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Die Welt · 1902-01-17 · 3 (17.1.1902) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
3 (17.1.1902)
Article
Referat, erstattet auf dem V. Zionisten-Congresse zu Basel am 27. December 1901
Date
1902-01-17
Page
11 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 „Die # Welt" Seite 11 saramenhang der Künstler, sowohl untereinander, als mit dem Volke selbst und dessen Idealen. Eine nationale Kunst braucht einen Erdboden, aus dem sie hervorwächst, -und einen Himmel dem sie entgegenblüht. Wir Juden von heute haben keines von beiden. Wir sind die Sclaveu vieler Erden und zu verschiedenen Himmeln fliegen unsere Gedanken auf. Im tiefsten Seeleugrunde aber haben wir keine Ercle und keinen Himmel. Wir haben kein Volksland, das unsere Hoffnungen im Schosse trüge und dem Schreiten unserer Füsse Festigkeit verliehe, und wir haben keine Volkssonne, die unsere Saaten segnete und unseren Tag vergoldete. Eine nationale Kunst braucht eine einheitliche Menschengemeinschaft, aus der sie stammt und für die sie da ist. Wir aber haben nur Stücke einer Gemeinamkeit und leise erst regt es sich in den Theilen, zu einem Leibe zu werden. Nur mit der fortschreitenden Wiedergeburt kann die jüdische Kunst werden und wachsen. (Lebh. Beifall.) Eine ganze und vollendete jüdische Kunst wird erst auf jüdischem Boden möglich" sein, ebenso wie eine ganze und vollendete jüdische Cultur überhaupt. Aber das, Avas heute schon da ist, das sind Culturkeime, Kunstkeime; und die müssen hier in der Fremde mit zarter liebender Hand gepflegt werden, bis wir sie in die heimatliche Erde verpflanzen können, auf der sie sich erst voll entfalten werden. (Beifall.) Das, was wir jüdische Kunst nennen, ist kein Sein, sondern ein Werden, keine Erfüllung* sondern eine schöne Möglichkeit, ebenso wie der Zionismus heute ein Werden und eine schöne Möglichkeit ist. An beider Wachsthum kann jeder von uns, gleichviel wie er und die Art seiner Thätigkeit beschaffen ist, mitarbeiten. Jeder von uns kann in seiner Weise wie dem Zionismus so auch der jüdischen Kunst die Wege bahnen. Mancher wird nun wohl nicht einsehen, weshelb die Entwicklung unserer Kunst eine so grosse und wesentliche Sache für uns ist. Zunächst diejenigen nicht, welche die Internationalität der Kunst betonen. In sehr feiner Weise hat diesen vor kurzem der schwedische Maler Richard Bergh in einem Briefe an die grosse Schriftstellerin Ellen Key geantwortet. Er gab zu. dass man im ästhetischen Geniessen nicht nach der Nationalität frage. „Aber." setzte er fort, „das Glück des Momentes ist nicht das Wichtigste für den Menschen, sondern seine Lust zu schaffen, seine Sehnsucht. In einem vollendeten Garten will man am liebsten gemessen und ruhen, aber wenn man unbebaute Erde sieht, will man schaffen — Gärten, neue, eigentbümliche. nie zuvor gesehene, sie mögen min gross oder klein werden. „Ubi bene, ibi patria" ist eine alte Lüge. Nicht das Eand ist das beste., in dem man am meisten gemesst, sondern das, wo man am besten schafft." Solch ein neuer, eigentümlicher, nie zuvor gesehener Garten soll die jüdische Kunst sein. (Lebhafter Beifall.) Denn in dem künstlerischen Schaffen sprechen sich die specifischen Eigenschaften der Nation am reinsten aus; alles, was diesem Volke, und nur ihm, eigen ist, das Einzigartige und Unvergleichbare seiner Individualität findet greifbare lebendige Gestalt in seiner Kunst. So ist unsere Kunst der schönste Weg unseres Volkes zu sich selbst. Die Wiedergeburt des jüdischen Volkes ist, wie ich bereits angedeutet habe, zugleich die Form, in der dieses Volk an einer grossen Cultnrbewegung der heutigen Menschheit theilnimmt, Zionismus un<T jüdische Kunst sind zwei Kinder dieser unserer Wiedergeburt. Was bedeutet nun die jüdische Kunst für'ihren älteren Bruder? Was bedeutet sie für uns als Zioniaten? Sie bedeutet uns zunächst einen grossen Erzieher. Einen Erzieher zu lebendigem Anschauen der Natur und der Menschen, zu lebendigem Empfinden alles Starken und Schönen, zu diesem Anschauen und Empfinden, das uns so lange gefehlt hat und uns nun durch die Bilder und Dichtungen unserer Künstler wiedergegeben werden soll . Und es ist sehr wesentlich für uns als Zionisten, dass dieses lebendige Anschauen und Empfinden unserem Volke wiedergewonnen werde. Denn nur voll entwickelte, nur ganze Menschen können ganze Juden sein — die fähig und würdig sind, eine eigene Heimat sich zu erschaffen. (Lebhafter Beifall.) Aber unsere Kunst bedeutet noch in viel directerer Weise einen Erzieher zum wahren Judenthum. Keine Sprache ist so eindringlich, so suggestiv wie die Sprache der Kunst; keine kann so wie sie offenbaren, was das Leben und was die Wahrheit ist. Und unsere Kunst wird eine starke Künderin des auferstandenen Judenthums werden, sie wird mit der Gewalt der Formen und Melodien, mit der Gewalt der Schreie und Visionen alle schlummernden Herzen ergreifen und wird wie ein Sturmwind in sie hineintragen das Lied vom werdenden Zion. (Lebhafter Beifall.) Unsere Kunst wird sich erheben, und wo einer sagen wird: Dieses Volk ist todt, da wirt^sie seine Augen schlagen mit gewaltigem Strahl, dass sie sehend werden und ihre Schönheit schauen und erkennen, dass dieses Volk so voll von lebendigen Säften ist uud von überströmender Lebenskraft, wie nur irgend ein Volk auf Erden. (Lebhafter, lang-anhaltender Beifall.) Unsere Kunst wird, das herrlichste Cultiirdocument, nach aussen Zeugnis ablegen, dass eine neue jüdische Cultur sich zu bilden beginnt. Unsere Kunst wird aber auch uns selbst, auch uns Zionisten erziehen. Denn die tiefsten Geheimnisse unserer Volksseele, das grosse Mysterium Jeschuruns wird in ihr offenbar werden und leuchten mit dem Glänze des ewigen Lebens. Wir werden sie anschauen und uns erkennen. Wir werden sie anschauen und unser Heiligthum verehren. Eine wunderbare Vertiefung und Verinneiiichung des Zionismus erwarte ich von der jüdischen Kunst. (Beifall.) Gegen diese Kunst, die uns so viel ist, die uns so unendlich mehr noch werden kann, haben wir grosse und unabweisbare Pflichten. Von diesen will ich heute zu Ihnen sprechen. Ich will Ihnen von den drei grossen Gebieten der Kunst: Musik, Dichtung und Bildkunst, eines nach dem anderen vorführen, zunächst skizzieren, was wir auf diesen' Gebiete in den Goluszeiten geleistet haben, dann die wesentlichen Momente der gegenwärtigen Entwicklungsstufe aufzeigen und endlich daraus die Pflichten ableiten, die wir gegen dieses Gebiet jüdischer Kunst zu erfüllen haben. Diese Pflichten sind, dem Gesagten entsprechend, doppelter Art: Sie betreffen erstens die Sammlung der historischen Kunstdenkmäler unseres Volkes, an die, mögen sie auch noch so bescheiden sein, ein weiteres Schaffen stets als an die Erzeugnisse der nationalen Eigenart anknüpfen müssen wird, zweitens aber die unvergleichlich wichtigere Hebung und Pflege der gegenwärtig entstehenden neuen Kunst, die Vermittlung zwischen den Künstlern und dem Volke, und die ästhetische Erziehung der Nation. Die ersten dieser Pflichten, die gegen die Vergangenheit, hat man bereits in nichtzionistischen Kreisen in anerkennenswerter Weise zu üben begonnen, aber ohne Einheitlichkeit und ohne die grosse Idee der Entwicklung, die uns beseelt; an die zweiten, welche die eigentlichen Kunstpflichten sind, die gegen die Gegenwart und die Zukunft, zu denken, mit dem Willen zur That an sie zu denken, ist uns vorbehalten geblieben. Zeigen wir uns der grossen Aufgabe würdig, die uns die Geschichte überträgt! (Schluss folgt.) Brief aus Jerusalem. Von Dr. L Grünhut. Am 25. v. M. ist hier Herr Baurath Dr. C. Schick im Alter von beinahe 80 Jahren zu Grabe getragen worden. In dem Verblichenen hat die hiesige Bevölkerung im allgemeinen einen ihrer Besten verloren. Schick, ein Württemberger von Geburt, hat sich vor etwa 60 Jahren als einfacher Tischlergehilfe hier niedergelassen. In Jerusalem, wo er mehrfach mit Palästinaforschern in Berührung zu kommen Gelegenheit hatte, erkannte Schick alsbald, dass sein Beruf wo anders liege. Er widmete sich zunächst der topographischen Erforschung Alt-Jerusalems. Ungewöhnliches Talent für Messungen, ausserordentlicher, unermüdlicher Fleiss in alledem, was über sein neues Fach schon geschrieben wurde, brachten den jungen Mann rasch vorwärts. All die Werke, die in der Folge aus der Feder Schicks geflossen sind, die bald als selbständige Arbeiten, bald als Beiträge wissenschaftlicher Zeitschriften erschienen sind, hier aufzuzählen ist eine Sache der Unmöglichkeit Es seien bloss erwähnt : „Plan der antiken Wasserleitungen bei Jerusalem", nach eigenen Messungen entworfen 1870; „Das Land zwischen Jerusalem

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