Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Article
- Die britischen Brüder
- Date
- 1902-01-24
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 m^i&Wekv* Nr. 4 Gemeinde-, und Stadträihe Sflyer und Williams, und in den hititeren Reihen einige Nameriiose. Den Reigen der losgelassenen Speeches eröffnet der Vorsitzende der Versammlung Major Gordon, Member of the Parliament Er spricht.kurz ünd würdig mit dem vollen Brustton der Ueberzeugüng. wie ös/für einen echten englischen Vorsitzenden geziemt, er sagt, die fremde Einwanderung nach England —meint aber die Judeneinwanderung — müs?e mit* allen Mitteln hintangehalten werden. Diese Fremdenüberflutung zu verhindern, sei nicht eine reine Parteisache, alle stünden Schulter an Schulter, um diese Frage in einer den Engländern und nicht den Fremden günstigen Weise zu lösen. Dann liest Gordon ein Entschuldigungsschreiben des Abgeordneten Buston und ein Schreiben von der „ Schriftstellerin und Dichterin * Marie Gorelli vor, welche die „britischen Brüder* beglückwünscht, dagegen aufs emphatischeste protestiert, dass das freie England fürderhin ein freier Zufluchtsort für die armen verlassenen Fremden sei, und vorschlägt britische Brüderliguen auch in Birmingham, Leeds, Manchester, Sheffield, Liverpool, Glasgow und Belfast zu gründen. Hierauf spricht Mister Shaw, der Präsident der „britischen Brüder" in London, und nach ihm bringt Mr. White die erste Resolution zur Abstimmung, welche besagt: „Diese Versammlung ist der Ansicht, dass die Wohnungsfrage in London unlösbar ist, i so lange die Einwanderung von Fremden ohne Herberge nicht verhindert wird/ und fuhrt des längeren aus, dass ärger als die Kriegsgreuel in Südafrika die Verhältnisse der Engländer im Osten Londons sind, welche in ihrer Heimat und in ihrem Vateriande keine Unterkunft noch Verdienst finden können, wo sich die Fremden mästen. Als Lord Salisbury in der Opposition gewesen sei, habe er eine .Alien Bill zur Restriction der Fremden eingebracht. Dieses Gesetz habe der Premieminister nun einmal im Besitze der Macht verschwinden lassen, um sich seinen Freunden, den reichen Juden der City und den Financiers Europas gefällig zu zeigen. Mr. Sllver, der schon in der »Pall Mall Gazette" vor einigen Wochen gegen die Fremdeneinwanderung geschrieben, meinte, England und specieil London vertrage die Einwanderung von 60.000 armen Judeh per Jahr-nicht, die durch das Sweatingstystem die Löhne herabsetzen, die Hauszinse aber ins enorme steigen lassen, und sein Vaterland dürfe nicht 100.00CK Pfund jährlich für die Erziehung fremder Kinder aus den Taschen der arbeitenden Glassen Englands stehlen. Eine zweite Resolution, die den Niedergang der Löhne in London der jüdischen Einwanderung zuschreibt, wird zur Abstimmung gebracht, und der Abgeordnete Norman haranguiert nun die versammelte Menge, England habe gar keinen Grund, den „Abschaum Europas* mit offenen Armen zu empfangen. Jedes Land soll „seinen eigenen Rauch verbrennen und sich desinficieren". England, das schlagende Herz des britischen Imperiums dürfe sich ni^ht zum Kehrichtbehälter Oesterreihs und Russlands degradieren." Er wünsche eine Aufschrift an der Mündung der Themse mit den ganz deutlichen Worten: „Hier wird kein Schutt und Abfall abgeladen" aufgestellt zu sehen. Mr. Williams drückt in seinem feurigen Speech seine volle Verachttfhg der Statistik aus und fährt fort: „Ich kümmere mich keinen Pfifferling um Statistik. Wenn ich die Strassen entlang gehe, sehe ich die Namen geändert. Die guten, alten englischen Namen sind verschwunden, und an ihre Stelle sind die Namen von Fremden getreten, welche sie vertrieben haben/ Zum Schlüsse seiner Rede machte'1 .der heissblütige Williams die Juden dafür verantwortlich, da$s in East so viele Morde vorkommen, und; die Prostitution in London überhand nehme.. „Wer lehrte, wenn nicht sie die Hooligans die Messer zu gebrauchen und wer triefr die englischen Mädchen, die einstens anständig leben könnten, auf die Gasse?"! Eine dritte Resolution, welche die englische Regierung und n amentlich Salisbury, Rite hie und Ghamberlain auffordert, die fremde Immigration zu verhindern, wurde einstimmig angenommen. Zum Schlüsse sprach noch in dieser antisemitischen Versammlung der jüdische Abgeordnete EL S. Samuel: „Ich bin auf zwei Dinge stolz. Zuerst, dass ich ein Nachkomme des Hauses Israel bin und zweitens, dass ich englischer Abgeordneter bin. Wenn ich dächte, dass meine Pflicht gegenüber meinem Volke mit meiner Pflicht gegenüber meinen Wählern dadurch in Gonflict gerathen sei, so würde ich auf meinen Sitz im Parlament verzichten. Aber ich weiss, dass ich meiner doppelten Pflicht nachkomme, wenn ich offen für die Restriction der Fremdeneinwanderung eintrete. Was Sie hier wünschen, ist auch mein löblichster Wunsch, dass unsere Handwerker ehrlich und anständig leben können und dass sie nicht durch irgendwelche Art von Einwanderung Fremder degradiert werden. Im Augenblicke, wo die Ausländer nicht hereindürfen, ist die Wohnungsfrage gelöst.....Ich habe meine Pflicht als Engländer und als Jude, wie als Abgeordneter zu thun. Seid freundlich und versöhnlich gegenüber den Fremden. Bedenket, dass die Juden ihr Blut für Euch in Südafrika vergossen haben, und dass sie hier eine jüdische Jugend-Brigade besitzen, um Soldaten für Euren Krieg auszubilden.* Neu ist die Plattform Englands gegen die Juden; die Thatsache des Judenhasses ist so alt, wie der Jude selbst. Brilannien, das der Lehrmeister aller Staaten Europas war, wird auch unser Lehrmeister sein. Es beweist neuerlich, das der Rausch der papiernen Gleichberechtigung auch im aufgeklärtesten Lande der Welt nicht dauert, und dass nur Selbsthilfe die richtige Hilfe eines einzelnen, wie eines ganzen Volkes ist. Die neue Form d' S englischen Antisemitismus, der sich hinter der Maske restrictiver Einwanderungsgesetze verbirgt, macht alle Behauptungen der Philosophen zuschanden, die überall nur Menschen mit gleichen Rechten und Pflichten sahen, und zwingt die reichen Juden Englands sich dem Zionismus anzuschliessen, weil er allein endgiltig die Judenfrage löst, dadurch, dass er radical zuwerke geht, das System des „Fortfrettens" über Bord geworfen und nicht mit halben Mitteln nur Halbes erreichen will Die Philosophenworte haben nichts genütz', die Vereine zur Abwehr des Antisemitismus haben nichts gefruchtet, die bekannte jüdische Opferwilligkeit hat nichts genutzt, selbst nicht die Assimilation, denn die ,,verdammte Rassea bleibt. Es öffnet sich dieser Waldwirrnis mit unendlichen Sackgassen und Holzwegen nur ein lichter freier Weg: der der selbständigen Colonisation Palästinas. Vom gesunden Sinne der Engländer, vom Gornmonsense, der ihre zweite Natur geworden, und vom colonialen Verständnisse der Engländer, die mit Indien, Canada, Australien und Südafrika zu rechnen hahen, wie von der Anständigkeit und Ehrenhaftigkeit der englischen Juden, welche Business-men sind, steht zu erwarten, dass sie sich der sachgemässen Lösung der Judenfrage, die der Zionismus anstrebt, nicht verschliessen werden. Dr. M. W.