Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 22 (19.2.1839)
- Date
- 1839-02-19
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225036--01646-3315537- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gewissensfreiheit, die moralische Verbrüderung der Menschen ist nicht eine neue Religion, sondern eine höhere Religiosität. Di.e Religion'ziehet sich da aus den Wirren'des gemeinen Gehens, zurück, sie wird Lmmermehr ein Heiliges, das das wirkliche Leben.nur geistig, aber nicht bürgerlich und factisch beherrschen, will! Um Gott, sehen Sie nicht, mein würdiger Herr Carove, daß eben ' das Ausgeben der Gewissensfreiheit für eine '„neue Religion" die schroffen Anhänger der Kirchlichkeiten aufgeschreckt hat, und daß seitdem Toleranz, Menschenverbrüderung mit Religionsgleichgültigkeit, Jndifferentismus ff. in einen Topf geworfen und auf einem Feuer verbrannt werden sollen? Oft hat schon ein falsches Wort, ein ungenauer Gedanke die Menschen zum Streite entzündet — wahren wir uns davor! (Fortsetzung folgt.) Journal - Wev ue. (Fortsetzung.) Die Leser werden nun schon erwarten,' daß wir von einem Abendblatte uns noch zu einer Mitlernachrszeitung wenden, um, den Tageszeiten Valet zu,sagen. Diese hat nun vor ihren Schwestern den Vortheil voraus, dem jungen Morgen am nächsten-zu sein, und gern gestehen wir, daß wenn einmal eine Nacht über dieser Mitternachtzeitung stehet, sie gegenwärtig eine recht freundliche, linde Mondeönacht ist, deren Sterne nicht ohne Glanz herniederlcuchten. Der Ton dieses Blattes ist ein .höchst anständiger, wie er in jeder sittlichen Gesellschaft gern gehört wird; der Redatteur ist sich seines Berufes, für ein gebildereS Publikum zu wirken, das mitGehalt eine-nette Form verlangt, wohl bewußt. Er stellet nicht ohne Kraft und Grazie den Jüngling vor,-von dem die Gesellschaft Erheiterung und leichte Anregung erwartet, ihn schon über die aufbrausenden Thorheiten der Jugend h'inwegglaubend. Von einem solchen Platte läßt sich immer voraussehen, daß es auch daü Gute, waS innerhalb des Judenthurps und für dasselbe geschieht, freundlich entgegennimmt; und hat das MitternachtSblart namentlich schon einige recht gute jüdische Piecen aus dem Gebiete der Belletristik gebracht, was gerade zu den Seltenheiten gehört. Wir wenden uns zu einer Gruppe norddeutscher Blätter, die wesentlich einen und denselben Charakter haben: der Berliner Gesellschafter, der Altenburger Eremit und der GvthaerMgemeine Anzeiger. ES ist das praktische deutsche Lebqn mit seiner eigenthümlichen, auf dem Realen haftenden/ und dasselbe mit lokaler, aber fester und leidenschaftloser Beschränkung erfassenden Gewöhnlichkeit, welches in diesen drei Blättern, trotz ihrer verschiedenen Tendenz, sich gleicherweise so recht seßhaft gemacht. Zum Unglück für den „Gesellschafter," ist es bei ihm doch das Gebiet der Phantasie, der Dichtung, der schönen Künste, auf'welchem jenes blüthcn- und duftlose Dasein sich aufbauen soll, und da will denn das hausbacken Brod nimmer wie Marzipan und der Broihan wie spanischer Sekt schmecken. Darum läßt denn auch der Gesellschafter bei, der Frage: in welcher Gesellschaft? nimmer ein Fragezeichen hinter sich, und er .glaubt dabei Wunder wie klug zu fahren. Er führt mit gleicher Miene heute in sein Sprachzim- -mer den sinnigen Rebenstein,, morgen den sinnlosen Victor Lenz, der namentlich Meister ist, seine Juden- und Jüdinnen-Charakreriftik einigen dringenden Mahnern und polirten Nähmädchen abzulauschen,. indem er sie zum Ueberfluß mit seinen unglücklichen Visionen durchkneret. Ihn, der; Invaliden des Abendblattes, heißt der barmherzige- Gesellschafter noch recht willkommen. Der Allgemeine Anzeiger-Hingegen hat innerhalb dieses Spießbürgerlebens das glückliche Loos der materiellen Interessen. Da hat er seine Aufgabe sich gesteckt, und löst sie auf still zufriedene Art, indem er frcuudlich und fast ohne er'nzuschlafen das pro und daö contra hört, und, wie jener Gerichtsherr, zu Jedem von Beiden sagt:^ „Du hast Recht!" und zu dem Dritten, der dies für Unrecht hält , „Du Haft auch Recht!" Nur Einer ist der ihn gcnirt, das ist: der Jude. Denn zu.dem kann er bei Leibe nicht sagen: Du hast Recht!, und von seinen Hudlern "auch nicht: Du hast Recht, und zu seinen Verhältnissen, ebenfalls nicht, daß sie Recht haben — so daß er sich sicher darüber gar nickt zu helfen weiß. Der Jude paßt nicht in seinen Kram; auf dem alten wohlbekannten Platze als kaiserl. Kammerknecht und Krämerjude finpct ihn das alte Reichsblatt nicht mehr; seiner Entwickelung kann'eS auch nicht folgen — ich wüßte ihm wo! einen Rath zu. geben, und es wäre schön, wenn es ihn fassen wollte: wolle gar nichts mehr von ihm wissen — dann thust du ihm und dir einen rechten Gefallen. Immer aber auf der Höhe dieses eigenthümlichen -Lebens -stehet der Eremit, er, der Repräsentant der gewöhnlichen Gemüthlichkeit und des gesunden Menschenverstandes. Das Recht, wie es sich ohne vieles Grübeln so klar vor die nüchternen Augen stellt, wie eS sich ohne Leidenschaft und Heroismus von selbst gebührtwird immer an. diesem Eremiten einen Vertheidiger finden, der wenn nicht mit dem Schwerdte, doch mit dem Worte umzugehen versteht. Als solcher har er sich auch immer vor die Streitsache der Juden hingestellt, und Jeden zurückgewiesen, der mit nebelnden'und schwebelnden Worten irgend einen Dunstspuck um ihr gutes Recht bringen wollte. ' Das Eine muß man ihm Nachsehen, daß er die allgemeine Eigenschaft theilr, die wir einmal in Deutschland sammtlich nicht los werden können, selbst das, was wir für Recht und wahrhaftig erkannt, was wir mit unserm Herzblut vertheidigen, noch auö einer vermeintlichen Unparteilichkeit heraus, in unsrem eigenen Reviere dem Schüsse der Wild-, diebe und Unberechtigten zu stellen und bloß zu geben. Lassen wir also diesem auch die nölhige Nachsicht gedeihen, so müssen wir jedoch von einem Eremiten erwarten, daß er seine Meinungen nicht leichtsinnig ändert, daß er, bevor er sie ausspricht, überhaupt sie. hinreichend geprüft hat, dann aber sie festzuhalren versteht und dein Wankelmuth der Jugend, die nach der Gunst des Publicums haschet, nicht huldigt. Wir sagen dies mit Bedacht: denn innerhalb weniger Monate sind unserm Eremiten ganz entgegengesetzte Aeußerungen entwischt, die wir uns jedoch zu einer fpeciellen Bachtung Vorbehalten. , (Fortsetzung, folgt.) Redakteur vr. L. Philippfoa. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von Z, B. Hirschfeld.