Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 3 (17.1.1902)
- Article
- Referat, erstattet auf dem V. Zionisten-Congresse zu Basel am 27. December 1901
- Date
- 1902-01-17
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315963-3317858--30018-3317946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 „Die # Welt" Nr. 3 Sollten aber sogar au« irgend einem Grunde diese Gesichtspunkte für uns nicht massgebend sein, so erfordert doch die Erkenntnis dessen, was notliwendig ist, damit unsere Bewegung sich entwickle und steigere, dass diese Fragen einen eminenten Punkt unserer Tagesordnung bilden. Nehmen wir die jüdische Kunst, die ich hier zu besprechen habe, als Beispiel. Ich erinnere daran, dass Dr. Nordau selbst in einem Artikel „Der Zionismus der westlichen Juden*" nachgewiesen hat, dass die jüdische Kunst ein Propagandamitttel grössten Stiles ist, geeignet, sowohl die Schaffenden als auch die grossen Kreise der Intelligenz für unsere Sache zu gewinnen. Ich lasse mich sonst nicht von den Erfordernisssen der Propoganda bestimmen. Aber wenn Dr. Nordau hier erklärt: „Wir brauchen zuerst Geld", so antworte ich :Unsere Kunst wird uns auch Geld verschaffen. (Beifall.) Und endlich frage ich Herrn Dr. Nordau, ob er denn glaubt, dass der Zionismus nur mit unserem besitzlosen Proletariat« zu rechnen hat. Der Zionismus hat mit dem ganzen Volke zu rechnen. Und wahrlich, wir brauchen gerade für unsere nicht völlig besitzlosen Classen geistige Hebung. Gerade die besitzenden Classen müssen wir von Grund aus geistig und sittlich erziehen, bevor sie ein fähiges und würdiges Menschenmaterial für unser Palästina abgeben. (Beifall.) Und Mittel dieser Erziehung wollen wir Ihnen hier vorschlagen, Mittel der Erziehung, die grosse Schichten unseres Volkes entwickeln, unsere Bewegung stärken, der nationalen Sache neue und wertvolle Kräfte zuführen werden. Ein solches Mittel ist die jüdische Kunst. Verehrte Anwesende! Wir leiden an der Theorie. Ich möchte mich Heute, da ich zu Ihnen von jüdischer Kunst sprechen will, von der abstracten schematischen Theorie fernhalten ufcd meinen Mund der Macht der lebendigen Thatsachen leihen, die gross und überwältigend sind. Die jüdische Kunst ist eine Reihe von Thatsachen. Tausende und tausende von Jahren waren wir ein unfruchtbares Volk. Wir theilten das Schicksal unseres Landes. Ein feiner grausamer Wüstensand wehte fort und fort über uns hin, bis unsere Quellen verschüttet und unser Ackerboden mit einer schweren, alle jungen Keime tödtenden Schichte bedeckt war. Der Ueberschuss an Seelenkraft, den wir zu allen Zeiten hatten, drückte sich im. Exil nur noch in einer unbeschreiblich einseitigen geistigen Thätigkeit aus, welche die Augen blind machte für alle Schönheit der Natur und des Lebens. Das, woraus jedes Volk immer wieder die frohsinnige, frische Energie schöpft, da-sAnsehauen einer schönen Landschaft und schöner Menschen, war uns geraubt. Das Blühen und Wachsen jenseits des Ghettos war unseren Ahnen unbekannt und verhasst wie der wunderbare Menschenleib. Alle Dinge, über deren Zauber die Dichtung ihre goldenen Schleier spinnt, alle Dinge, deren Formen die Bildkunst mit seligen Händen bannt, waren etwas Fremdartiges, dem man mit einem unausrottbarem Misstrauen gegenüberstand. Manchmal nur stahl sich der halb verlorene Klang eines Liedchens über die düstere Gasse, huschte dahin, um in dem dicken Dunkel zu sterben. Das, worin sich eigentlich das Wesen einer Nation am vollsten und am reichsten ausspricht, das heilige Wort der Volksseele, das künstlerische Schaffen, war uns beinahe völlig verwehrt. Wo die Sehnsucht nach Schönheit sich mit zarten schüchternen Gliedern erhob, da wurde sie niedergedrückt von einer unsichtbaren erbarmungslosen Hand. Wo ein junger Trieb sich bang, in Angst und Erwartung der Sonne entgegenregte, da wurde er erstickt von dem Walten des furchtbarsten Schicksals. Der Eintritt der Juden in die abendländische Civilisation war es, der den grossen Umschwung ermöglichte, dessen erste Früchte wir in unseren Tagen sehen. Ich möchte dies deshalb betonen, weil in den jüngsten Zeiten in manchen zionistischen Kreisen eine eigenthümliche Ghetto-Sentimentalität zu herrschen begonnen hat. Man hat über der zarten seltsamen Schönheit des geschlossenen Volkslebens, das wir in Europa bis ins 18. Jahrhundert hinein führten, die bedeutsame Thatsache vergessen, dass die moderne nationaljüdisehe Bewegung, dass der Zionismus nicht hätte entstehen können ohne jenes merkwürdige Stadium in der Entwicklung unkseres Volkes, das fälschlich mit dem Worte „Emancipation" bezeichnet wird. Unter Emancipation stellt man sich gewöhnlich das mehr oder minder willkürliche Handeln von Einzelnen und Volksvertretern vor. Dieses aber war nur der Ausdruck einer grossen historischen Umwandlung, die bei den Völkern zum Kampfe für die Menschenrechte, bei uns zur inneren Annäherung an die neuzeitliche Civilisation führte. Freilich nahm diese Annäherung, dem Charakter unseres Golus entsprechend, eine anormale, sprunghafte Form an. Freilich erzeugte sie jene blinde Anpassung nicht an die neuzeitliche Civilisation, soudern an die Eigenart der einzelnen Völkerschaften, die wir unter dem Namen Assimilation kennen: eine traurige Episode unserer Geschichte, in der sich die ganze Schwere unserer Entartung kundgab. Aber als im Leben Europas an die Stelle eines blutlosen Menschheitsideals die gesunde nationale Selbstbesinnung getreten war, als die Anschauung durchgedrungen war, dass wie jeder Mensch, so auch jedes Volk am besten der Allgemeinheit dient, wenn es seine eigenen Gaben in fruchtbarem Schaffen bethätigt, als mit der socialen Erkenninis dessen, Avas sein soll, die nationale Erkenntnis dessen, was ist, zu verschmelzen begonnen hatte, da war es doch wieder unsere Vermählung mit der abendländischen Civilisation, die es uns ermöglichte, unseren uralten Drang nach nationalem Sich-Ausleben, der sich die Jahrhunderte hindurch entweder in dumpf sehnsüchtiger Klage oder in milden messianistischen Ekstasen geäussert hatte, nun in der modernen Form zu entfalten, die wir Zionismus nennen. (Beifall.) Und ebenso war es jene Vermählung, die unsere Sehnsucht nach Schönheit und Schaffen, die im Ghetto immer wieder todtgequält wurde, zu der jungen Macht heranreifen Hess, der wir, in ihrer unfertigen Gegenwart die grosse Zukunft verehrend, den Namen „jüdische Kunst" gegeben Laben. Diese Macht bedeutet in unserem Volke die Wiedergeburt des Schaffens. Die überströmende Bewegung unserer' Seelen setzen wir nicht mehr in reine abgesonderte Intellectarbeit um, sondern, in eine Thätigkeit des ganzen Organismus und durch diese Thätigkeit in Linien und Klänge, in lebendiges Sein, das wieder lebendiges Anschauen weckt. (Beifall.) Aber die Thatsache allein, dass wir wieder Künstler haben — und unter Künstlern verstehe ich nicht bloss Bildkünstler, sondern auch Dichter und Componisten — genügt noch nicht, um die Existenz einer jüdischen Kunst zu begründen. Doch sind wir in der jüngsten Zeit bereits ganz leise über diese erste Stufe, das blosse Vorhandensein von Künstlern jüdischer Abstammung hinweg- und emporgeschritten. Das kam so, dass dieser und jener von unseren Künstlern, von der Kraft seines Blutes getrieben, der Seele seines Volkes huldigte und seine Werke von ihr beschenken Hess. Es ist in den Jahrtausenden unseres Volkslebens ein Schatz von feinen heimlichen Seelenwerten angesammelt worden und aus diesem begannen unsere Künstler zu schöpfen. Manche giengen noch weiter: Sie verwandten das vom Volke in langsamer Arbeit Geschaffene: Motive und Stoffe. Und auf dem Wege zu einer nationalen Kunst wird dieses Schaffen und Verwerten sich immer feiner und tiefer ausgestalten. Stehen wir nämlich einerseits ganz in der modernen Civilisation, so können wir andererseits doch nichts von den Dingen aufgeben, worin sich die Seele unseres Volkes geäussert hat, als da sind: Die Sprache, die Sitten, die naive VolkskunsC der Lieder und Melodien, der Leuchter und Gewänder. Nur müssen wir alle diese Dinge nicht als etwas Heiliges mit scheuer Ehrfurcht betrachten, sondern als das Material, aus dem wir eine neue Schönheit aufzubauen haben :Nicht als Statuen, die man nur von ferne bewundern darf, sondern als einen wertvollen Marmorblock, der auf unsere Hand und auf unseren Meissel wartet. (Beifall.) Doch auch dieses Stadium des jüdischen Schaffens, die Thatsache der nationalen Selbstbestimmung unserer Künstler, bedeutet noch nicht, wenn wir den strengen Sinn des Wortes anwenden, das Vorhandensein einer jüdischen Kunst. Und wrill man unter jüdischer Kirnst nicht wie ich etwas Werdendes., im Entstehen Begriffenes, Unfertiges verstehen, sondern etwas Bestehendes, in sich Geschlossenes, Vollendetes, dann müsste ich auf die Frage nach dem Vorhandensein einer nationalen Kunst bei uns mit einem Nein antworten. Was uns dazu fehlt, ist der einheitliche Zu-