Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1844)
- Date
- 1844-12-16
- Page
- Seite 750 (sequence 18)
- Language
- German
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750 Korrespondenz. Wanderung durch Krakau, Galizien, Bukowina, Moldau und Wallachei.! i (Fortsetzung.) j Das Reisen in der Wallachei ist, obschon noch immer j mit vielem Mangel an Bequemlichkeiten verbunden und > daher für eirW Europäer gerade nicht sehr freudenvoll, doch bei weiten angenehmer als in der Moldau. Man reist hier wenigstens ruhig und sicher bei Tag und um Mitternacht, wie in allen zivilisirten Ländern Europa's. — Da"s erste Städtchen, das mir begegnete, war Braila (auch Jbrail), zur Genüge bekannt aus dem letzten russi'sch-türkischm Kriege. Die Ordnung und Freundlichkeit der Bauart, so wie das ganze Ansehen des Städtchens charakterisirten mir zur Genüge den Geist der wallachischen Regierung, wie ich mich auch später davon immer deutlicher überzeugte. — In Braila wohnen wenige polnisch-jüdische Familien, die sich aber meistens wallachisch tragen. Auch ist da eine kleine spaniolische Gemeinde mit allen ihren interessanten Eigenthümlichkeiten, wie wir sie in Bukarest näher kennen lernen werden; denn da in der Wallachei außerhalb Bukarest in kleinen Orten auf dem Lande (im Gegensätze zur Moldau) nur sehr wenige Juden wohnen, so konzentrice ich meine Betrachtungen über die Verhältnisse unsrer Brüder in der Wallachei bloß auf Bukarest, die Haupt- und Residenzstadt dieses Fücstenthums. — ^Bukarest ist eine gewaltig große Stadt im eigentlichen Sinne des Wortes, d. h. ihre ersten Begründer, so wie ihre späteren Erbauer rhaten sich Gewalt an, sie groß zu machen; denn obschon nur circa 100,000 Einwohner besitzend, hat sie doch einen Umfang der wenigstens 400,000 Einwohner fassen konnte. Beim Anblick dieser Stadt konnte ich mir erst erklären, wie man die riesengroßen Städte des Alterthums (z. B. Theben, Memphis, Ekbatane, Babylon) mit ihren hundert Thoren und ihren Dutzenden von Meilen im Umfange, Größen, die wir bei den bevölkertsten Städten des jetzigen zivilisirten Europa (z. B. London, Paris rc.), wo die Population gewiß nicht geringer ist, als sie in jenen Kolossen des Altcrthums war, vergebens suchen, zu verstehen hat. — Hier, so wie im ganzen Orient ist eine Stadt mehr ein Aggregat von einzelnen FamilienwohriMgen wir all' ihrem Zubehör, worUMer emch solche Partien mit mbeWffen sind, die man sonst öußechalb der Stadt zn verweisen pflegte (z. B. weitläufige Gärten, Aecker rmb Wiesen), als eine durch Mannigfaltigkeit und Einhelligkeit, durch Plan und SMmetrie und einen wohlangebrachten hervorstechenden Gegensatz von Zentrum und Peripherie, sich darstellendes ästhetische, einheitliche Ganzes. Die Städte im Orient find Wirklich ein treues Bild des Kulturzustandes und der sozialen Verhältnisse der dortigen Menschheit. Die Familie ist im Orient ziemlich locker an das Allgemeine, an den Staat gebunden; so auch gewiffermHvn die Familienwohnungen an die Stadt. Vermöge der Mriarchischen Sitten des Orientalen ist dort jede Familie em Staat im Staate, so auch ihre Wohnungen. Daraus entstehet der Mangel an Sinn für öffentliche Symmetrie und planmäßige Gesammteinheit der Staatsbaulichketten. Man bekümmert sich wenig wie das zu erbauende Haus äußerlich aussehen, wie es im Prospekt zu seiner Umgebung in Reih' und Glied sich ausnehmen wird. Man bauet daher mitten in der Stadt seine Hütte, die eigentlich das Ganze nur verunstalten muß, man bauet seinen Palast mitten in einem großen, höchst prosaisch umzäunten Hof, der die Aussicht des mitunter glänzenden Gebäudes den Augen des Beschauers gänzlich entziehet. — Daher die ungeheure Weitläufigkeit der Städte im Orient bei einer verhältnißmäßig geringen Population; daher ihre durchgängige, ja ich möchte sagen, ihre planmäßige Planlosigkeit; daher diese fürchterlich engen Gaffen; daher der Mangel an einem Ringplatze, selbst in den größten Städten; kurz daher die seltsame Eigenthümlichkeit der orientalischen Städte. Wir kehren nun zu unserm Bukarest zurück. — Die Bevölkerung dieser großen Stadt ist mannigfach, ja ich möchte sagen, alle Nationen und Völkerschaften werden da reprasentirt. Den Kern der Bevölkerung bilden die Wallachen (ziemlich verwahrloste Enkel der klassischen Römer, deren Sprache, obschon ziemlich entstellt, sich in ihrem Munde bis auf den heutigen Tag erhalten hat). Die wallachischen Edelleute, deren es hier eine große Anzahl gibt, heißen Bojaren. Den Wallachen an Zahl zunächst kommen die Griechen und Bu(- *) Beim Anblick einer orientalischen Stadt kann man sich erst das Verhaltniß von trnn und rmsn und was damit zusammenhangt, erklären.