Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Article
- Moses
- Date
- 1902-02-21
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die Weit" Nr. 8 und zu organisieran, sU zu Kämpfen zu stärken, vor denen kriegerische Stämme erzitterten und ummauerte Städte fielen, Unzufriedenheit, Eifersucht und Aufruhr zurückzudrängen, Reaction und Abfall zu bekämpfen, die rasche, ungestüme Flamme der Begeisterung dauerhaften Zielen dienstbar zu machen. Solch einen Charakter zeigt uns -die Tradition in deutlichen Umrissen. Von Anfang bis zu Ende, in jedem Einblick, den wir gewinnen, ist dieser Charakter übereinstimmend mit sich selbst und mit dem mächtigen Werk, welches sein Denkmal ist. Es ist der Charakter eines erhabenen Geistes, von Verhältnissen und Begrenzungen eingeengt, gezwungen, mit solchen Kräften und ^Mitteln zu arbeiten, die gerade zur Hand waren, der aber sein Werk zu Ende führt, selbst wenn aucli strauchelnd — hinter der grossen That der grössere Gedanke, jenseits des hohen Erreichten das noch höhere Ideal. Die Nachkommen der ersten Einwanderer, die auf die Einladung des zum Minister gewordenen jungen Sclaven Josef nach Aegypten kamen — mögen sie noch so sehr sich das Bewusstsein ihrer Rassenverschiedenheit und die Traditionen eines freieren Lebens bewahrt haben —, müssen doch durch eine solch' alte Cultur, wie die" Aegyptens war, mächtig beeinflusst worden sein. Es ist daher nicht merkwürdig, dass die alten hebräischen Einrichtungen in so vielen Punkten den Einfluss der ägyptischen Ideen und Gebräuche zeigen. Merkwürdig ist eher die Verschiedenheit. Bei oberflächlicher Beurtheilung mag es natürlich erscheinen, dass ein Volk, das dem Lande seiner Knechtschaft den Rücken kehrt, dessen Ideen und Einrichtungen von sich werfen möchte. Aber der Geschichtsforscher, der Politiker weiss, dass nichts unnatürlicher wäre. Gewohnheiten des Denkens sind sogar noch tyrannischer als Gewohnheiten des täglichen Lebens. Sie bilden für die meisten eine geistige Atmosphäre, über die sie sich so wenig als über die physische zu erheben vermögen. Ein seit langer Zeit an Despotismus gewöhntes Volk mag gegen einen Tyrannen rebellieren, seine Bildsäulen brechen, seine Gesetze widerrufen, mit llass verfolgen., was er liebte, und ehren, was er hasste; aber es wird nciht zögern, einen anderen Tyrannen an seine Stelle zu setzen. Ein abergläubisches Volk mag einen reineren Glauben annehmen : aber es wird ihn immer durch seine alten Ideen entwürdigen. Ein an Verfolgung gewöhntes Volk mag ihr entfliehen, aber nur um seinerseits zu verfolgen, sobald es zu Macht gelangt. Und wenn wir bei einem Volke, welches Einrichtungen einer gewissen Art besass, plötzlich solche ganz entgegengesetzter Art erstehen sehen, wissen wir, dass hinter ihnen jene lebendige ursprüngliche Kraft stehen muss — die M ä n n e r , w eiche im Anfange der DJ n g e die Verhältnisse machen. Dies ist es, was uns im Exodus begegnet. Die auffallenden Unterschiede zwischen dem ägyptischen und dem hebräischen Staatswesen sind nicht formelle, sondern wesentliche. Die Tendenz des einen ist Unterordnung und Bedrückung, die des anderen persönliche Freiheit. Merkwürdigste aller geschichtliehen Neugestaltungen! Aus dem st ä r k s t e n und glänzen ds t e n Despotismus des Alterthums entsteht die f reieste Republik. Zwischen den Klauen der aus Fels gehauenen Sphinx erhebt sich der Genius der menschlichen Freiheit, und die Trompeten des Exodus ertönen bei der trotzigen Verkündigung der Menschenrechte. Welche begünstigenden Umstände man sich auch vorstellen mag — die Organisation und Durchführung der Befreiung eines grossen Volkes von einer solchen körperlichen und seelischen Tyrannei — gegen eine Armee von einer halben Million geschulter Krieger — erfordert eine gewaltige und geniale Führerschaft. Aber diese That, so erstaunlich gross sie ist, ist nicht der Massstab für die Grösse des Leiters des Exodus. Nicht in der Befreiung aus Aegypten, sondern in der aufbauenden Regierungskunst, welche die Fundamente des hebräischen Gemeinwesens legte, erscheint uns die überwältigende Grösse jener Führerschaft. Ebensowenig, wie wir uns den Exodus ohne den grossen Führer vorstellen können^ können wir uns da» hebräiiehe Staatt*wt*en ölme den grossen Staatsmann denken: Nicht bloss geistig, sondern auch, moralisch gross ist Moses, ein von seibstverleugnendem Patriotismus erfüllter Staatsmann. Es kommt nicht darauf an, wieviel von den Gesetzen Moses aus früheren Zeiten übernommen oder in späteren Zeiten hinzugesetzt wurde; ihre grossen Züge tragen den Stempel eines seiner Zeit und seinem Volke weit vorausgeeilten Geistes, eines Geistes, welcher nach den Ursachen der Dinge forschte, welcher sieh nicht von dem Strome der Ereignisse fortreissen Hess, sondern ein bestimmtes Ziel verfolgte. Die wenigen Züge, die uns die Urkunden von dem. Charakter Moses geben, die kurzen Berichte, die, wo immer die Bibel gelesen wird, die Einbildungskraft lebhaft beschäftigen, stimmen in jeder Weise mit diesem Gedanken überein. Was wir von seinem Leben wissen, erläutert sein Werk. Was wir von seinem Werk wissen, erläutert das Leben . Nicht ein Reich, wie es in Aegypten zur vollen Blute gelangt war, oder wie es in unvollkommener, patriarchalischer Form bei den Stämmen ringsum bestand, wollte Moses gründen. Es war auch nicht eine Republik, in der die Freiheit des Bürgers auf der Knechtschaft des spartanischen Sclaven beruhte und die Persönlichkeit dem Staate geopfert wurde. Es war ein Gemeinwesen, auf dem Individuum begründet, ein Gemeinwesen, dessen Ideal es war. dass jeder unter seinem eigenen Weinstock und Feigenbaum sitzen sollte, ohne dass ein anderer ihn quälen oder erschrecken durfte; ein Gemeinwesen, in welchem niemand zur unaufhörlichen Mühseligkeit verurtheilt sein, in welchem es selbst für den Sclaven eine Hoffnung, für das Lastthier Ruhe geben sollte. Ein Gemeinwesen, in dem, weil bittere Armut aus ihm verbannt war, die männlichen Tugenden, welche aus persönlicher Unabhängigkeit entspringen, sich zu einem starken Natioualcharakter stählen konnten, ein Gemeinwesen^ in welchem die Familienliebe ihre Ranken um jedes einzelne Glied winden könnte, die Einzelnen, fester als mit stählernen Ketten, zu einem lebenden Ganzen verbindend. Nicht der Schutz des E i g e n t h u ni s, sondern der Schutz der Menschlichkeit ist das Ziel des mosaischen Gesetzes. Seine Kraft bestellt nicht darin, dem Starken zu helfen, Reichthümer aufzuhäufen, sondern vielmehr darin, dass der Schwache vor Ausbeutung und Unterdrückung geschützt werde. Auf allen Punkten errichtet es seine Schranken gegen die egoistische Gier, welche, wenn ungehemmt, sicherlich die Menschen in Grundbesitzer und Leibeigene, Capitalisten und Arbeiter, Millionäre und Landstreicher, Herrscher und Beherrschte scheiden wird. Sein Sabbath-Tag und SabbatlT- Jahr sichern selbst dem Niedrigsten Ruhe und Müsse. Mit dem Schall der Jubel trompete geht der Sclave frei ausv die Schuld, die nicht bezahlt werden kann, ist aufgehoben, und eine neue Vertheilung des Landes sichert dem Aermsten wieder seinen gerechten Antheil an den Liebesgaben des Schöpfeis aller. Der Schnitter soll etwas für den Nachleser stehen lassen, sogar dem Ochsen, der da drischt, darf das Maul nicht verbunden werden. Ueberall. in allen Dingen, ist die herrsehende Idee die unserer guten Hausregel: ..Leben und leben lassen". Und die Religion, mit der diese bürgerliche Staatskunst so eng verbunden ist, zeigt verwandte Züge: aus der Idee der Brüderschaft der Mensehen entspringt die Idee der Vaterschaft Gottes. Wenn-^auch die Formen den ägyptischen gleichen mögen, der Geist ist der, welchen Aegypten verloren hatte. Und wenn wir unter Formen, Sj^mboleu und Geboten den Gedanken suchen, dessen Ausdruck sie sind, so finden wir, den grossen, unterscheidenden Grundzug der hebräischen Religion — der sie durch eine so weite Kluft von den Religionen, unter denen sie aufwuchs, trennt — in ihrem Nützlichkeitsprincip: Anwendung des göttlichen Gesetzes im menschlichen Leben. Das höchste Wesen Moses ist nicht eine Gottheit der grau£i Urzeit imd der fernen Zukunft, die weit ausserhalb unseres Bereiches droben in den Wolken thront, — sein höchstes Wesen in vielmehr Unser Gott, miser, die wir heute leben, ebensowohl als der Gott unserer Urväter und seine ewigen Gebote bringen Glück denen, die sie