Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Article
- Die Bagdad-Bahn und Palästina
- Date
- 1902-01-31
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Nach der grossen sibirischen Eisenbahn., die den Markstein in der Geschichte des menschlichen Fortschrittes, mit der das „eiserne Jahrhundert", das Jahrhundert der Technik und Reform, der Entdeckungen und Erfindungen par excellence, ruhmbedeckt geschlossen, kommt die Bagdad-Bahn, mit der würdig das 20. Jahrhundert seinen Anfang genommen. Nicht so gigantisch im Plane und nicht so gross in der Anlage wie die gross-asiatische Bahn, bedeutet doch die „klein-asiatische Bahn" ein grosses Werk der Cultur und Civilisation. Ja, sie bedeutet noch mehr, sie ist ein Stück Vergeltungsgeschichte. Die Bagdad-Bahn, welche deutsche Actionäre und deutsche Arbeit im türkischen Kleinasien bauen, ist ein in Thaten ausgedrückter Dank Europas, des Abendlandes, für das Licht und für die Aufklärung Asiens, des Morgenlandes, das die Wiege unserer Cultur war. Die modernen Europäer bringen nicht Aufklärung und Gesittung auf den scharfen Spitzen der Bajonnette, nieht auf grossen Kriegsschiffen, wie es im Alterthum Sitte und Brauch war, sie gürten sich nieht mit dem Schwerte, um Eroberungen zu machen, sondern im Zeichen des Friedens schaffen sie Werke des Friedens, der Freiheit, der Cultur und der Gesittung, und dadurch erringen sie die schönsten Siege. Unsere sociale Zeit ist nicht dem wüthenden Kriege gewogen, ist nicht der Tummelplatz feiler Söldnerscharen, die den Krieg zu ihrem Gewerbe gemacht, sondern der Acker friedsamer Menschen, die nicht vernichten und niederreissen, sondern stetig aufbauen und Neues schaffen. Der Pionnier hat den Soldaten abgelöst, und das Eisen des Schwertes hat sieh unversehens, wie der Prophet vorausgesagt, in das der Pflugschar gewandelt. Heutzutage wird niemand mehr den hohen civilisatorischen und culturhistorisehen Wert der Eisenbahnen verkennen oder auch nur gering anschlagen. Die eisernen Bande, welche Länder verknüpfen, sie verbinden auch die Herzen unter einander und tragen zum Glücke der gesammten Menschheit bei, die sich wie eine Familie zu fühlen beginnt» Man war früher nicht unempfindlich gegenüber den Leiden und Qualen des Nachbars, jetzt fühlt man schon das Unglück und Wehe des Nachbarreiches mit, die Verkehrsmittel haben uns so nahe gebracht, so enge zusammengeschlossen, dass wir im Westen das Stöhnen und Klagen unserer Brüder im Osten zu hören vermeinen: Die moderne Technik hat uns einander nähergerückt. Und wenn daher „weit unten in der Türkei" eine Bahn gebaut wird, sie hat auch Interesse für den Westler, der ihr so fern und doch so nahe ist. Der Aufschwung und das Aufblühen eines Reiches wirken zurück auf alle anderen Staaten und Länder: Das ist das moderne Verhältnis der Reciprocität, das materiell und ökonomisch die Staaten ausgleicht. Das Irade, welches die Bagdad-Bahn concessioniert, wurde vom Sultan Abdul Hamid gleichsam als Neujahrsangebinde der deutschen Bahngesellschaft Anatoliens gegeben. Die Trace der projektierten Bagdad-Bahn, wie sie in den Verhandlungen zwischen der hohen Pforte in Constantinopel und dem Dixectorium der anatolischen Bahngesellschaft festgestellt wurde, ist in unserer beigegebenen Kartenskizze eingezeichnet. Die neue Bahn geht von Konia aus, der jetzigen Endstation der „deutsehen Linie" von Haidar Pascha (gegenüber Constantinopel) nach Konia mit einer Abzweigung nach Angora und einer Betriebslänge von 1023 Kilometern, überschreitet den Tauras zwischen Eregli und Adana, berührt Osmanie, Kilis und Teil Habesch, setzt über den Euphrat nach Harran und geht über Raselain, Helif und Nisibin nach Mossul am Tigris. Von dort an bleibt die Bahn auf dem rechten Tigris-Ufer bis Bagdad, um dann zum zweitenmale den Euphrat zu überschreiten und in Kerbela den bekannten Schiitischen Wahlfahrtsort zu erreichen. Die Hauptlinie läuft nun auf dem rechten Euphratufer nach Zobeir hin, wo sie sieh spaltet, indem der eine - Zweig nach Bassora und der andere nach.Kasima, welches der günstigste Hafenplatz von Kuweit am persischen Golfe ist, geht. Zweigbahnen werden von dem Taurus (Adana) zum Meere, von Kilis nach Alep.po, der Hauptstadt: des gleichnamigen Vilajets, von Harran nach Urfa und von Sadidje"nach Hanakin an der persischen Grenze führen. Die ganze Linie von Konia nach Kasima beträgt ungefähr 2300 Kilometer, und werden die Kosten s auf circa 600 Millionen Francs geschätzt. Als Anfangsglied der neuen Bagdad-Bahn ist die bereits fertige 650 Kilometer lange Linie Haidar Pascha am Bosporus bis Konia in Anatolien zu betrachten. Stambul