Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 2 (10.1.1902)
- Article
- Zeitungsstimmen
- Date
- 1902-01-10
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315962--29926-3317812- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2 „Die # Welt" Seite 13 „Daily Express" (London), „Daily News" (London), „Frankfurter Zeitung", „L'Univers" (Paris), „Soleil" (Paris), „Soir" (Brüssel), „Express" (Mülhausen), „LeMatin" (Paris), „Genevois" (Genf), „Allgemeine Schweizer Zeitung" (Basel). „National Suisse" (Chaux de Fonds), „Rappel" (Paris), .,Bukowinaer Post", „Bund" (Bern). ^dN@bi*oi)il<. Antisemitisches von der Münchener Universität. Man schreibt uns aus München: Folgende Vorfälle, die sich unlängst hier abgespielt haben, dürften von allgemeinem Interessesein : Im grossen Operationssaale beginnt Herr Prof. Ritter von An g er er seine chirurgische Klinik. Die vier aufgerufenen Praktikanten werden der Reihe nach zum Prakticieren herangezogen, von denen einer allem A n s c h e i n e nach von jüdischer Herkunft ist. An diesen nun richtete der Professor die Frage, ob.die betreffende Krankheit congenital wäre. Nach einigem Zögern verneint der Angeredete die Frage. „Nun, Sie werden wohl, Herr College, mit sich handeln lassen", meinte gemüthlich und nichts ahnend der Herr Professor. Kaum aber war das verhängnisvolle Wort gesprochen, als ein frenetisches Gelächter aus mehr als 200 Kehlen ausbrach und minutenlang anhielt . , . Aehnliches ereignete sich kurz darauf im Hörsaale des Herrn Professor A m i r a. Im Verlaufe seiner Vorlesung über die Geschichte des deutschen Rechtes meinte er, dass im allgemeinen die Entwicklung der freiheitlichen Ideen u. s. w. seit 1848 eine erfreuliche sei. Nur in Bezug auf die Juden könne man es nicht ohne Weiteres behaupten. Ein jüdischer Hörer fand den Muth, zum Zeichen des Bedauerns zu scharren. Die Reaction von Seite der rechtsbeflissenen Zuhörerschaft war einfach explosiv: das ganze Colleg erhob ein furchtbares Gejohle, und erst nach angestrengten Bemühungen gelang es, Ruhe zu schaffen. So geschehen auf der Alma niater in München im December 1901! Rabbinerseminar in Oesterreich. In der letzten Sitzung des Budget-Ausschusses des Abgeordnetenhauses interpellierte Dr. Byk den Cultusminister darüber, warum in Oesterreich noch kein staatlich anerkanntes Rabbinerseminar bestehe. Der Unterrichtsminister Dr. v. Härtel legte hierauf die Gründe dar, welche die Verleihung des Oeifentlichkeitsrechtes an die private israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien nicht thunlich erscheinen lassen, und hob hervor, dass ein solches OefTentlichkeitsrecht insolange keinen Wert habe, als die Frage nicht geregelt sei, welche Qualification für das Amt eines Rabbiners zu fordern sei. Er würde es mit Freude begrüssen, wenn von den massgebenden Kreisen hierüber eine Einigung erzielt würde. Die Zeugnisse der Anstalt würden den Absolventen auch nicht die ausschliessliche Berechtigung z.ir Ertheilung des Religionsunterrichtes einräumen, da die israelitischen Cultusgemeinden bei der Wahl ihrer Lehrer an keinerlei formellen Befähigungsnachweis gebunden seien. Bezüglich der in Lemberg aus privaten Mitteln zu errichtenden Anstalt zur Heranbildung von Religionslehrern bemerkte der Minister, dass, die Erfüllung der Bedingungen der kaiserlichen Verordnung vom Jahre 1850 vorausgesetzt, diese Schulerrichtung keinem Anstände unterliege, und dass diesfalls auch staatiicherseits eine entsprechende Subventionierung in Aussicht gestellt werden könne. Jüdische Aerztinnen in Paris. Es gibt wenige Berufe, denen die Frau so gewachsen wäre wie der Heilkunst. Der Priester der Neuzeit ist der Arzt, und nur jene Menschen, die gutmüthig und geduldig sind, eignen sich für diesen hohen Beruf, der ein mimosenhaftes Empfinden voraussetzt. Von den Aerztinnen, die gegenwärtig in Paris thätig sind, ist die Hälfte Jüdinnen, und diese sind insgesammt aus Russland. Es ist dies erklärlich, wenn man bedenkt, dass in Russland nur die Petersburger Universität den studierenden Frauen geöffnet ist, und dass an dieser nur ein gewisser, ganz minimaler Percentsatz Jüdinnen zum Studium zugelassen sind. Daher kommen die russischen Studentinnen in hellen Scharen nach Paris, der „Stadt des Lichtes," die noch immer magisch lockt und zieht. Ob es allen gelingen wird, wie jener jüdischen Pariser Aerztin en vogue, 60.000 Francs jährlich zu verdienen, ist zweifelhaft. Die liberalen Berufe demokratisieren sich allmählich in ihren Vertretern und auch in den Entlohnungen. Die fünftägige Wahlschlacht in der akademischen Lesehalle der Universität kam vor kurzem zum glücklichen Ende. In der letzten Stunde steigerte sich die Spannung der zu Hunderten versammelten Commilitonen noch gewaltig, da zwei Parteien nahe daran waren, einem weiteren Candidaten zum Siege zu verhelfen. Am Nachmittag war der erste Candidat des Social wissenschaftlichen Studentenvereines durchgekommen. Zehn Minuten vor 6 Uhr verkündete der Präsident die Wahl des siebenten Vertreters der nationalen Partei unter dröhnendem Trampeln der Corona. Nicht geringerer Beifall erhob sich, als bald darauf der zweite Candidat der Freien Studentenschaft „durchs Ziel gieng". Damit waren die Chancen allseitig zu Ende, und man wartete nur noch auf die Verkündigung des Gesammtergebnisses. Im ganzen sind 1523 Stimmen abgegeben. Davon kommen 709 auf die nationale Partei, 231 auf die vereinigten katholischen Corporationen, 202 auf die Berliner Freie Studentenschaft, 178 auf den Verein jüdischer Studierender, 103 auf den Socialwissenschaftlichen Studentenverein, endlich 100 auf die Freie wissenschaftliche Vereinigung. Gewählt sind sieben Vertreter der nationalen Partei, zwei Katholiken, zwei Vertreter der Freien Studentenschaft, sow\e je 1 Vertreter des Social wissen schaftlichen Studentenvereines, der Freien wissenschaftlichen Vereinigung und des Vereines jüdischer Studierender (cand. med. Rosenkranz). Aus der Programmrede unseres Gesinnungsgenossen Rosenkranz, dessen Wahl wir aufs lebhafteste begrüssen, heben wir hervor: „Ich bin Nationaljude und Zionist extremster Richtung und finde es haarsträubend, wenn ein Jude hier vor Nichljuden zur Entschuldigung von schlechten jüdischen Eigenschaften spricht. Es gibt eine sehr lebendige, kräftige jüdische Cultur. Wir weisen jede Sympathie der Antisemiten aufs entschiedenste zurück. Gefreut hat uns die Offenheit, mit welcher der V. D. St. kämpft. FürPaulsen ist der Antisemitismus eine Consequenz, für den V. D. St. aber Selbstmord. Eins steht fest: Das Entscheidende bei den Wahlen ist diesmal der Antisemitismus, der orüske, der hülsenlose! Aber wir, die wir von allen Seiten verrathen sind, werden uns als Juden Verth eidigen und siegen." Von unserer Volksbildungsbewegung. Wochen-Programm der Toynbee-Halle. XX., Karajangasse 20. Sonntag den 12. Jänner: Hermann Berliner: Jüdisches Allerlei. Montag den 13. Jänner: Dr. Sadger: Aus dem Gebiete der Naturwissenschaften. Dienstag den 14. Jänner: Frau Professor Kellner: Eine Erzählung. Mittwoch den 15. Jänner: Max Eis ler: Jüdische Charaktere bei Lessing. Donnerstag den 16. Jänner: Primarius Dr. Kornfeld: Aus der Seelenlehre. Freitag den 17. Jänner: Dr. Grill: Bibel, Erklärung der Sidra. Samstag den 18. Jänner: Concert: Musik, Gesang. Anmeldungen zu Vorträgen sind zu richten an Herrn Doctor Leopold Kahn, Hof- und Gerichts-Advocat, VIL, Lindengasse 11. ${us dei) \)ei*eii)et), Voranzeigen. Wien. („H a d a s s att.) Sonntag den 12. Jänner im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde, L, Seitenstettengasse 4, Vortrag des Herrn Dr. Egon Zweig über „Marannische Edeifrauen". Beginn l Uhr nachmittags. Gäste willkommen. Wien. (Einzelverein , W ien' des „Zio n".) Im Vereinslocale, IL, Schiffamtsgasse 5, jeden Dienstag Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur. Referent Rabbiner Dr. Grill. Beginn 8 Uhr. Gäste willkommen.