, aber eine Wissenschaft des Judenthuirifc soll ja nicht das Judenthum als Montrosität auf der '■ Klinik demonstrieren, sondern das jüdische Volk in. seiner Ge~ sammtheit, in allem, was es geschaffen und . was es .jetzt schafft, - umfassen. Die zahllosen Katechismen und hebräischen Fibeln sind zweck- und nutzlos, H e b r ä i s c h muss aus hebräischen Büchern: gelernt werden, sonst e r 1 erntmaneb ei nie ht s. Auch jüdische Geschichte muss vor allem aus. vhebräischen .Urkunden, in ihrer Natürlichkeit gelernt werden. Nu r d e r nationale Gedanke gibt den historischen Wa.ehsf iguren 1 e b e n d i gen Äthem.. Die Grundstimmung lässt sieh nicht übertragen. , Und wenn man übersetzt, so übersetze man wortgetreu! Es wird jetzt viel übersetzt: die Bibel ist neulich'in einer guten deutschen Uebersetzung Dr. Bernfelds,;1 bedeutende' Theile in 'eijier trefflichen polnischen Uetersetzung Dr. /Cylkows, Mischnajoth,, auch der Talmud .^ixd jetzt ins Deutsche und ins Russische übertragen.;, Nützlich sind die Uebersetzungen, wenn sie zum1 Studium des Originals anregen. 'f' Hebr äi.s c h-j ü d i s che? Volkskun de, nicht nur V e r gan genheitsf orschung, sonder n auch G e g en wa r t s s t ui d i e n! Nach dieser Richtung, diesem Mittelpunkte zustrebend scheint mir die neugeborene ,,Jewi$h Encyclopedia", deren erster Band bereits erschienen ist. Ijch denke, dieser verschiedenen Gegenwartsangelegenheit^n^der Juden hat sich' die jüdische Wissenschaft nicht zu schämen. Gut — der Gegenwart nicht, aber doch vielleicht dieser kleinen Sorgen, dieser modernen VerKäÄxgse. Sind wir doch ein ,,Judenthuni"!. Nun ja, Judenthuim.! Aber tröstet euch nur, euer sogenanntes ^JiU.clenthum^ ist bloss ein Schulmeister-Ideal. Es steht und ' fällt mit dem jüdischen Volke. Am anschaulichsten tritt 'diese Wahrheit in der belletristischen Arbeit ans Licht. Die ■ Werke, die im jüdischen Volksleben wurzeln, sind lebendig geblieben, während die, fast unzählbaren Leistungen der 'Judentum-Belletristik mehr oder weniger verschollen sind. Einen wahren Lichtblick gewährt die neuere, jüdisches lieben oder neue Probleme des gesammten jüdischen Lebens behandelnde Belletristik, die von Zangwill, "Wassermann, Abramowitz, Perez, Berdj'cz&wski, Nprdau, Herzl, Jaeobowski und anderen Findern neuer Kunstpfade repräsentiert-wird. Ich bin mit meinem übersichtlichen Theil zu Ende. Ich habe nur skizziert und. den reichen Inhalt angedeutet, welchen die letzten Jahre in ihrem-Schosse bergen. Dass das jüdische Volk in der Neuzeit, früher unbewusst,' in eine bedeutende Entwicklung eingetreten, dass diese ini Fortschreiten begriffen und zum Edelsten und Höchsten hinstrebt, habe ich erweisen wollen. Vollendet, fertig ist nichts und kann es nicht sein; aber es ist vieles und Bedeutendes geschehen. Eine Wissenschaft des Judenthums ist begründet, eine Literatur in allen Sprachen der eivilisierten Welt geschaffen. Wir, die Renaissance-Verkündiger des jüdischen Vcikes, werdendiesem Geistesgut die sorgfältigste Pflege ängedeihen lassen. Wir wollen nicht die Wissenschaft des Judenthums als eine ausschliessliche Domäne der zünftigen Gelehrtenwelt gelten lassen. Wir wollen nicht, dass das Jüdische todt und erstarrt vor uns liege. Für uns besteht -die jüdisches Geschichte nicht aus Verklungenen Märchen und' aus alten Texten. Dort in dieser dunklen Nacht de? Vergangenheit, dort gerade öffnet sich unser forschendes Auge. Es schaut in den Schoos des Volkes und eine selige Empfindung kommt über uns ■— dieses Volk ist nicht todt, die Flamme des Lebens glüht unzerstörbar unter der Decke! Wir und nicht die haar sp alte n- •'dVn Exegeten können Jesaja verstehen, wir werden den bresten Commentar zu ihm schreiben — den Commentar der Verwirklichung! Wir werden am besten die Vergangenheit begreifen, weil wir'-uns die Zukunft nicht abschneiden. Wir, die glühendsten Verfechter des historischen Gedankens, spannen den Rahmen viel weiter, als die Jiidenthums-Enthusiasten der:. Aufldärungsperiode. Jene schwärmten für eine Abstraetion, wir für ein Volk, für einen grossen, lebendigen uni lebensfähigen Socialkörper. Jene, so oft sie von ihrem Volke sprachen, versuchten seine reale Existenz zu vertuschen. Die Windungen und Vorbehalte, die absichtliehen Dunkelheiten und Betinenzen, die bewussten Widersprüche verwirrten die Geister. Vieles war darauf berechnet, die Thatsache zu verdunkeln, dass das jüdische Volk noch existiert; Man suchte schönere Namen: Israel, Jeschurun, Bekenner des Mosaißmus usw. Ein überkluger Prediger soll einst in einer Kanzelrede „Moriz Rabenu" citiert haben — Mosche Rabenu passte ihm eben nicht. Andererseits bemühte man sich, das Jüdische in Museen zu bannen, und zwar in archäologische Museen. Man bedeckte es mit Kränzen wie eine Leiche —■ gross, edel, war der Verstorbene, aber er war, und er ist nicht mehr. Wenn es eine Assyriologie gibt, so kann es wohl auch eine Wissenschaft des Judenthums geben, aber könnte z. B. die Assyriologie eine volksthümliche Wissenschaft werden? Nun aber existiert kein assyrisches Volk, während ein jüdisches Volk existiert. Assyrisch wird seit' Jahrtausenden nicht mehr gesprochen, während Hebräisch gesprochen und von Säuglingen in Palästina sogar gelalli wird. An der Verkennung dieser Thatsache, ßii dem Archäisieren, an der Trockenheit der Kleinigkeitskrämer in der Forschung einerseits, an dem allegorisieren-; den Pathos' des Predigtstils, der alles, sogar die Belletristik, durchdrang, andererseits, musste diese Wissenschaft des;Judenthums klein, ermüdend und einseitig werden. ,V ' Wir . sprechen es offen aus, dass der Zionismus die grossen Verdienste anerkennt, welche die andersgesinnten >Gelehrten sich bei Gründung, Ausbau und Pflege jüdischer Wissenschaft erworben haben. Auch will ich nicht verfehlen hervorzuheben, dass es niemandem von uns ein- , f allen würde, eine Parallele zu ziehen zwischen dem, was im JLaufe eines Jahrhunderts, und dem, was im Laufe einiger Jahre geschaffen worden ist: Dem stolzen Geistesfluge der Begründer dieser Wissenschaft folgend, habe ich auch auf diejenigen hingewiesen, die, bewusst oder unbewusst, den Volksgedanken förderten. Suum cuique. Aber die über- . wundene Phase der Assimilation, welche das jüdische Volk zu einem Phisquamperfectum machen wollte, beginnt selbst ein Perfectum zu werden. Die Signatur einer merkwürdigen Wendung wurde vom Zionismus aufgedrückt und soll weiter dem Geistesleben und der Geistesarbeit aufgedrückt werden. Nichts bringt diesen Umschwung so schlagend zum Bewusstsein, wie die Entwicklung des Hebräischen, worüber das. nächste Referat .handeln wird. Aber auch in allen Sprachen der Welt sind in den letzten Jahren Arbeiten erschienen, denen der nationale Gedanke einen mächtigen Impuls gegeben hat. Hier streuen wir die Saat aus — mögen uns Geisteswerke aus dieser Saat emporspriessen! Im jüdischen Wissen schlummert dunkel und verborgen unser eigenes Selbst. Es ist keine Pharaonengrabkamnier, keine versunkene Welt und soll niemand von uns ein Buch mit sieben Siegeln sein. Jüdisches Wissen muss einen kräftigen Zusammenhang mit dem Leben bewahren. Dieses Wissen in das richtige Geleise zu bringen heisst: es volksthiimlich machen. So wird das Wissen gewinnen an Frische und Natürlichkeit, so wird es durchwärmt und begeistert; so stellen wir es auf festen, sicheren Boden, so geben wir ihm Unmittelbarkeit, Verständigkeit und reiche Abwechslung, so schaffen wir ein geistiges Lebenscentrum, welches auf das Volksempfinden eine mächtige Wirkung ausüben wird. Was

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