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Die Welt · 1902-01-24 · 4 (24.1.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
4 (24.1.1902)
Article
Jüdische Siedlungen
Date
1902-01-24
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 „Die & Welt66 Seite 5 liclie Wirtschaftsorganisation an« politischen Gründen zu zertrümmern; und noch viel weniger in den Colonialgebieten. Ob die Türken als die Besitzer Palästinas den Willen und die Macht haben würden, den Siedlungsplan zu vernichten, kann ich nicht entscheiden, meine aber, dass keine Colonisation irgendwelcher Art, auch nicht die individualistische Bauernsiedlung unternommen werden dürfte, ehe nicht ausgiebige Garantien gegen derartige Eingriffe gegeben werden; und dass ohne solche Garantien auch jede andere Form der Ansiedlung denselben Gefahren ausgesetzt bleibt. In Palästina liegen die Verhältnisse überdies wesentlich günstiger als bei uns, da hier kaum eine Kente existiert und daher keine mächtigen Privatinteressen gegen die Siedlungen in Action gerufen werden können; und da ferner die chronische Finanznoth der Türken den Weg frei öffnet, auf dem bisher politische Rechte fast allein erworben wurden — den Kauf. Sollten aber wirklich hier oder anderswo die ersten gedeihenden Siedlungen brutal zerstört werden, so wäre das für den Sieg der Idee vielleicht das günstigste Ereignis. Es würde dieser eine ISTotorität gegeben* die ihr in aller Welt Capital und Menschen in Hülle und Fülle zuführen würde; eine masslose Einwanderung würde die politische und wirtschaftliche Macht derjenigen Länder ungeheuer steigern, die dem Plane eine Stätte gewähren würden. Und so würde schliesslich der Plan der politischen Selbsterhaltung auch die zurückgebliebensten Staaten der alten Welt zwingen, die Reform ihrerseits zu fördern. XTnd bis dahin wäre cfie osteuropäische Judenschaft, für welche die Ansiedelung doch augenscheinlich nur als ein Mittel, nicht als der Zweck zu gelten hat, längst nach Westamerika oder Canada abgesaugt und dem grauenvollen Drucke des Absolutismus entzogen. Nehmen wir aber an, das Siedlungswerk solle in Palästina ungestört sich entwickeln dürfen; wie wird sich dann die politische Gliederung gestalten,? Wir werden eine grosse Menge blühender, genossenchaftlicher Ansiedlungen haben, selbst die kleineren in gesunder Mischung städtischer und ländlicher Elemente, einige zu rein städtischen Gemeinwesen emporgewachsen, je nach der Gunst der Lage im Netze der National- und Weltwirtschaft. Jede dieser Genossenschaften ist gleichzeitig Gemeinde. Wenn sie sich, wie natürlich, zu Verbänden zusammenschliessen, die sich zu immer höheren Verbänden staffeln, bis sie schliesslich in die Spitze einer einzigen grossen Organisation auslaufen, die der englischen Wholesale Society ähnlich ist, nur dass sie ausser dem Grosseinkauf und der Grossproduction für die Gesammtheit auch noch den Grossverkauf und die Creditbeschaffung vollzieht, dann ist diese ganze wirtschaftliche Organisation gleichzeitig eine politische, weil eben ihre einzelnen Zellen, die Genossenschaften, gleichzeitig politische Gemeinden sind. So wird sie die Besteuerung und Verwaltung, soweit dieselbe centralisiert werden niuss, mit der grössten Leichtigkeit durchführen können. Wenn es evtl. zur politischen Unabhängigkeit kommen würde, und welche Form der äusseren Verwaltung, ob Königthum oder Republik, sich entwickeln würde, darüber lässt sich natürlich nicht das mindeste aussagen. Die erste Frage hängt ausschliesslich ab von der Dichtigkeit, die die Bevölkerung hier erreichen und dem Wohlstande, den sie erringen kann, denn das sind die Factoren aller politischen Macht. Wie nun den ersten Anfang machen? Ich meine, man sollte ein möglichst reines Experiment als Vor versuch anstellen, ehe man die Fundamente eines Riesenbaues legt, wie ihn der Zionismus beabsichtigt. Unter einem reinen Experiment verstehe ich ein solches, bei dem ausschliesslich das Problem der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit der Siedlungsgenossenschaft zur Lösimg geführt wird. Sobald andere Experimente damit verbunden werden, fehlt nachher jede Möglichkeit, Erfolg oder Misserfolg auf eine isolierte Ursache zu beziehen. Aus diesem Grunde sollte der erste Versuch nur angestellt werde» mit geübten Landarbeitern in einem Gebiete, das landwirtschaftlichtechnisch keine neuen Probleme bietet. Es sollte sowohl die Einstellung städtischer Elemente in die Urproduction, als auch die Ansiedlung im neuen Lande vermieden werden. Und ebensowenig sollten in die Organisation selbst zunächst constitutioiielle Experimente hereingetragen werden. Ich plaidiere also mit aller Entschiedenheit für einen ersten Versuch in einem europäischen Ackerbau-Bezirke, etwa in Galizien oder einer ostelbischen Provinz Deutschlands. Dieser Versuch sollte unternommen werden ausschliesslich mit geübten Landarbeitern. Wenn keine jüdischen Landarbeiter in genügender Zahl und von genügender Qualität zu haben sind, so sollte der Versuch ohne Bedenken zunächst mit christlichen Arbeitern angestellt werden. Man gewönne dadurch für alle weiteren Siedlungen einen Stamm technisch und genossenschaftlich vorzüglich gebildeter Vorarbeiter und untergeordneter Leiter. Ferner sollte der erste Versuch durch den besten Fachmann geleitet werden, der irgendwie zu haben ist, durch einen Juden, oder, wenn ein jüdischer Fachmann erster Classe nicht zu gewinnen ist, unbedenklich durch einen Christen; und drittens sollte zunächst in der hergebrachten Arbeitsordnung nicht das Mindeste geändert werden. Die volle diseiplinarische Gewalt, die heute Gutsherr oder Administrator über ihre Untergebenen besitzen, sollte auch diesem Leiter gesichert sein. Nur in der Verwaltung der Untergenossenschaften, zunächst des Consumvereins und allmählich auch der anderen (Credit-, Bau-, Werk-, Absatz-Genossenschaft etc.) sollte den Arbeitern ein allmählich steigender Antheil an der Verwaltung zugestanden werden; denn man darf nicht vergessen, dass dieses Organisationswerk nur gedeihen kann, wenn es gleichzeitig ein Erziehungswerk ist. Nur darüber dürfte vom ersten Tage an den Arbeitern kein Zweifel gelassen werden, dass das gründende Capital sich mit einer festen Verzinsung begnügt, dass der gesammte Reingewinn pro rata der Leistung unter die arbeitenden Genossen vertheilt werden wird, und dass sie die Gewissheit haben, binnen einer vorher bestimmten Frist z u einem vorher bestimmten Preise das Gut in ihr Eigenthum zu erwerben. Erst dieses reine Experiment kann aller Siedlungsthiitigkeit auf genossenschaftlichem Boden das Fundament der technischen und socialen Gewissheit verleihen. Es sollte demselben Zwecke dienen, wie etwa die Errichtung einer verkleinerten Probe- Maschinerie, bevor man grosse Capitalien an die Aufstellung des eigentlichen Betriebes wagt. Wir haben jetzt in Deutschland eine „Studien-Commission" für den Betrieb elektrischer Vollbahnen, die mit ungeheuren Mitteln auf der Militärbahn Berlin-Zossen Versuche ansteift. Hier wird scheinbar Zeit und Geld verschwendet, und dennoch wissen die ausgezeichneten Geschäftsleute, die dieser Commission angehören, dass ungeheuer viel Zeit und Geld gewonnen wird. Denn die Ergebnisse dieser Probe werden es ihnen ermöglichen, später mit dem geringsten Aufwände an Zeit und Geld ihr Werk im Grossen durchzuführen. Vor allem aber entscheidet ein Gesichtspunkt: der starke Strom, der alle Mühlräder der heutigen Wirtschaft treibt, das Capital, wendet sich im grossen nur solchen Anlagen zu, deren Rentabilität bereits durch einen Versuch gewährleistet ist. Das sollte auch der Zionismus beherzigen. Mit den paar ä fonds perdu von reichen Israeliten hergespendeten Millionen ist das Werk unmöglich, das er im Auge hat. Kann er aber, auf ein glänzend geglücktes Experiment hinweisend, dem internationalen jüdischen Capital eine anständige Verzinsung bei sehr sicherer Anlage gewährleisten, so wird der goldene Strom bald seine Turbinen in volle Geschwindigkeit versetzen. Und so mag ein solcher Vorversuch, wie ich ihn empfehle, den Anfang des Siedlungswerkes vielleicht um einige Jahre — nach meiner Schätzung höchstens fünf — verschieben: aber er wird dann den Fortgang der Unternehmung so fördern, dass binnen kürzester Zeit die Versäumnis eingeholt und weit überholt sein dürfte. Das für einen solchen Versuch unter deutschen Verhältnissen höchstens erforderliche Capital beträgt eine halbe Million Mark, und zwar 300.000 Mark zum Ankauf eines für den Versuch völlig genügenden Gutes von 500—1000 ha, je nach Lage und Bodengüte, 100.000 Mark für Betriebscapital und 100.000

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