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Die Welt · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Article
Jüdische Siedlungen
Date
1902-01-24
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „Die ^'Weife» Nr. 4 Mark als Reserve für Unglücksfälle, die sich in den ersten Be triebsjähren ereignen könnten. Unter kleineren Betriebs Verhältnissen wäre bereits mit der Hälfte auszukommen, und dasselbe dürfte für GaTIzien mit seinen billigeren Bodenpreisen gelten. Dieses Capital ist, was das Stammcapital anlangt, gegen jeden, aucli den kleinsten Verlust gesichert, wenn das gründende Capital beim Ankauf des Objectes und bei der Wahl des Administrators die nöthige Vorsieht braucht; und auch eine anständige Verzinsnug erscheint unter allen Umständen gesichert, nur dass man vielleicht die aufzubringende Zinssumme des ersten Decenniums so vertheilte, dass die ersten schwersten Jahre entlastet werden. Ich persönlich würde den ausgesprochenen Wunsch haben,, dass die gründende Capitalistengruppe sich im Falle des Erwerbes des Gutes durch die Genossensehaft einen sehr stattliehen Gewinn sicherte; sie könnte ihn ja., wenn sie von socialem Geiste allein erfüllt ist, in irgend einer Form dem Unternehmen selbst wiedererstatten, beispielsweise für öffentliche Bauten oder für einen Pensionsfonds. Aber es scheint mir wichtiger., als die privatwirtschaftliche Besserstellung der einzelnen Siedler durch Ueberlassung des Gutes zum Buehpreise die Möglichkeit, das nicht-sociale Capital durch einen bedeutenden Gewinn der ersten Unternehmer so stark wie möglich anzulocken. Man löst sociale Probleme nicht mit Almosen; ohne das Capital sind grosse sociale Werke unausführbar, und darum soll man dem Capital geben, was des Capitals ist., bis man es entbehren kann. Der Leser wird die Weitschweifigkeit dieser Ausführungen verzeihen, wenn er bedenkt, einmal., dass dies der Extract aus mehr als 100 Druckbogen wissenschaftlicher Werke istj, laus denen ich hier nur die aller wichtigsten Ergebnisse habe anführen können; und zweitens, dass nach meiner Ueberzeugung es für die sociale Frage des jüdischen Proletariats in Osteuropa kein Problem von annähernd gleicher Wichtigkeit existiert. Nicht nur dem Zionismus möchte ich die hier niedergelegten Gedanken ans Herz legen, auch die Verwalter des riesenhaften Vermögens der 1. C. A. haben die dringende Pflicht, sie zu discutieren und zu einer Klärung durch die Praxis mit aller Thatkraft beizutragen, damit nicht noch länger verzögertwird, was ein Menschenfreund mit so gewaltigen Mitteln erstrebte, und auf dessen Erfüllung zu Harren die Menschlichkeit keine Zeit hat. Wenn das jüdische Capital und das jüdische Herz hier durchführen werden, was die jüdische Intelligenz ersonnen hat, dann werden sie "das Wort des alten Testaments einlösen, das die Messianische Sendung des Judenthumes versprach. Sie werden glühende Kohlen auf das Haupt ihrer Feinde sammeln und den Antisemitismus in seiner Wurzel durchhauen. Seit sieben Jahren diene ich um meinen Gedanken, wie Jacob um Habel; meine Gedanken habe ich durchgekämpft in der Wissenschaft: Werden meine Stammesgenossen mir nun helfen, auch mein Werk durchzusetzen für meine Stammesgenossen? Der Zionismus in Queensland. Mit Hochgefühl erfüllt es den NationaJjuden, sagen zu können: Wo Juden sind, ist der Zionismus. Unsere Idee hat überendlose Oceane den Weggefunden und selbst in Australien Wurzel geschlagen. Schon auf dem Congresse erzählte uns Mr. Vecht, der ia Neu-Süd-Wales ansässig ist, dass unter den ungefähr 2000 Juden des kleinsten Continents sich zahlreiche Zionisten befinden. Die Leute befinden sich in einer gesellschaftlich und materiell günstigen Lage. Es werden also wohl die Gegner schweigen, die den Zionismus nur als Anti-Antisemitismus hinstellen? Eine Lebensäusserung der australischen Zionisten liegt vor uns. Mit dem Aufgabsstempel vom 13. December, dem Ankunftsdatum vom 20. Jänner ist an die Centrale ein Brief aus Brisbane (Ostküste von Queensland, an der Moreton-Bay) angekommen, worin zahlreiche Gesinnungsgenossen eine Vereinsgründung anzeigen und um Agitationsmittel und Statuten ersuchen, was natürlich sofort erledigt wurde. Jüdische Kunst. Eeferat, erstaftet auf dem V. Zionisten-Congresse zu Basel am 27. December 1901 von Martin Buber. (Schluss.) Ueber die jüdische Musik kann ich nur weniges sagen. Es ist mir nämlich nicht gegeben, mich mit ihr fachkundig zu beschäftigen und ich nmss mich darauf beschränken, sie zu lieben. Meine Liebe allein genügt mir aber nicht, um zu Ihnen eingehend über unsere Musik zu sprechen, da ich von der Sprache der Thatsaehen, die uns hier allein geziemt, nicht zur Sprache des Herzens übergehen will. Es ist Innen bekannt, dass die alte jüdische Musik zwei Erscheinungsformen hatte: die synagogale Melodie und das Volkslied. Es ist nun eigenthümlich, zu beobachten, wie sich gerade in dem letzteren, in dem naiven kunstlosen Singen des Volkes die Elemente dessen, was wir jüdische Musik nennen, am stärksten geltend machen. Jene Tonfolgen und Accorde, die nur bei uns und bei keinem anderen Volke da sind^ sind am reinsten im Voiksliede zu finden; die specifisch jüdische Tonscala, über die in jüngster Zeit so viel geforscht und geschrieben wurde, kommt in ihr am deutlichsten zur Herrschaft. Unser Volk ist überhaupt, was oft übersehen wird, ein singendes und musicierendes Volk. Bei allen möglichen Erlebnissen und Beschäftigungen kommt uns ein summendes Liedehen auf die Lippen, das freilich, erstickt von der Noth des Tages, nicht lange währt. Bei allen jenen seltsamen Ausbrüchen des gewaltsam zurückgehaltenen Lebensdranges, die in der Geschichte unter dem Namen des Messianismus, in der neuen Zeit und der Gegenwart unter dem des Chassidismus bekannt sind, klingt im Singen die wildeste Sehnsucht der Seelen aus. Es gibt (regenden, wo, wie unser lieber Jizchok Leibisch Perez erzählt, an der Zaril der Geigen, die in einem jüdischen Hause hängen, die Zahl der männlichen Familienmitglieder zu erkennen ist. Der Klesmer ist der eigentliche Held der modernen jüdischen Volksdichtung, und das erste grosse, immer wiederkehrende Symbol unserer schluchzenden singenden Sehnsucht. So stehen im Mittelpunkte der zwei unsterblichen Romane unseres Schülern Aleichem ein Geiger und ein Sänger. Und überall, in Haus und Schule, in der Synagoge und auf der Strasse, mischt sich ein Gesang, und sei er " noch so eintönig, in den weihevollen oder arbeitsreichen Gang der Stunde. Die Musik ist im Golus die wesentliche Porin der Kunst geworden: eine wirkliehe Volkskunst. Damit scheint mir im Zusammenhang zu stehen, dass die Juden, als sie zu Anfang des 19. Jahrhunderts activ in die europäische Künstentwicklung eintraten, sich zunächst hauptsächlich in der Musik bethätigt und viele bedeutende Componisten hervorgebracht haben. Das Singen des Volkes verdichtete sich gleichsam in einzelnen Persönlichkeiten. Und es ist wieder eigentümlich zu beachten, wie die Componisten immer wieder, hewusst oder unbewusst, auf jüdische Motive, auf Accorde und Melodien ihres Volkes zurückgreifen, wie offenbar in ihnen der Instinct lebt, dass hier die Wurzeln ihrer Kraft sind und dass sie nur so zu eigenem Glänze wachsen können, wenn sie dieses Geschenk der Väter pflegen und entwickeln. Was wir nach dem Gesagten für eine jüdische Musik thun können, ist eine Sammlung des vorhandenen Materials. Hierbei kommen neben den hebräischen und den sogenannten syrischpalästinensischen Gesängen vor allem die Volkslieder im jüdischen Volksidiom in Präge. Bisher existieren nur wenige Aufzeichnungen. Immerhin ist vor etwa zwei Jahren eine kleine, von Warschawski herausgegebene Sammlung erschienen, die trotz einiger Fehler viel wertvolles Material enthält. Es finden sich darin manche prachtvolle volksthümliche Motive, die auf eine chorale und orchestrale Verwendung warten, wie sie bei einzelnen bereits mit Glück versucht worden ist. Für jüdische Componisten eröffnet sich in solchen Sammlungen ein reicher Schatz von einfachen Melodien, die modern verwertet werden können. Nur müsste bei späteren Sammlungen der volksthümliche Charakter rem erhalten bleiben. Dies ist jedenfalls von dem in Aussieht stehenden musikalischen Theile jener überaus bedeutsamen Sammlung von Volksliedern zu erwarten, deren Texttheil im Verlage des

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