Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Deutschland durchschnittlich etwa viermal so viel jüdische Mischehen mit Protestanten als mit Katholiken, und selbst im katholischen Bayern waren in den 25 Jahren, 1876 1900, fast ebenso viele jüdischprotestantische wie jüdisch-katholische iMischehen (233 gegen 25*) i. Von noch größerer Tragweite dürfte der Umstand sein, daß die süddeutschen Juden noch zahlreich in Mittel- und Kleinstädten und sogar in Landgemeinden leben. Die Ziffern für Berlin und München belehren bereits, wie sehr die Mischehe hauptsächlich eine Institution der Großstadt ist und ihre Zunahme eine Folgeerscheinung der zunehmenden Abströmung der Juden nach den Großstädten. Als Beleg dafür soll noch däs Königreich Sachsen herangezogen werden, wo die Juden l»is auf einen kleinen Bruchteil in den Großstädten Leipzig. Dresden und Chemnitz leben. Im Durchschnitt der Jahre 1903 04 haben dort 44 reinjüdische EheschlieUungen stattgefunden gegenüber ]i Mischehen, d. h. 17.S". aller heiratenden Juden gingen eine Mischehe ein: diesem hohen Prozentsatz steht selbst die Berliner Mischeheziffer nach. Sieht man von den Verschiedenheiten, die zwischen den einzelnen preußischen Provinzen und deutschen Bundesstaaten herrschen, ab und hebt nur Berlin mit seinen Vororten hervor, so weisen das übrige Preußen und das gesamte außerpreußische Deutschland zieuTüch gleiche Prozentsätze der .Mischehen auf. Es " sind nämlich im Durchschnitt der Jahre 19<)3 04 •einjüdische Ehen Mischehen in Brandenburg 'mit Berlin und Vororten• «07 2<>3 im übrigen Preußen ... ... 17.SS 244 Deutschland....... 1350 170 in ganz Deutschland......... 3715 707 geschlossen worden, so daß von je 100 heiratenden .luden in Brandenburg . . * . 15.3o im übrigen Preußen . . 0.49 Deutschland 5.02 in ganz Deutschland S,t>9 sich mit einem nichtiüdischen Gatten verehelicht haben. In Österreich isVvdie Mischehe zwischen Christen und Juden, wie bereits hervorgehorTeri, gesetzlich unzulässig. Es ist bloß die Mischehe als sogenannte Not-Z'vilehe zwischen Juden und Konfessionslosen möglich. Sie umfaßt also jene Fälle, in denen Jude:1, die mit Nichtjuden sich verehelichen wollen, aus dem Judentum nicht austreten, sondern die nichtjü üsrrhen [Ehegatten ihre religiöse Gemeinschaft verlassen und sich konfessionslos erklären. Die Zahl dieser Mischehen könnte höchstens izusammen mit den Übertritten zum Judentumt einen Maßstab dafür abgeben, in welchem Grade . das Judentum anderen Religionsgemeinschaften gegenüber sich behauptet und stä/ker als jene sich erweist. In keinem . Falle aber sind sie mit den zwischen Juden und Christen geschlossenen Ehen identisch. Es wäre sonst ein überaus günstiges Resultat für Österreich. So .fander? beispielsweise^ inf Jahre 1903 in ganz Österreich nur 147 6ten zwischen Juden und Konfessionslosen statt gegen 7576 reinjüüische (staatlich anerkannte) Ehen, so daß selbst unter Ausschluß der in Galizien und der Bukowina so zahlreichen rituellen jüdischen Khen von je 1000 heiratenden Juden nur einer eine Mischehe geschlossen hätte. Die Größe der vom Judentum durch die Mischehe erlittenen Verluste, die so als_Auflösungsmoment der Taufe sehr nahe kommt, läßt sich daraus ermessen, daß. wie in Preußen bei den Volkszählungen von 18KS, 1800. 180ö und 1900 festgestellt wurde, nur der dritte bis vierte Teil der Kinder aus Mischehen mit jüdischem Vater und nur der fünfte Teil der Kinder aus Mischehen mit jüdischer Mutter in der jüdischer. Religion erzogen wurden. . Nun ist die Mischehe auch weit gefährlicher als die Taufe, da ihre Bekämpfung viel schwieriger und aussichtsloser ist. Es ist vor. nicht zu untersclratzender Bedeutung, daß die Taufe eine ehrlose, unmoralische Handlung darstellt, die jeder mit durchschnittlich ausgebildetem, 'ethischem Gefühl ausgerüstete Mensch nicht ohne größere Überwindung ausführt. Es gilt, dieses Ehrgefühl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft bis zum höchsten Grade zu steigern, um feigen Flüchtlingen mit voller Verachtung zu begegnen. Im Grunde genommen ist rfjlch die Auffassung bei Nichtjuden darüber keine ganz varschiedene. Ferner" ist auch von dem zunehmenden jüdischen Selbstbewußtsein, wie es unverkennbar in den letzten Jahren sich kundgibt, eine größere Wertschätzung des Judentums von den einzelnen Mitgliedern zu erwarten, die um so höher sein wird, je -mehr den Empfindtingen des modernen Menschen entsprechende Werte das Judentum schaffen wird. Gegen die Mischehe aber würden, wir vergebens die Moral zu Hilfe rufen, und ihr im- Einzelfall entgegentreten heißt, das äußerste Opfer vom Individuum für seine Gemeinschaft verlangen. Allerdings würde auch hier das. entwickelte jüdische Nationalbewußtsein mindestens den Erfolg haben, daß die Kinder aus' Mischehen nicht so zahlreich dem Judentum verloren gingen. Die Taufe.und Mischehe sind der äußerste und konsequenteste Ausdruck der Assimilation, wie sie in Wirklichkeit vor sich geht und der wir bis zu einem gewissen Grade machtlos gegenüberstehen. Sie nimmf mit der Entwicklung des großstädtischen Lebens zu. das den. Typus des echt „kosmopolitischen41 W^ltstadtbürgers ohne religiöses , und nationales Zugehörigkeitsgefühl ausbildet und selbst trotz des Antisemitismus, wie am besten Wieli lehrt, die Mischung zwischen Juden und Nichtjuden befördert. Der Verlust des Judentums durch die Taufe und Mischehe dürfte auf etwa 1.5" oo der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und 0,6°-o in Österreich zu veranschlagen sein.- Höher sind natürlich die Verluste in solchen Assimilationszentren wie Holland oder Dänemark. Sie sind um so weniger geringzuschätzen, als die natürliche Vermehrung der Juden in den westlichen Ländern eine ungewöhnlich geringe ist. * OD^ fr .dte ^Co KORRESPONDENZEN /o© oDO (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung tragt, Ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften ,>,aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) . : Königsberg, den 23. Dezember 1906. " Sehr, geehrter Herr Redakteur! Als uissischer Jude und vertraut mit der Tendenz der in Rußland unter.dem Schutze der Regierung fungierenden Partei „der friedlichen Erneuerung^ halte ich es für meine Gewissenspflicht. nicht nur vom jüdischen, sondern vom rein menschlichen Standpunkte aus. - .Sie, geehrter Herr Redakteur, höflichst um Veröffentlichung weniger .Worte zu bitten. Wer je eine Träne für "die Leiden unserer russischen Glaubensbrüder vergossen,- wer die Gräuel der Massakers und deren Organisatore auch.nur aus den Zeitungsberichten kennen gelernt hat, — der weiß auch, daß 'die Partei „der friedlichen Erneuerung**"} zusammen mit . dem Verbände „dec echt russischen Leute", als die Brutstätten zu betrachten sind, wo Haß, Mord und Raublust gegen die Juden'gezüchtet werden und noch werden. Trot.: allem hat ein Autor, in der „Jüdischen Presse" die Verblendu:ig, .in dem Leitartikel der' Nr. 49 die ^von vielen Zeitungen veröffentlichte falsche Notiz, (laß Juden in Rußland' sich der Partei „der friedlichen - Erneuerung^*,angeschlossen, hätten*, als hocherfreutiche Erscheinung-(Y) zu begrüßen sind jene russischen Juden, die offen .••) Unsere Stellungnahme »V .durch, unsere Ausführungen in der „Pol. Revue" •: gekennzeichnet.. Die ♦Red.;. und laut die elementarsten Menschenwerke fordern und mit Fingern auf die Organisatoren der Pogrome hinweisen, auch wenn es Regierungsbeamten sind — zu verdammen, — ja, sie als „Häuflein von Vagabunden" hinzustellen. ... (Hier folgt ein Passus, der die lebhafteste Zurückweisung des oben erwähnten Artikels enthält, den wir jedoch — obwohl die Veröffentlichung in dieser Rubrik uns von' der Verantwortung befreit — seiner Form wegen nicht in seinem vollen Wortlaut veröffentlichen zu können glaubten. Anm. d. Red.) Hochachtungsvoll Königsberg, Nicolaistraße $A. Rbb. Bernstein, stud. med. \Berlin W., 24. Dez. 1906/ Düsseldorferstr. 2. / Verehrliche Redaktion 1 \ S Eine kleine Berichtigung zu N. SokoloWs Aufsatz „Cha^sldismus** (Heft 51 der „Weif) sei mir gestattet. f Der Rabbi Nachman meines Buches, der Likutja^aharan, der Märchenerzähler, ist nicht Reb Nachman Kossp'wer, der Zeitgenosse des beseht (mich der Legende ersrisein Widersacher, dann sein Freund), sondern Reb Nachnvrh Brazlawer, der Urenkel des Beseht /