Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Article
- Der jüdische "Bettelstudent"
- Date
- 1902-02-21
- Page
- 6 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 6 „Die # Weltf Nr. 8 Der jüdische „Bettelstudenf Von Dr. J. Friedlaender (Strassburg im Elsass). Die Ausführungen Nordaus über das bezeichnete Thema haben auf dem letzten Zionistencöngress in den Kreisen der russischen Akademiker hie und da Missstimmung erregt. Sie entsprang nicht etwa der Ueberzeugung von dem Mangel an Ueberein Stimmung der geschilderten Erscheinung mit der Wirklichkeit, sondern dem schmerzlichen Missbehagen, das man empfindet, wenn an eine wunde Stelle mit dem Finger gerührt wird. Auch Dr. Weizmann, der in einer späteren Verhandlung zu demselben Thema das Wort ergriff, stellte nicht etwa die Erscheinung in Abrede, sondern suchte sie bloss anders zu motivieren und dadurch in ein günstigeres Licht zu setzen. Es. muss zugegeben werden, dass durch die Darlegung der Ursachen und Hervorhebung der positiven Züge das Bild schwächer und die Schmerzlichkeit des Eindrucks gemildert werden könnte. Allein auf unseren Congressen darf es nicht darauf ankommen, die bitteren Pillen der Wahrheit ängstlich zu versüssen. Jene Muthlosigkeit, die sich mit blosser Quacksalberei begnügt und daher die Schönfärberei nicht entbehren kann, haben wir überwunden und die Hoffnung auf eine radicale Heilung, die uns alle durchdringt, gibt uns das Recht, ja macht es uns zur Pflicht, eine vollständige ungeschminkte Diagnose zu verlangen und anzuhören. Wir Zionismen, die wir im Bewusstsein unseres nationalen Wertes uns dm selben nicht erst durch andere bescheinigen zu lassen brauchen, hnben nicht Panegyriker und Apologeten, sondern Kritiker und Strafredner nöthig, die nicht mit offener oder heimlicher Schadenfreude, sondern mit tiefem Mitleid und voller Hilfsbereitschaft ciie Missstände in unserem Volksleben in die klarsten und schärfsten Formeln fassen sollen, dass sie spornend und treibend in unsere Reihen dringen und die arbeitsfreudigen Hände in immer regere Tbätigkeit versetzen. Der jüdische „Bettelstudent" ist ein speciellcs Erzeugnis Osteuropas; Riisslands und Galiziens. Der westeuropäisch-jüdische Student hat mit Hindernissen und Widerständen völlig anderer Natur zu kämpfen. Aber auch von den osteuropäischen Studenten nehmen wir diejenigen aus, die auf heimischen Universitäten studieren, da sie infolge der bekannten Beschränkungen numerisch nicht in Betracht kommen. Ebenso sehen wir hier von der verschwindend geringen Zahl der jenigen Studenten ab, die zwar auf ausländischen Universitäten ihre Ausbildung gemessen, aber so glücklich sind, von Hause aus Unterstützung zu erhalten. Wir verstehen also unter dem Begriff „Bettelstudent" nur die mittellosen jungen Leute, die studienhalber ins Ausland kommen, wobei wir die Anführungszeichen auch auf den zweiten Theil des Wortes beziehen; denn wir beschränken uns nicht bloss auf die eigentlichen Studenten, die auf der Universität immatrieuliert sind, sondern wir wollen auch die grosse Zahl derjenigen, die ohne alle oder ohne genügende europäische Elementarbildung nach Westeuropa kommen und hier die Vorkenntnisse für das Universitätsstudium sich anzueignen suchen, in unser Thema hineinbeziehen. Das Problem, das uns diese jungen Leute bieten, enthält viel interessante psychologische und culturhistorische Momente, dass es selbst ohne die Actualitüt, die es durch die Nordau'sche Rede gewonnen hat, eine eingehende und ernste Würdigung verdient Jedesmal, wenn man mit Schmerz und Betrübnis sieht, wie das jüdische Volk, das traditionelle Volk der „Schrift", im Strudel der Alltagsgeschäfte und der materiellen Interessen unterzusinken droht, muss man sieh unwillkürlich an diese jungen Leute erinnern, die ein so glänzendes, lebendiges Zeugnis der Geisteskraft und Geisteshoheit unseres Stammes sind. Diese oft fünfzehn- bis achtzehnjährigen Jungen, die bei anderen Völkern noch nicht den Kinderschuhen entwachsen sind, sind keine Kinder mehr, sondern gereifte Männer, die bereits die allmächtige Zeit und das ewige Schicksal geformt und geschmiedet hat. Während andere ihres Alters im warmen Nest des Elternhauses fern vom Kampfplatz des Lebens den goldenen Traum der Jugend träumen, haben diese schwächliehen Geschöpfe bereits die Wucht einer feindseligen Weit erfahren, für ihre Ueberzeugung gelitten and gestritten und die ganze Bitterkeit einer unfreundlichen Fremde ausgekostet — von dem einzigen Wunsche beseelt, ihren Durst nach Wissenschaft zu stillen, die ihnen keine milchende Kuh, sondern eine himmlische Göttin bedeutet. Von einer Bedürfnislosigkeit, die buchstäblich dem talmudischen Recepte folgt, welches dem Studienjünger „Brot und Salz., Wasser mit Mass und ein hartes Erdlager" vorschreibt; von einer Ausdauer, die das Gebot „Du sollst darin forschen Tag und Nacht" zu erfüllen strebt; von einer Wissbegier und Geistesschärfe, die das Produet des vielhundertjährigen Talmudstudiums ist — sollte man nicht erwarten, dass Menschen, die mit solchen Kampfesmitteln ausgerüstet sind, ein Meer von Hindernissen überwinden und im Kampfe ums Dasein als die Vorhereiteteren die höchsten Triumphe feiern müssten? Allein dies ist durchaus nicht der Fall. Wohl haben *ich viele von ihnen siegreich Bahn gebrochen und der Welt gezeigt, was potenzielle Talmudenergie, wenn sie in westeuropäische Bildung umgesetzt wird, zu leisten vermag. Allein dies ist nur die Minderheit, die meisten sind auf halbem Wege stehen geblieben und haben als zerrissene und unbefriedigte Mensehen die traurige Schar der verbummelten Genies vermehrt, die, das durchbohrende Bewusstsein eines verfehlten Lebens im Herzen tragend, ihr nutzloses Dasein mühsam dahin schleppen. Und was noch viel trauriger ist, manche gehen nicht bloss materiell und geistig, sondern auch moralisch zugrunde und machen von ihren Fähigkeiten einen Gebrauch, der ihren Segen in einen Fluch für sie und die Umgebnug verwandelt. Diese ausserordentlich befremdliche und tragische Thatsache fordert eine Erklärung. Die Antwort von der Minderwertigkeit der „Pollacken", mit der unsere jüdischen Antisemiten so leicht bei der Hand sind, ist nicht bloss eine niedrige, sondern auch eine grundlose Verleumdung, die von den Thatsachen Lügen gestraft wird. Wir müssen dafür eine andere, tieferliegende Erklärung suchen. Um diese Erscheinung in ihren Ursachen zu begreifen, müssen wir uns in das Seelenleben eines solchen russisch-jüdischen Studienjüngers einen Einblick verschaffen und die eingehenden inneren Umwälzungen, die sich in kurzer Zeit in ihm vollziehen, näher ins Auge fassen. Der arme Studien jünger, der nach Westeuropa kommt, wird bei uns zumeist auf dieselbe Linie wie der polnische Schnorrer gestellt, und der ungeheure principielle Unterschied zwischen beiden wird gänzlich übersehen. Der Schnorrer, der, freilich von der bittersten Noth getrieben, nach dem Westen wandert, mit der bewussten Absicht, seine reichen Glaubensgenossen zu brandschatzen, bildet oft die Hefe seines Kreises, dessen bessere Elemente, die nicht die nöthige Findigkeit und Dickfelligkeit besitzen, in der Heimat bleiben und ihr Elend in Geduld tragen. Der Studienjünger hingegen ist zumeist die Auslese seiner Umgebung, von der nur die schwächeren Elemente, die weniger wissensdurstigen und weniger energischen zuhause bleiben und zugrunde gehen. Dieser hat im Gegentheil für seine Auswanderung nach dem Westen viele und schwere Opfer bringen müssen. Denn er war in seinem lithauischen1) Heimatsstädtchen ein Mann mit einer „Position". Er war wegen seiner hohen talmudischen Kenntnisse allgemein beliebt' nud geachtet und sah als „Illuj" (talmudisches Genie) einer in ihrer Art glänzenden Zukunft entgegen, die ihm nicht bloss die beseligende Aufgabe, dereinst als „Grosser in Israel" „für die Verbreitung und Verherrlichung der Thora" zu wirken, sondern auch in Form einer Partie eine materiell mehr oder minder gesicherte Lebenslage in Aussicht stellte; denn der gemeine Mann im Ghetto wertet noch heute seinen Mitmenschen und ebenso seinen künftigen Schwiegersohn nicht nach der Schwere seines Geldsackes., sondern nach der Zahl der von ihm „gelernten" Talmudfolien. Schwere innere Kämpfe sind es, die diesen Hoffnungen ein Ende setzen. Der sehr begabte und wissensdurstige Jüngling, der bereits, wie der hässliche, aber drastische Ausdruck lautet, „seinen Leib mit Talmud und rabbinischem Wissen vollgestopft" hat, beginnt allmählich das Bedürfnis nach andersgestaltiger geistiger Nahrung zu empfinden. Er greift als nach dem Nächstliegenden nach der mittelalterlichen philosophischen Literatur, die trotz ihres religiösen Charakters allerlei Zweifel in ihm wachruft und sein ganzes Innenleben in Gährung versetzt. Er wendet sich sodann der neuhebräischen Literatur zu, aber diese, bis vor kurzem noch blosse 'Aufklärungsliteratur, tritt bereits mit vollem Bewusstsein seinen bisherigen Anschauungen entgegen. Sie zeigt ihm, dass der Talmud noch lange nicht das Centrum des Wissens bedeutet und rlass die Welt in der er bisher gelebt; illusorisch war. Diese Leetüre, so zahm sie ist — denn sie läuft auf die Forderung einer allgemeinen europäischen Bildung hinaus — ruft dennoch in ihm eine ganze Revolution hervor. Er, der bisher nur in der Welt des Talmud gelebt hat, dessen Studium für ihn die Seligkeit in diesem und im jenseitigen Leben bedeutete, erfährt nunmehr, dass es ein Trugbild war, dem er so eifrig nachgejagt hat: er, der von der nicht jüdischen Welt nicht viel mehr als die unnahbare Obrigkeit und etwa noch den „Schabbesgoj" seines Städtchens kennt, erfährt hier zum erstemnale von der Existenz einer nicht jüdischen Welt, von deren mächtig pulsierendem Schlage das ihn umgebende jüdische Leben kaum einen schwachen Reflex bildet. Seine gewissermassen judäoeentrische Weltanschauung wird in allen ihren Grundlagen erschüttert, und die Umwälzung mag nicht unähnlich derjenigen sein, die sich in den anthropocentrisch Gläubigen vollzog, als sie zum erstenmale durch Kopernikus von der Bedeutungslosigkeit des Erdballes und der Nichtigkeit der „Krone der Schöpfung" erfühlen. Alle Ideale, die er bis jetzt angebetet, stürzen von ihrer Höhe herunter; die Pfeiler seiner bisherigen Weltanschauung gerathen in heftiges Wanken, und so beginnt er, in qualvollem Wahrheitdsrange nach Wahrheit zu suchen, verschlingt gierig jedes Buch, das ihm in Ermangelung irgend einer *) Lithauen, das den geistig regsamsten Theil der russischen Juden in sich birgt, stellt auch das Haupteontingent jener Bildungsuchenden.