Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 2 (3.1.1839)
- Date
- 1839-01-03
- Page
- Seite 8 (sequence 4)
- Language
- German
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8 mit fertig werden? Der Redner sieht auch nichts, als daß man sich in beständige Widersprüche verwickelt, und daß man von dem Vorurtheil gegen die Juden nicht frei ist. (Fortsetzung folgt.) M rr s z rr g e. Aus des Herrn Salvador'ö neuestem Werke. Mit Bemerkungen°) Die Schrift des Herrn Salvador, über welche wir eine französische Kritik schon im vorigen Jahre No. 137. 141. 142. nntgetheilt haben, erlangt eine immer größere Theilnahme in Frankreich. Sie enthält so viele neue und der neuern Zeit angehörige Ideen, sie stellt den. Bezug des Judenthums zu der-christlichen Kirche in ein so eigenrhümliches Licht, sie erhebt sich über, die gewöhnliche Betrachtungsweise so sehr, daß wir cS längst als unsre Pflicht erachtet haben, bedeutende Stellen aus derselben unfern Lesern näher zu bringen. Allerdings sollen diese mehr die Allgemeinheit' betreffende sein, als in die speciellc Untersuchung, die er anstelle, eingehende. .Nicht zu verkennen ist es, daß Salvador aus dem französischen Standpunkte steht. So wie wir frühes seine Institutionen .Mosis gls eine Kritik dieser vor dem Richterstuhle des französischen Staatsrechtes zu bezeichnen hatten: so findet sich auch hier der französische Genius in seiner Blüthe und seinen Schwächen. Um desto eher nahmen wir Gelegenheit, unsere Bemerkungen über die vörgetragenen Ideen hinzuzufügen, und wird man es Nachsehen, wenn diese -bisweilen etwas weit auöholen. Wir wollten beitragen, so weit es an uns ist, das Epocde-Machende der Salvador'schm Schrift hervorzuheben und ins Licht zu stellen. , Sein erstes Buch handelt „von den Umstanden,, welche das Christenthum vorbereitet, haben," und hebt das ersteKapitel sogleich mit einem höchst fruchtbaren Gedanken an, der, unsres Wissens, ganz neu ist. „Das Menschengeschlecht war,, durch das Gesetz seines Anwachsens, zweier Nothwendigkeiten unterworfen, zweien Tendenzen, welche man, beim ersten Blick, für unvereinbar halten sollte." „Von diesen Tendenzen hat. die Eine, indem sie von den Menschen verlangte, sich zu zerstreuen aus der Erde, um sie zu besetzen und anzusullcn, zugleich vielfach». Hindernisse jeder Concenträtion entgegcngestellt, und erklärt'zum-Theil die innere Unruhe und die Ereignisse,, welche die Geschlechter und Bevölkerungen anregten, ihre primitiven Bande zu brechen, sich unter sich zu theilen. Die andere Tendenz, entgegengesetzt, hat, indem sie den Menschen erlaubte. Vortheil aus dem schwächsten Umfang ihres Bodens nur mit vielen vereinigten Anstrengungen zu ziehen, ihn anfeuchtend mit ihrem Blut und ihrem Schweiße, immer enger die Bande geknüpft, die fähig waren, sie in Uebcrcinstim'mung handeln zu machen, und dem moralischen Prinzip der Association, der menschlichen Einigkeit und des Zusammenstrebens das Leben gegeben." In einer Anmerkung hierzu macht er auf die Allegorie in der Geschichte des Thurmbaus von Babel aufmerksam, und -fährr in derstlbrn Hann fort: „Es ist nicht unnütz zu bemerken, daß, je mehr man sich den ersten .Zeiten nähert, desto mehr muß die Macht .der Trennung und Zerstreuung die andern überwältigen, desto energischer.und ungestümer müssen die Mittel sein, welche die Gesetzgeber und Anführer der Völker anwenden/ um einen gesellschaftlichen Zustand sestzuhalten. Im Gegentheil, nach Maßgabe, daß die Völker sich vermehren und in der Besetzung der Welt vorschreiten, desto überwiegender wird die Macht der Vergesellschaftlichüng, und erhält sich von selbst ohne äußere Hülse. Eine letzte Bemerkung ist, daß selbst die Völker, bei denen die Macht sich zu organisiren und zu concentriren, bis zum höchsten Punkte gebracht wurde, .den größtmöglichsten Zoll, obgleich unter sehr verschiedenen' Aussichten der Macht, welche trennt und zerstreut, bezahlt haben : so die Juden, durch ihre traurigen Geschicke, die Griechen, durch ihreColonien, die Römer durch ihre Krieger." Dieser glückliche Gedanke bildet den Eckstein seines ersten! Buches. Mit demselben durchwandert er zuvor die Geschichte der Völkerrevolutionen vor dem Beginn des Christenthums, und zeigt, zu welchem Zustande gänzlicher Auflösung die Tendenz des Alrerthums, einen die Völker vereinigenden Staat zu bilden, geführt. Mit etwas mehr Aplomb hätte Salvador bemerken können, wie gerade in der Natur dieser vereinigenden Kraft die zerstreuende begründet lag. Indem die alten Dynastien, der Assyrec, Meder, Chaldäer, Perser und Macedonier sich ein1e< Volksstamm cs als Bindemittel der Völker bedienten, vertheilten, zerstreuten und verdünnten sie gerade dieses dergestalt, daß es bald unwirksam, seines eigenen Daseins beraubt, war. Was demnächst binden sollte, das zerstreute sich selbst, und konnte daher weder Andere noch' sich selbst biutzen. Wie aber im Alterthume ein einzelner, in -sich concentrirter Stacit, jenen gegenüber nicht bestehen konnte, weiA. Salvador sehr gut an Egypten "nach, das weder dem orientalischen Choe der Perser, noch dem occidentalischcn der Römer-widerstehen konnte. DaS Resultat wäre demnach, daß im Alterthmpe die materielle Kraft sich zur Vereinigung des Menschengeschlechtes hergeben wollte, aber daß diese gerade zu seiner Zerstreuung gereichte, und daß ihr letzter und höchster Versuch, durch die Römer, gerade indem er am meisten gelingen zu wollen schien, den allgemeinsten Zustand gänzlicher Auflösung hervorbrachte. An die Stelle der materiellen Kraft sollte nun die Idee treten, deren Leben aber'bis dahin zuvor noch geprüft werden muß. Verweilen wir hier noch einen Augenblick, und spinnen .den Hauptgedanken noch weiter aus: so haben wir also hier in der Menschenwelt, die Centripetal- und Cemrifugalkrast der ganzen Natur. Aber was in dieser streng gegeben und unabänderlich festgehalten ist, das wird im Menschengeschlechts zum freien Gebilde, das noch tausend, anomale. Formen im Einzelnen zuläßt und neben sich gestattet.' So ist auch 'das Nicnsckengeschlecht von großen , allgemeinen Gesetzen im Ganzen beherrscht, aber unter denselben bewegt es sich in eigenwilligen Schwingungen, und seiner Freiheit beste Gewähr ist die, daß erst lange nach Abschluß der Thaisachen der Bestand dieser Gesetze als eines Unfreiwilligen zum Bewußtsein kommt. Das Bewußtsein allein aber giebt Freiheit und Unfreiheit. Am Ende erscheint in der Geschichte nur der Kampf der Freiheit mit der Nothwendigkeit, der jedoch in den Resultaten immer zur Lösung kommt. (Fortsetzung folgt.) *) £>fc Herr Salvador ist Mediziner, zu Paris wohnhaft, .israelitischen Glaubens. Ob er medicinisch prakticirt, ist uns nicht bekannt. Seinen Ruf hat er sich durch seit, früheres Werk -„Geschichte der Institutionen MosiS und des hebe. Volkes" gesichert. Der Titel des obig-n Werkes ist: Jesus-Christ ct sa Doctriuc. Histinre de la Naissanee de P Eglise, de sou Organisation 'et de «es Progres pendant le premiere «iecle. 2 Theile. Außer der Pariser Ausg. ist auch schon eine zu Brüssel erschienen. . . Red. Redakteur Dr. L. Philippson. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. - Druck von I. B. Hicschfeld.