Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-02-14 · 7 (14.2.1902) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
7 (14.2.1902)
Article
Die Eisenbahnen Palästinas im Anschlusse an den Weltverkehr
Date
1902-02-14
Page
3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315967-3318582--30495-3318692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. r „Die # Welt" Seite 3 wir in Europa etwas mehr als 1. Stunde brauchten, zurück-' gelegt, da die hier beobachtete Fahrgeschwindigkeit 25 Kilometer per Stunde ist. Auch bei dieser Bahnstrecke sind infolge der exorbitanten Frachttarife und des Importes, der ungleich höher ist als der Export, so dass die Wagen von Jerusalem nach Jaffa fast leer gehen müssen, die finanziellen Ergebnisse keine glänzenden. Concessionierte, wenn auch nicht ausgebaute Linien sind: Jaffa über Besan und Nava nach Damaskus einerseits und Bosra andererseits. Projectierte Linien sind im Süden von Jäffa und Ludd zum Suez-Canal, von Jerusalem resp. Bethlehem nach Engedi und Deh-TTsdum (= Salzburg) am Todten Meere, von Jaffa über Nabulus nach Jerusalem, und von hier nach Jericho, der alten Rosenstadt, wo schon gut gehaltene Karawanenstrassen sind. Im Norden und Osten sind die Projecte Akka über Tiberias mit Samach (am Grenezareth-See) einerseits und mit Hasbeja wie Damaskus andererseits zu verbinden, ferner El Muzerib (Endstation der der bereits ausgebauten Beyrut—Damaskus—Hauran-Bahn) mit El Iverak zu verknüpfen. Durch die Durchscliienung Palästinas und durch seinen Anschluss an den Weltverkehr wird die Begeneration der Türkei, nicht wie bis jetzt mit leeren Kanzleiphrasen und Tractätlein, sondern durch positives und wirksames Schaffen förmlich erzwungen. Die Wüste, die im Orient nach einem geistvollen Ausspruche Cerdiks nicht bloss ein geographischer, sondern auch ein wirtschaftlicher Begriff ist, wird sich durch die neuzeitlichen Götter, Seine Durchlaucht den Dampf und Ihre Majestät die Elektricatät, in, ein Paradies umwandeln. Keine Kreuzzüge ad majorem dei gloriam, keine Christianisierung des Orients, sondern ein Erwecken des Ostens aus seiner asiatischen Lethargie durch modernen Zeitgeist und innervierende Culturströme des Weltverkehrs. Die marxistische Gescliichtsphilosophie, die in wirtschaftlichen Einflüssen und Gestaltungen die allein wirksamen Ursachen alles Werdens und Vergehens erblickt, gewinnt immer mehr an Verbreitung und Anerkennung. Dass aber durch moderne Verkehrsmittel Handel, Industrie und Agricultur gewinnen, ist eine unbestrittene Thatsache. Mit den Tuchballen und Mehlsäcken kommen in die frisch erschlossenen Länder auch Güter geistiger Cultur, und werden Ortschaften, die früher vergessen und verschollen waren, durch die Locomotive zu neuem Leben erweckt. Mit modernen Verbindungsmitteln in das Welt-Eisenbahnnetz eingeschaltet, wird Palästina neuerlich aufblühen zum Vortheile seiner autoehtonen Bevölkerung und der Eingewanderten, zum Vortheile Vorderasiens, wo die Wiege unserer Gultur gestanden, zum Vortheile des ältesten Erdtheiles in dessen Schuldconto Europa schon lange steht, und zum Vortheile des ganzen Universums. Dr. Martin Weismann. Zangwill gegen die „Ica". I. Bild von der Versammlung. Ein gelegentlicher Correspondent unseres Blattes schreibt uns Folgendes über das am 1. Februar d. J. abgehaltene Massen-Meeting in der Shoreditch Town Hall: . . . Schwer kann sich einer, der nicht dabei gewesen, eine Vorstellung von dem Enthusiasmus machen, den die fulminante Rede unseres grossen und einzigen Zangwill auf die Anwesenden am Samstag gemacht hat. Es war ein Orkan von aufeinander schlagenden Händen, ein Tücherwehen ohne Ende, ein „Hedad"- Rufen, das tausenden und abertausenden Kehlen entströmte, als Zangwill geendet. Seine Rede, stellenweise von stürmischem Beifalle unterbrochen, riss die Zuhörer so hin, dass ich, der ich ein ergrauter Versammlungsbesucher bin, noch nie eine so selten bewegte und erregte Volksmenge gesehen. War es die hohe Idee, der edle Gedanke seiner Worte, die die Leute entflammten? War es die glänzende Form, der sprühende Witz, die die Leute so hingerissen? Ich kann es nicht sagen. Ich weiss nur, dass mir der Eindruck dieser Versammlung ein ewiger und unvergesslicher bleiben wird .. . Die Shoreditch Town Hall ist eine der grössten Londons, eigens für Massenversammlungen gebaut. Sie fasst gut ihre dreitausend Personen und noch mehr. Nichtsdestoweniger reichte der Raum lange nicht aus, ein so grosser Andrang war. Polizei musste intervenieren und den Eintritt regeln, weil sonst Unfälle nicht zu vermeiden geAvesen wären. Um 727 Uhr abends wurde das Hauptthor der Shoreditch Town Hall geöffnet, aber schon lange vorher war der Vorraum und die breite Seitenstrasse von Leuten gefüllt, die Einlass begehrten. Und dies, trotzdem eine Eintrittsgebür von 1 Shilling (1 K 30 h) oder 3 Pence (30 h) eingehoben wurde, was in England bei politischen Meetings absolut nicht gang und gäbe ist. Die Sitzordnung hielten Ordner aufrecht und sahen auch darauf, dass man während der Reden sich ruhig verhalte. In wenigen Minuten waren die verfügbaren Plätze in der Halle besetzt und die Spätkommenden mussten unverrichteter Dinge und enttäuscht nachhause gehen. Das Publicum drinnen setzte sich aus allen Ständen zusammen: Reich und Arm, Jung und Alt, Mann und Frau, sassen friedlich nebeneinander und harrten gespannt der kommenden Ereignisse. Um */48 Uhr trat Dr. Gast er und Sir Francis M ö'n t e f i o r e ein und hinter ihm kam Israel Zangwill, der Held des Abends, und nach diesem nahmen unsere übrigen Localgrössen Platz auf der Plattform. Sir Francis Montefiore eröffnete die Versammlung pünktlich und verlas ein Entschuldigungsschreiben des christlichen Zionisten Hall C a i n e, des berühmten englischen Romanciers, der die Anti¬ Alien-Strömung in England als Engländer bedauerte und unter anderem sagte: „Es war eine Zeit, wo niemand in England die Einwanderer fragte, ob sie Deutsche oder Galizier, ob Russen oder Polen seien, ob sie Krüppel oder gesund wären oder was die anderen Staaten mit den fremden Flüchtigen thäten. In diesen Tagen gereichte es England zum Ruhm, dass es hoch über alle anderen Länder ein Land der Freiheit, ein Sanctuariurn Europas, eine Zufluchtsstätte für Flüchtige war, und dafür erhielt England seinen Lohn." Hierauf erhob sich Israel Zangwill, und hielt seine gewaltige Rede, welche, wie ich heute sehe, die letzte Nummer der „Welt" in deutscher Uebersetzung gebracht hat. Hierauf sprachen noch J. de Haas, Dr. Gaster, Co wen und Rev. WasSerzug. Zum Schlüsse und beim Verlassen der Halle wurde die Hymne „Hatikwah" gesungen. —nn. II. Blätterstimmen über die Rede Zangwills gegen die „Ica". Der gerechte Angriff Israel Zangwills gegen die „Ica" fand ein kräftiges Echo und volle Zustimmung bei den meisten englischen Blättern, die ein seltenes Verständnis der finanziellen Seite des Zionismus zeigen. Sie anerkennen die Logik seiner Argumentation, und in mehr oder weniger scharfen Worten tadeln sie das Gebaren der „Ica", das weder businesslike noch jüdisch ist. Die Blätter finden es seitsam, dass man eine so grosse Macht, wie sie in den Hirsch-Millionen investiert sei, ungenützt lasse, und sprechen von einer Verzettelung des Gapitals zu kleinlichen Dingen, die des grossen Stifters nicht würdig seien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.