Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-02-07 · 6 (7.2.1902) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
6 (7.2.1902)
Article
Rede Israel Zangwill's
Date
1902-02-07
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315966-3318453--30408-3318533
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 ,Dte & Weit" Nr. S mit den Dingen in der Heimat beginne, bevor ich zum grossen Meeting in der Fremde übergehe. Unsere December-Versammlniag' wurde verschrieen als eine kindische und eine s&lche, die das Judenthum degradiert/ weil dabei gesungen mirde> und es ein Banner und einen Phonographen gab. - Sicherlich waren unsere Herren Kritiker noch nie bei einem politischen Meeting gewesen* Sie hätten nur nach Chesterf ield1) oder bloss zum antisemitischen Meeting in People's Palace2) gehen sollen. Und was mein Hineinsprechen in den Phonographen betrifft, wofür mich ein jüdischer Priester ganz besonders schnlähte, so muss ich diesen sehr gewissenhaften-Mann richtig stellen, dass ich niemals in einen Phonographen hmeingesprocheri; ja, dass ich mich ausdrücklich weigerte, in einen Phonographen hineinzuspreehen, obzwar ich mich im Grunde nicht zu schämen hätte, wenn ich in einen Phonographen hineingesprochen hätte. Ich müsöte mich nur schämen, wenn ich einPhonograph wäre, der nur solche Gedanken wiedergibt, die andere in ihn hineingetrichtert haben. Meht das Singen in einer vollgepfropften East-End-Synagoge, wohl aber eher eine leere West-End-Synagoge, in der nur von bezahlten Cantoren und abgehaltenen Chorknaben gesungen wird, halte ich für eine Degradation des Judenthums. Ich möchte auch meinen verehrten Kritiker daran erinnern, düss es sogar in. u n serem wenig heiteren Judenthum, wie Ivoheleth sagt, eine Zeit gibt, sich zu freuen. Ja, sogar in der Synagoge selbst, in der feierlichen Synagoge, am „Sixnchas Thora", ist das Sich-Freuen über den Empfang der Thora mit Fahnen und Zuckerwerk und ganz anderen kindischen Dingen geboten. Zionismus ist nun das jäich-Freuen Israels, eine Art „S i m chasZio n", wie es ein „Simchas Thora" gibt. Ich werde heute abends nicht viel über den Zionismus sprechen, denn ich habe einen beredteren Vertheidiger des Zionismus gefunden, den- „Jewish Chronicle" von vqav zwanzig Jahren. Als der verstorbene Laurence Oliphant3) — sein Xame sei gesegnet — seinen Plan für die, Colonisation Palästinas entworfen hatte, schrieb der „Jewish Chso~ nicle" in der Nummer vom 9. Jänner 1880 Folgendes: „Die reichen Juden bilden nur einen kleinen Theil ..unserer Brüder. Solcher, die wohlhabend und zufrieden sind, gibt es unter uns verhältnismässig wenig. Letztere wären vielleicht abgeneigt, ihr ruhiges und luxuriöses Heim zu verlassen, um ein neues Land und eine neue Civilisation zu suchen und zu finden. Aber diejenigen, welche unterdrückt und unglücklich sind, sehnen sich heiss nach den Vortheilen, die ihnen eine wieder consolidierte Nationalität geben würde . . . Unterdrückung und nicht' Gedeihen ist es, das uns zurückführen wird in unser „Heiliges Land'i Es kann nicht geleugnet werden, dass zu keiner Zeit un*. serer neueren Geschichte so viele Kräfte wie-jetzt am Werke waren, welche unsere Bestaura tiorl bezwecken .; . . > Das Projeet Mr. Ijäurenee Olipharit's, das wir in unserer letzten Nummer detailliert gebracht haben, äfthäflft dem sachlichsten und besten Plan, den mänje vorgelegt-V. . n-j - Die Sache ist eine rein commerzielle und -administrative Speculation, und die Nicht-'Sentimentalität ihres Charakters ist eine Garantie der Durchführungs-Möglichkeit dieses Planes . . . Gegenwärtig ' ist * das' ■■ einzig- ''Noth>• wendige, was wir von unseren Brüdern verlangen^ und was unsere Brüder auch thun können, der Besitz von Ca-' pitalien, die sie uns nicht als Geschenk, sondern als eine zu entlohnende Investition hergeben mögen. Und dies ist keinesfalls ein auch mir irgendwie unrichtiger Weg, um an unsere Gefühle zn appellieren. Wir können einzelne unserer Proteges, unserer Brüder in Palästina, in eine Lage setzen, wo sie sich selbst helfen können, und sie zu gleicher Zeit die Industrie lehren, welche zur Regeneration der Nation führt : . . . Wir sind ein ackerbautreibendes Volk ^ewesgrl, und'wir werden es wieder werden. Eine Nation beginnt immer damit, dass sie Nahrungsmittel erzeugt, und wenn, sie dann fortschreitet, gebt »ie zur Manufactur über. Es würde eine grosse Erhebung des jüdischen Charakters in den. Augen der ganzen ^W$\t,<sein, wenn sich die Juden geeignet erweisen möchten, unter den gegenwärtigen gesetzlosen Zuständen der, ottomanißchen : Eegierung eine Oolonje in Ordnung und Harmonie zu verwalten. Es wäre ein friedlicher Triumph, wert der Tage des Messias, wo alles in Frieden leben, wird . > ., . Ohne in der Lage zu sein, Herrn Oliphant unsere volle Unterstützung zu versprechen, bis wir im Besitze aller Vesrwaltungsdetails sind und Kenntnis haben von der Beschaff enheit jener Leute?J denen die Localverwaltung anvertraut ^werden soll, können wir schon heute so wreit gehen, zu sagen, dass sein Pnoject unter allen, anderen, die bis zur Gegenwart entworfen wurden, sich von .selbst der ernsten Erwägung aller anlfxiehtigen und wahren Juden empfiehlt. Mr. Oliphant^tet offenbar ein Freidenker, er hat keine religiösen Mo^e . . . Er ist ein Politiker, der eine Theorie praktisch durchführen will, und sonst nichts. Aber der Geringste von uns kann das Instrument der Vorsehung sein, und das am wenigsten Religiöse k#nn durch die Hand Gottes zum Guten geleitet werden. Der Himmel mag es geben, dass ein Mann von grosser Intelligenz, wenn auch geringer Glaubenskraft der Vorgänger des Messias werde, der nach unserer Tradition nur ein Mann von wunderbarer Intelligenz und Kraft, von grossem Einfluss und wunderbarer Organisation sein wird. Ausnahmsweise können höhere, geistige Eigenschaften auch nicht das Resultat der göttlichen Inspiration sein ... Auf ein direct sichtbares Wunder zu warten, um ein Werk nicht zu unterstützen, das zum grossen Ziele führt, heisst Kindern gleichen, welche nicht stark genug sind, um die väterlichen Leitseile zu zerreissen und den Vater in seiner Arbeit zu unterstützen, und die auf letzteren ganz allein bauen, dass er ihnen ihr täglich Brot gebe." Meine Herren und Damen! Kann der Fall Dr. Herzl und das Baseler Programm besser auseinandergesetzt werden . als in diesen wenigen Worten des „Jewish Chronicle"? . Sechs Monate später kam dieselbe Zeitung in äusserst sympathischer Weise wiederum auf denselben Gegenstand zu sprechen undführte aus, dass es lediglich der Opposition des Sultans einer jeden Reform gegenüber zuzuschreiben sei, wenn Mr. Oliphant noch immer nicht den. „Charter6* erhalten hat. Aber jetzt, da 22 Jahre verstrichen sind, und die Lage der Juden in Europa eher .schlechter als besser geworden ist und Gefahr vorliegt, dass Palästina von Fremden weggeschnappt, werde, jetzt, da das nothwendige Capital indem Nachlassendes Baron Hirsch reichlich vorhanden ist, und die Opposition des Sultans verschwunden ist, was ist nun aus dem „Jewish Chronicle" geworden? Warum ist der „Jewish Chronicle" von heute, anstatt mit dieser grossen Bemüfeung um die Befreiung unserer Rasse Hand in Hand, .zu gehen, unserer, der zionistischen Sache unendlichrweniger sympathisch als „The Daily Chronicle"'4' oder „Daily Fews'* oder?>Daily Telegraph"? Ist es deshalb, weil die reichen Juden gegen uns sind? Diese missverstehen unsere Lage, ebenso wie ihre eigene. Denn schon hat John. Burns im englischen Parlamente die Frage gestellt, ob die Beschränkung der Fremden-Einwanderung Hueh auf Park Laue4) ausgedehnt werden wird. . Als ich,zuletzt zu Ihnen sprach, spielte ich an auf die -Gefühle einiger unserer Gegner, ,die ich als a t h e i s t i - sehe bezeichnete. Das veiursachte Widerspruch. Es wurde betont, dass sie nur die herben Thatsachen. im Universum anerkennen, : dass der Sieg; iai -/ dieser Welt nicht dem Gefühle .zuf alle, sondern der materiellen Macht. Wenn dies der- Grund ihrer. Haltung ist, so ziehe ich die Klage auf Atheismus mit allen Apologien für GiordäaaoiBr4mo)U.^4 di<?iandei#n grossen .^thjeisten, die für die Freiheit des Gedankens gelebt und gelitten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.