Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1844)
- Date
- 1844-12-23
- Page
- Seite 754 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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754 Inhalt. Leitender Artikel: Ueber den Gebrauch der hebräischen Sprache beim israelitischen Gottesdienste. (Fortsetzung). Zeitungsnachrichten: Großbritannien: London. Frankreich: Paris. Preußen: Schlesien. Oesterreich: Posega, Nikolsburg. Deutschland: Braunschweig, Hamburg, aus Mittelfranken, Braunschweig. Personal - und Lokalnachrichten r Arad. Register und Titel. Leitender Artikel. Magdeburg, den 16. Dezember. Ueber den Gebrauch der hebräischen Sprache beim israelitischen Gottesdienste. (Fortsetzung.) Haben wir so den Werth der Konfession, gegen die humane Zivilisation gehalten, erkannt: so müssen wir auch hierbei noch besonders die Gegenwart berücksichtigen. Nur ein oberflächlicher Blick in die Zeitblätter lehrt uns, daß das konfessionelle Element gegenwärtig in einen bis in die Tiefen des sozialen Lebens reichenden Streit begriffen ist. Ein Streit des Konfessionellen ist aber nichts anders als: die Herrschaft des Konfessionellen. Der Protestantismus und Katholizismus in Deutschland, der Anglikanismus und Puseyismus in England, der Katholizismus und die Universität in Frankreich, der Radikalismus und Jesuitismus in der Schweiz — diese ringen mit einander auf Leben und Tod: d. h. 4cbcn sie leben in einem neuen, erstarkten Vigor. Was will der Kampf der Enzyklopädisten im vorigen Jahrhundert, der Iunghegeliauer vor einiger Zeit hiegegen sagen? Wie cs aber unsrer Zeit eigenthümlich ist, Alles massenhaft zu betreiben, so hier. Kongregationen, Gustaph- Adclph-Vereine, Volksversammlungen ff. bieten die Macht der Massen auf, neben der die Literatur nur als zweiten Ranges einbergebt. Hierzu kommt noch die grundsätzliche Meinung der konservativen Politiker, d. b. der herrschenden Partei in Europa, daß die Verstärkung des konfessionellen Lebens eine Schutzwebr gegen den revolutionären Geist sei. Es ist ein gewaltiges Drängen und Reiben, wo ein Wort Millionen entzündet, und schlummernde Neigungen zum Kampfe erweckt. Mitten ^zwischen diese Wettkämpfe ist nun das Judentbum geworfen. Nicht mebr wie früher abgeschlossen und für sich bestehend, werden seine Anhänger vielmehr von Allem auf's nächste berührt: sie müssen mitkämpfen. (Unter den Unterzeichnern von Dankadressen an Johannes Rouge finden sich häufig Juden.) Wir fragen nun: was hat das Judenthum da, seine Stellung Sicherndes, Verfestigendes, wenn dies nicht gleicherweise die Befestigung des konfessionellen Lebens ist? Mit den zwei oder drei allgemeinen Lehrsätzen, welche die humane Zivilisation ihm übrig lassen will, kann es nicht ausreichen. Zerrieben und zermalmt, wie ehemals zwischen Assyrien und Aegypten, schwindet es zu einem Schemen, der nicht mehr Stich hält. Nein, es muß sich anfrichten auf dem Granitsockel seiner Geschichte, auf der breiten Basis seines geschichtlichen Lebens, aus dem Fundament seiner Konfession seinen Bestand finden! Erklären wir uns noch etwas näher. Das neuere Judenthum hat das besondere Moment, daß es den alten, nationalen Partrkularismus aufgehoben , und dafür einen kosmopolitischen Partikularismus geschaffen hat. Der alte Jude sagte: wir sind Juden, wir sind das auserwählte Volk, wir haben den wahren Glauben für uns, Gott hat ihn uns gegeben. Die neueren Lehrer des Judenthums sagen: wir haben die von Gott geoffenbarte Wahrheit, aber nur um sie der Menschheit zu überliefern; die anderen Völker haben je nach ihrer Reife einen Theit dieser Wahrheit von uns schon empfangen, einst werden sie sich zur ganzen bekennen: wir aber müssen diese geoffenbarte Wahrheit bis dahin bewahren, erhalten. Dadurch kam auch eine ganz verschiedene Anschauung des Gesetzes. Der alte Jude sah das Gesetz als Zweck für sich an, es ist ein integrirender Thei! des Geoffenbarten, und seine Befolgung hat somit seinen Zweck in sich, er gehorcht in ihr dem Willen Gottes. Der neuere Jude sieht das Gesetz nur als Mittel zum Zweck an, es erhält das Judenthum, durch ihn bewahrt sich das Judeuthum in der ganzen Masse seiner Bekenner, weil das Gesetz das Judenthum immerfort in's Bewußtsein bringt, wohingegen, wenn es, ohne Gesetz, nur als eine Lehre dasteht, es sich bald aus dem Bewußtsein vertieren wird, d. h. absterben, d. h. untergehen wird. Hierin liegt nun eine Hauptsache. Je wichtiger, je heiliger uns der Zweck ist, desto wichtiger, heiliger wird uns auch das Mittel sein, das diesem Zwecke dient, ohne daß der Zweck verloren gehen wird. Das Gesetz als Mittel zu diesem höchsten Zwecke: die ganze Wahrheit der Menschheit zu bewahren und zu überliefern —