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Die Welt · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Article
Moses
Date
1902-02-21
Page
13 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 „Die & Welt64 Seite 13 befolgen, und Unglück denen, die sie vergessen — in diesem Leben. Inmitten der Formen gänzlicher Entartung, einer einst grossen Religion in Aegypten, inmitten einer Gesellschaftsordnung, in welcher die göttliche Gerechtigkeit zu schlafen schien, gieng Moses die Wahrheit auf: «Ich bin." Und während er im Schweigen der Wüste nachdachte über das ewige, ewige Weben in der Natur, über den Tod, der das Leben begrenzt, über das Leben, das aus dem Tode entspringt, immer verzehrend, nie verzehrt, da war es dieses :MIeh bin", das wie eine erlösende Botschaft seinem inneren Ohre ertönte. Das Pehlen irgend eines Hinweises auf ein zukünftiges Leben in den mosaischen Büchern ist nur durch die Deutlichkeit verständlich, mit der diese Wahrheit aus ihnen heraustritt. Nichts kann den Hebräern des Expodus vertrauter gewesen sein, als die Lehre von der Unsterblichkeit. Das Fortleben der Seele., das Gericht nach, dem Tode, die Belohnungen und Strafen des zukünftigen Lebens waren der beständige Gegenstand ägyptischen Denkens und ägyptischer Kunst. Aber die eine Wahrheit kann verborgen oder durch die Stärke, mit der eine andere erfasst wird, in den Hintergrund gedrängt werden. Und die Lehre von der Unsterblichkeit, so sehr sie auch in den tiefsten Tiefen der Menschenbrust begründet ist, kann so vermengt werden jait niederem Aberglauben, und kann von Schlauheit und Selbstsucht zu einem so mächtigen Werkzeug der Unterdrückung gemacht und so missbraucht werden., dass sie dem ernsten Geiste des socialen Reformers als ein Mittel zur Unterdrückung, als eine Fessel des Geistes, als ein Hindernis für jeden wahren Fortschritt erscheinen muss — ein Lügengewehe, mit dem die Schlauen die Leichtgläubigen umstricken. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele muss in grosser Deutlichkeit unter dem hebräischen Volke bestanden haben. Aber die Wahrheit, die Moses so entschieden in den Vordergrund stellte, auf welche sein Können concentriert war, ist eine Wahrheit, die oft von der Unsterblichkeitslehre beiseite geschoben worden ist und welche vielleicht manchmal auch auf sie zurückwirken mag. Er lehrt, dass die Handlungen der Menschen ihren Lohn finden in dieser Welt und dass eine Nemesis existiert, die mit nimmer müdem Fuss und erbarmungsloser Hand jedes nationale Verbrechen verfolgt und die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern — wenn es auch dem Einzelnen in seiner beschränkten Einsicht oft seheinen mag, dass das Unrecht belohnt wird und die Bösen straflos ausgehen. Er lehrt den engen Zusammenhang zwischen den Individuen und der Gemeinschaft, von der er einen Theil bildet, er zeigt, wie in einem gewissen Grade alle leiden unter der Sünde des Einzelnen und das Leben eines jeden beherrscht ist von Bedingungen, welche die Gesammtheit ihm auferlegt. Die hohe Wertschätzung dieser Wahrheit gibt den mosaischen Einrichtungen einen so praktischen und lebenswahren Charakter. Ihr Genius, wenn ich so sagen darf, verlässt die abstracten Speeulationen, in denen der Gedanke sich so leicht verliert und vergeudet, oder nur in Symbolen Ausdruck findet, die schliesslich den Aberglauben begründen, er beschränkt sich vielmehr auf die Gesetze, die das Glück oder das Elend der Menschen auf dieser Erde bestimmen. Ihre Lehren haben nie dem Egoismus des Einsiedlerthums gedient, der einen so hervorragenden Grundzug des Brahmaismus und des Buddhismus bildet und von welchem das Christenthum und der Islam sich nicht freigehalten haben. Sein Gebot war niemals: „Frage nichts nach der Welt, um deine eigene Seele zu retten", sondern vielmehr: „Erfülle deine Pflicht in der Welt, dass du glücklicher seiest und die Welt besser4'. Er verschmäht auch die gesundheitlichen Vorschriften nicht, die zum Wohle des Leibes dienen. Seine Verheissungen lauten auf Frieden und Ueberfluss und Länge der Tage, auf stattliche Söhne und anmnthige Töchter. Wie sehr auch solche Gefühle Moses beeinflusst haben mögen, ich kann unmöglich glauben, dass ein Geist wie der seine, der ein solches Lebenswerk vollbrachte, der die Erhabenheit grosser Gedanken, die Last grosser Sorge, die Bitternis grosser Enttäuschungen fühlte — dass er sich nicht zu der Hoffnung des Jenseits aufgeschwungen haben sollte. Er sollte, in dem festen Glauben, dass der Tod des Körpers nur die Befreiung des Geistes ist, nicht Kraft und Ruhe gefunden, er sollte die Ueberzeugung nicht gehabt haben, dass es eine Macht im All gibt, auf welche er sich vertrauensvoll verlassen könne, trotz der Zerstörung der Materie und des Zusammenbruchs von Welten? Moses sah seine Pflicht in der grossen Aufgabe, die klar vor ihm lag: einen Social staat zu gründen, in dem tiefe Armut und entwürdigender Mangel unbekannt sein sollten, wo der Mensch, frei von niederen Sorgen, welche seine Energie zwecklos aufbrauchen, Gelegenheit hätte zu geistiger und sittlicher Vervollkommnung. Hier tritt die Grösse des Mannes hervor. Welche Weisheit und Voraussicht dazu gehört, schon in der Wüste gegen die Gefahren eines geeinten Staatswesens Vorsorge zu treffen, davon möge die Gegenwart Zeugnis ablegen. Im vollen Lichte des 10. Jahrhunderts, wo jedes Kind in unseren Schulen Dinge, von weichen die ägyptischen Weisen niemals träumten, als Gemeinplätze lernt, wo die Erde ausgemessen und die Sterne gewogen, wo Dampf und Elektricität zu unserem Dienste gezwungen werden und die Wissenschaft der Natur Geheimnis um Geheimnis abringt, ist es nur zu natürlich, auf die Weisheit der vergangenen Jahrtausende zurückzublicken, wie der Mann auf das Verständnis seiner Kindheit zurücksieht. Und doch, trotz dieser Avunderbaren Zunahme der Erkenntnis, trotz all dieses enormen Zuwachses von produktiver Kraft, w<? ist das Land in der civilisierten Welt, in dem heute keine Kotli und kein Leiden wäre, wo die Massen nicht verdammt sind, ohne Unterlass zu arbeiten, und alle Classen nicht von jener Gewinnsucht verfolgt sind, die das Leben zu einem unwürdigen Kampf um das Verdienen und das Erhalten macht? Dreitausend Jahre des Fortschrittes — und immer noch ertönt die Wehklage: „Sie haben unser Leben durch harte Knechtschaft verbittert mit Mörtel und mit Backsteinen und durch alle Art von Arbeit." Dreitausend Jahre des Fortschritts — und die mitleiderregenden Stimmen von kleinen Kindern tönen mit in das Wehklagen! Wir schreiten vorwärts und vorwärts; wir umgürten Continente mit Eisenbahnen, verbinden Städte durch Telegraphennetze. Jeder Tag bringt irgend eine neue Erfindung, jedes Jahr einen weiteren Fortschritt, vergrösserte Productionskraft und weitere Absatzgebiete. Und die Klage über „harte Zeiten':t ist lauter und lauter, und überall sind die Menschen bedrückt von Sorge und verfolgt von der Furcht vor dem Mangel. Unaufhaltsam und mächtig schreitet das Vermögen der Menschenhände, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, vorwärts. Und dennoch wird der Kampf um die blosse Existenz immer intensiver, und menschliche Arbeit wird zur billigsten aller Waren. Neben überfüllten Magazinen fallen Menschen zusammen vor Hunger und beben vor Kälte; und im Schatten der Kirchen haust das Laster, das aus dem Mangel geboren ist. Elend inmitten des UeBerflusses, Unwissenheit inmitten der Cultur, Schwäche inmitten gewaltiger Kraft — — und suchen wir die erste Ursache von all dem, das unserer Oivilisation eine schiefe und. ungleiche Entwicklung gibt, so finden wir etwas, was dieser jüdische Staatsmann schon vor 3000 Jahren erkannte und zu verhindern suchte. Moses sah, dass die wahre Ursache der Verscla-vung der Massen in Aegypten dieselbe war, wie die, welche überall den gleichen Zustand zur Folge hatte: das Eigenthumsrecht einiger weniger auf das Land, auf dem und von dem das ganze Volk leben musste. Wo immer das unbedingte Besitzrecht, das nach natürlichem Rechte sieh bei Ärbeitsproducten sich von selbst versteht, auch auf das Land ausgedehnt wird, da theilt sich unbedingt das Volk in die zwei Classen der sehr Reichen und der sehr Armen — da wird die Arbeit versclavt — da werden die Wenigen die Herren der Vielen^ gleichgiltig unter welcher politischer Form — da entsteht Laster und Niedrigkeit, gleichgiltig unter welcher Religion. Und mit der Umsieht des philosophischen Staatsmannes, welcher Gesetze nicht für da» Bedürfnis eines Tages, sondern für

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