Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 3 (17.1.1902)
- Article
- Die industrielle Zukunft Palästinas
- Date
- 1902-01-17
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315963-3317855--30008-3317942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „Die # Wettf» m 3 Heiligen Landes genannt zu werden! Wir müssen ihn aber auch als ein Stück Zukunft des Heiligen Landes betrachten. Auf der Südseite eines Querastes d< s Libanon quellen zahlreiche Bäche, welche sich alle zu unserem Flusse vereinigen. Da, wo die Quellflüsse von allen Seiten zusammentreffen, bildet sich eine Vertiefung, deren oberer Theil Humusland, deren unterer Theil ein See ist. Merkwürdig ist es, dass der Wasserspiegel dieses Sees nur 2 Meter über dem Spiegel des Mittelländischen Meeres liegt. Am Südende des Sees brechen die Wasser durch, brausen in einer tiefen Schlucht, welche 17 Kilometer lang ist, um eine Höhendifferenz von 210 Meter und füllen hier den herzförmig gebildeten See von Genezar et h oder das Galiläische Meer. Die grösste Länge des tiefblauen Gewässers ist 20, die grösste Breite 10 Kilometer. Hie und da umsäumt eine schmale Ebene die Ufer dieses Sees, meist aber steigen hochragende Berge himmelan von seinen Ufern empor. Wäre der Gegenstand, den wir hier zu behandeln haben, nicht ein fachlicher, dem eine poetisch angehauchte Darstellung nicht geziemt, man fühlte sich durch die Schilderungen v. Sodens*) hingerissen, dem Leser die in begeisterte Worte gehüllten Bilder des Landes unserer Väter vorzuführen. Einige Stellen jedoch wagen wir hier zu wiederholen, v. Soden sagt über den See von Genez«areth: „ Der landschaftliche Reiz des Sees ist gross, gross durch die Linien und Farben der Berge, den schroffen Wandel der Wasser vom tiefstleuchtenden Frieden in stürmische gährende Empörung. Er war noch grösser, als diese Berge bewaldet, die Uferstrecken besiedelt und bebaut waren. Neue Anbauversuche des „ Deutschen Palästina-Vereines" beweisen die üppige Fruchtbarkeit des Bodens, auf dem die Wärme eine subtropische Fruchtbarkeit erweckt, sobald ihm regelmässig Wasser zugeführt wird. Heute liegt alles todt und öde um das so lebensfroh und wie sehnsuchtsvoll blickende Wasser her, als ob es nach Gespielen am Ufer, nach Leben bangte. Wie ein tiefliegendes, von gewaltigen Brauen umgebenes blaues Auge muthet es uns an, das Auge eines Kindes, die Brauen eines Mannes!" . .. Aus diesem See treten die Wasser in eine langgestreckte Au — zwischen 8 und 20 Kilometer breit — die der Fiuss in raschen Windungen durchfliesst. Nach einem Laufe von 100 Kilometern begräbt er seine Wasser im Todten Meere, dessen Spiegel 394 Meter unter dem des Mittelländischen Meeres liegt. Der Jordan hat also eine Niveaudifferenz von mindestens 392 Meter aufzuweisen, und demgemäss nähert sich sein Charakter dem eines Gebirgsstromes. Nach Schätzungen von zuständiger Seite kann man seinen Fluten eine Energiemenge von 100.000 Pferdestärken entnehmen. Um eine annähernde Vorstellung von dieser Kraftfülle zu geben, bemerken wir, dass diese Energie, in elektrischen Strom verwandelt, nahezu eine Million Glühlampen speisen könnte oder aber auch 30 elektrische Eisenbahnzüge mit 160 Kilometer Geschwindigkeit (beiläufig gesagt, eine mit Dampfbetrieb noch nie erreichte Schnelligkeit) betreiben könnte. Nehmen wir aber an, dass wir die vorhandene Energie in drei Theile theilen. Ein erstes Drittheil für Beleuchtung (ex Oriente lux), ein zweites für Kraft zum Betriebe von Industrie-Anlagen, deren man — jede zu 50 Pferdestärken gerechnet — ungefähr 600 annehmen kann, so bleiben noch etwa 30.000 zum Eisenbahnbetriebe übrig! *) „Palästina und seine Geschichte." Sechs volkstümliche Vorträge. Teubner, Leipzig 1899. Warum sollten wir pessimistischer in solche Zukunft blicken, als es die Amerikaner, die Europäer und — last not least — die Engländer in Indien thun! Und wenn wir auch sehr vorsichtig planen und rechnen wollten: mit einem Bruch theile der disponiblen Kraft kann jener oben geschilderten Sehnsucht des Sees von Tiberias nach neuem Leben Genüge geschehen. Haben wir in Europa nicht die grossen Anlagen in R h e in f e 1 d e n, in L o c 1 e, in Genf, L y o n u. s. w.? Amerika (vom Niagara abgesehen) verwertet seine Wasserkräfte mit dem Genie dieses aufstrebendes Volkes, und überall sind es zu bedeutendem Theile jüdische Gapitalisten, jüdische Unternehmer, jüdische Ingenieure, welche an all diesen Schöpfungen mitarbeiten, ja häufig sie initiiert haben! Dass es allen diesen nicht so gehe, wie dem Cardinal Wolsey in Shakspeares unsterblichem Werke „Heinrich VIII.", der am Ende seiner Laufbahn in die Klage ausbrach: Hätt' ich nur meinem Gott gedient Mit halb dem Eifer, wie ich's dem König that, Er gäbe mich im Alter nicht meinen Feinden preis!* Sehen wir aber hinsichtlich der Wasserkräfte ein wenig auf das Technische und auf das Finanzielle: Wir gehen zwar von der Ansicht aus, dass nach Palästina Kohle von England und anderen Orten mit Leichtigkeit per Schiff transportiert werden könnte; jedenfalls aber würde der Transport theurer kommen, als nach Europa. Für europäische Verhältnisse aber stellt sich eine 6000pfer dekräftige Wasseranlage gegenüber einer solchen Dampfkesselanlage folgendermassen: Grundkauf, Project, Bau, Einrichtung der Maschinen, etc., berechnet auf eine Pferdekraft, stellt sich für Dampf dieselbe auf................ 360 K für Wasserkraft auf 4 . . . 4 . . . . 320 „ Man hat daher bei 6000 Pferdekräften für Wasserkraft um.........240.000 K weniger zu verzinsen, zu amortisieren u. s. w. als bei Dampf. Nimmt man 300 Betriebstage an, den Tag zu 24 Stunden und jede Stunde arbeiten 6000 Pferdestärken, so sind das 43,000.000 Pferdekraftstunden. Bei einer 4% Capitalsverzinsung, bei Abschreibungen an Baulichkeiten mit iya%i bei Maschinen mit 10%, kostet die Pferdekraftstunde ungefähr 0*4 Heller. Bei Dampf rechnen wir den Kohlenpreis nur 1-80 K pro Metercentn er und nehmen an, dass eine Pferdekraft 1 Kilogramm Kohle beansprucht, dann kostet die Dampfpferdekraftstunde ungefähr 2*5 Heller pro Stunde. Wasserkraft ist also um 2-1 Heller billiger, macht also bei 43 Millionen Pferdekraftstunden eine Ersparnis von 0'9 Millionen Kronen; schlagen wir die gesammten Wasserkräfte Palästinas nur auf 120.000 Pferdestärken an, so würde man gegenüber der Dampfkraft pro Jahr 18,000.000 Kronen ersparen, was bei Annahme von nur 3% Verzinsung eine Gapitalsersparnis von 0*6 Milliarden (600 Millionen) Kronen ergibt. Welche Industrie könnte da in Palästina am besteh erblühen? Vor allem wäre es die Textilindustrie, welche von der Lage des Landes besten Vortheil ziehen könnte. Die Rohstoffe liefert zur See Amerika, dann Indien, Aegypten etc. Das Land selbst dürfte Asphalt, bituminöse Stoffe am Todten Meere in Hülle und Fülle liefern, ferner Petroleum, Phosphate und alle aus dem Wasser des Todten Meeres, das 25% fester Bestandtheile enthält, zu gewinnenden Chemikalien. N ap o 1 e o n sagte einmal: Mit dem Schwerte und mit dem Geiste liesse sich die ganze Welt erobern..