Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Article
- Palästina, ein wasserarmes Land?
- Date
- 1902-01-31
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 „Die # Welt*8 Seite 5 prächtigen Obstgärten und dauernden Wiesen und Luzernefeldern angelegt werden könnten. Die Colonie Rosch-Pinah erhält ihr köstliches, kühles Trinkwasser durch eine Quellwasserleitung. Der grosse, tief unter dem Niveau des Geländes gelegene See von Tiberias und der Merom-See sind für die Bewässerung des Jordanthaies überflüssig wegen der schon ausreichenden Wassermengen des Jordans und seiner Nebenflüsse. Dagegen sollte man von den Wässern der kleinen südöstlich von Caesarea gelegenen Seen ßirket Atta und Birket Batich zum Nutzen der reichen Alluvialebene von Hedera Gebrauch machen. Der See elKhab versorgte im Alterthum die ehemalige Stadt Gadarrha (jetzt Um Keis) mit Trinkwasser. Nach der Besprechung der meteorischen Fluss- und Binnenseewässer erübrigt es noch, eine Betrachtung über das Grundwasser und die unterirdischen Wasseradern anzustellen, welche durch Pumpwerke oder artesische Brunnen zu fördern sind. Zur Erschliessung artesischer Brunnen wurden in dem nach seiner geologischen Beschaffenheit wenig geeigneten Küstenstriche mehrere Versuche gemacht. Die „Alliance Israelite" hatte keinen Erfolg mit ihren derartigen Arbeiten in Mikweh-Israel bei Jaffa, und die durch die amerikanische Mission in Sidon angestellten Bohrversuche vom Sommer 1901 hatten ebenfalls kein günstiges .Resultat. Zur Zeit unserer Anwesenheit in selbiger Stadt im Monat September 190 i war man an zwei Stellen bis zu einer Tiefe von 800 engl. Fuss vorgedrungen, ohne auf die wasserführende Schicht zu stossen. Zweifellos wird man aber in der Ebene Jesreel, Batauf-Ebene, Sahel el Ahma, Jordan-Ebene und Merdj Aiün mit Bohrlöchern von geringer Tiefe Wasser zutage fördern. Die Grundwasser findet man in sämmtlichen Ebenen von Palästina gewöhnlich in einer Tiefe von 3—25 m. In der Saron-Ebene, besonders in der Gegend von Jaffa, schöpfen unzählige Becherwerke mit Göpel- oder Motorantrieb das Grundwasser zum Zwecke der Bewässerung der Obst- und Gemüssegärten« Die vorhergehende Aufzählung mag wohl beweisen, dass Palästina über hinreichende Wasserkräfte verfügt, um die Hebung der Bodencultur und die Gründung einer Industrie zu begünstigen. In den Gebirgen von Ephraim, Juda und Manasse, sowie in den Höhenzügen des Karmel, Hermon, Djolän, Hauran und Adjlün finden sich viele Thalmulden, welche zur Anlage der genannten Stauweiher wie geschaffen scheinen. Eingehende Studien über deren Fassungsvermögen und die geologische Beschaffenheit des Untergrundes würden von grösstem Interesse sein. Es wäre ferner ausserordentlich nützlich, für die verschiedenen Niederschlagsgebiete metereologische Beobachtungs-Stationen zu errichten zur Bestimmung der Niederschlags- und Verdunstungsmengen sowie deren gegenseitiges Verhältnis. Ausserdem hätte man zur Ermittlung der Stromgeschwindigkeit und Wassermengen der Flussläufe gründliche Nivellements vorzunehmen, für welche die Höhenpunkte der englischen Gesellschaft für die Erforschung Palästinas als Anschlusspunkte zu benützen wären. Diese von uns in Vorschlag gebrachten Vorstudien sollten im Falle einer baldigen Colonisation die Grundlage aller weiteren technischen Operationen bilden. Gedanken Uber den Zionismus Von Alfred Dreyfus. (ITebersetzt von J. Z., Morristown N. J.) Das jüdische Problem, wie es heute im continentalen Europa besteht (denn in England gibt es gegenwärtig keine jüdische Frage) tritt in drei Abstufungen in die Erscheinung. In der ersten wird der Jude offen gebrandmarkt und vom Gesetze disqualifiziert, wie in liussland und in Spanien; in der zweiten existiert, ohschon er dem Christen, von reclitswegen gleichgestellt ist, ein starkes Präjudiz gegen ihn, und in der dritten, wie in Frankreich, wo der Antisemitismus sich bloss in den letzten Jahren fühlbar gemacht hat, ist der Antisemitismus zu einer politischen Frage geworden. In allen diesen verschiedentlichen Erscheinungsformen verbündet der Geist des Antisemitismus sich mit gewissen stets vorhandenen volkstümlichen Hassgefühlen gegen die Juden, die zu überwältigen unmöglich erscheint. Es ist deshalb höchst wa h. rschei nlich, dass das zwanzigste Jahrhundert die von so Vielen erträumte und. so oft besprochene Bückkehr der Juden nach Palästina sehen wird. Der Zionismus, obgleich er als Chimäre in den Geistern der Juden seit tausend Jahren existierte, hat bloss in der letzten Decade praktische Formen angenommen und ist seiner Bealisierimgs-Möglichkeit nähergerückt worden. Der Zionisten-Congress vom letzten Jahre hat bewiesen, dass selbst Männer von solch praktischer Sinnesrichtung wie Zangwill die Errichtung eines rein jüdischen Gemeinwesens in Palästina als etwas, das sich im Bereiche praktischer Politik befindet, betrachten. Ein solches Gemeinwesen könnte selbstverständlich nicht ohne Vermeidung von Schwierigkeiten oder gar in Hast errichtet werden; auch darf nicht erwartet werden, dass er die gesammte jüdische Easse oder auch bloss die Majorität der Juden in ihrem alten Heimatlande versammeln wird. Das meiste, was man von ihm in diesem Jahrhundert erwarten kann, ist — und das ist auch alles, was die Initiatoren des Gedankens von seiner Eealisiemng vorläufig erwarten — dass er dort Hilfe bringe, wo man ihrer am meisten bedürftig ist, und eine rechtliche Zufluchtsstätte schaffe für die unterdrückten Israeliten. In Amerika und in den fortgeschrittenen europäischen Ländern sind wir daran gewöhnt, den Juden einzig und allein als Handelsmann zu betrachten, der zu landwirtschaftlicher Arbeit nicht befähigt ist. Nun kann aber kein Gemeinwesen in einem Lande wie Palästina existieren ohne Agricultur in irgend einer Eorm. Was wir zu vergessen scheinen, ist, dass in jenen Ländern, in welchen der Jude sich am unglücklichsten befindet, in Bussland, in Polen, in Böhmen, in Galizien, auf der Balkan-Halbinsel etc., er ja zum grössten Theile Ackerhauer ist. Diese Classe ist es, für die das jüdische Gemeinwesen hauptsächlich in Betracht kommt, ein Gemeinwesen, in welchem die Juden alle Privilegien der Staatsangehörigkeit gemessen und fortan weder rechtliche, noch auch gesellschaftliche Parias sein würden. Die natürliche Aristokratie eines solchen Gemeinwesens würde sich aus jenen Juden zusammensetzen, die es in den fortgeschrittenen Ländern zu hervorragenden Po- *) Die in diesem Aufsatze dargelegten Anschauungen des Märtyrers von der Teufelsinsel über die Judenfrage und den Zionismus, die von ihm in einer in der heurigen Neujahrsnummer des „New-York Journal" unter der Ueberschrift „Das jüdische Problem und seine Zukunft" erschienenen Abhandlung der OefTentlichkeit übergeben worden sind, werden für Gesinnungsgenossen von besonderem Interesse sein, "weil es die ersten öffentlichen Aensserungen Dreyfus' über die jüdische Frage sind, und weil man aus ihrem Tenor recht deutlich herauslesen kann, dass Dreyfus sich gegenwärtig auf dem Wege zu uns befindet. Anmerk. d. Uebersetzers.