Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 4 (8.1.1839)
- Date
- 1839-01-08
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 wird sie zum System. Nicht als ob es ihr je ak Logik und System . gemangelt, aber es war eine Logik und ein System, die sich in sich selbst verliefen, und durch sich allein gehalten waren. Jetzt aber muß das System einen Grundstein außerhalb ihrer selbst suchen, einen archimedischen Punkt, und die-Geschichte der Tradition kann dadurch einer kritischen Betrachtung innerhalb der Orthodoxie selbst nicht entgehen. Ferner bekämpfen sich beide Partheien nunmehr mit gleichen Waffen, und so kann man mit Recht sagen, daß dieser Streit erst jetzt an das Licht der Welt tritt, «erst jetzt seine rechte Geburtsstunde feiert. Ec wird nun nicht mehr in dem dunkeln Raume der Studierstuben, in den abgeschloßnen Familien- und Gemeindekreisen geführt, er 'ist nicht mehr-ein Streit, Person gegen Person: sondern Idee gegen Idee, unter den Augen der Menschen, unter dem lichten Himmel des Alleinwahrhaftigen. Endlich stellt sich nunmehr erst die rechte Wahrhaftigkeit heraus; ein Jeder muß nnn, abgesehen von seinen Parteiansi'chten, noch ein Höheres anerkennen, üb er allen, den israelitischen Glauben. Nicht mehr Aufklärung, nicht mehr Menschenwohl, auch nicht mehr Anhänglichkeit und Treue ist die Devise des Kampfes, sondern: der Glauben Israels selbst. Nicht mit jenen, sondern mit diesem allein ist die Beschönigung des Streites gegeben. 'Vor Allem aber ist es ein Fortschritt, daß anerkannt worden, der öffentliche Gottesdienst und seine Formsei durchaus nicht der eigentliche Kampfplatz der beiden Parteien, daß Verbesserung des Gottesdienstes mit Orthodoxie sich recht wohl vereinbaren laste, und daß es nur eine Hyperconsequenz der Orthodoxie war, den Gottesdienst in seiner ganzen Verfallenheir, Unordnung und seinem Ungeschmack erhalten zu wollen. Es hat sich geschichtlich herausgestellt, daß viele Nebenformen des Gottesdienstes jüngsten Ursprungs sind, daß die Synagoge im Ganzen stets viele verschiedenartige Formen neben einander duldete, obgleich natürlich der Hauptfaden derselbe und allein israelitisch ist. Die Orthodoxie kann sich gratuliren, zu dieser Anerkenntniß, denn auch sie gereicht nur zu ihrem Vortheile. Sie hat dadurch die große Menge der nach edeler Gestaltung des Gottesdienstes Dürstenden nicht mehr zu ihren Feinden, sie hat ihren Gegnern einen ostensibelnGegenstand genommen, und ein Mittel gewonnen, wodurch sie wieder auf die Gemüther wirken kann. Die nächste Zukunft muß es lehren, ob die Orthodoxen diese Anerkenntniß immer mehr unter sich' verbreiten, und sie füglich benutzen werden. Das Leben der Parteien hat sich im verflossenen Jahre auf eine eigenthümliche Weise praktisch herauszustellen Gelegenheit gehabt. - Zwei der bedeutendsten Rabbinenftühle, Posen unb Prag, sind erledigt, um ihre Besetzung legt sich die Prinzipienftage herum,, und — beide sind noch unbesetzt. Daß -auch eine dritte, wenn auch dem Wesen nach neu- - geschaffne Stelle, in Breslau, der Besitznahme noch immer entgegensieht, bezeuget von Neuem die Lebhaftigkeit des Kampfes. Aber gerade dadurch wird es dem tiefer Schauenden klar, daß wir der Lösung dieser Partheiung entgegen gehen. Gerade indem die Parteien sich zu freier Aus- und Gegenspcache Herantassen, gehet der Streit aus dem Gebiete der Persönlichkeit in das der Idee über. Die Vermittelung kann hier nicht ausbleiben, indem sich auf diesem Gebiete von selbst und immer mehr Herausstellen wird, was irgend Unhaltbares beide Parteien an sich haben. Diese Vermittelung bereitet sich denn auch praktisch vor, und wird . so den Debatten über den Kopf wachsen. Aus wie vielen Gemeinden, ja aus ganzen Ländern, hatten wir doch im verflossenen Jahre zu , melden, wie den Forderungen der'Zeit, selbst mit Billigung der Orthodoxen, genügt wurde, wie füllten sich durch dieses Zugeständniß die 'Gotteshäuser von neuem, wie hebt sich das Schulwesen unter unsern Glaubensgenossen! Die bessere Gestaltung dringet überall durch, und das religiöse Leben entfaltet sich zu neuer Blüthe! Die Thätigkeit der Synagoge zeigte sich denn auch in - sonder's darin, daß wir von zwanzig Synagogen meist gänzlichen Neubau oder Grundlegung, oder Renovirung zu melden hatten. ' Indem wir hiermit zum Schlüsse dieses Rechenschaftsberichts über das vevflossne Jahr gelangt sind, erinnern wir uns sehr lebhaft der Hoffnung, die wir am Schlüsse des vorigen ausgesprochen, die Subscriptionen zur Errichtung einer jüdisch-theologischen Facultät würde» in diesem'Jahre zu einem' gedeihlichen Schluffe kommen. .Wir nehmen daher Gelegenheit, unsere Leser in Kenntniß davon zu fetzen, daß wir im Nächsten einen detaillirten Bericht über den ganzen Verlauf dieser Angelegenheit, in Men feinen Einzelheiten, geben werden. Redacteur vr. L. Philippfon. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hieschfeld.