Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1844)
- Date
- 1844-11-11
- Page
- Seite 650 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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650 Diese Worte weisen Sie, soweit Sie den Univeis israelite betreffen, gänzlich ab. Hierauf werde ich zurückkommen. Erlauben Sie, daß ich zuvor meine allgemeinen A»sichten, und dann die Genesis obiger Worte erponire. Ibnen, dem Franzosen und Israeliten, zu sagen, wie sebr der Israelit geneigt und befähigt sei, ein rechter, ein > würdiger Bürger, Sohn seines Vaterlandes, ja ein enragirter Thcilnehmer an den Verhältnissen des Staates, ein Eutbusiast, ein Patriot, selbst bis zum Extrem, zu sein — wäre lächerlich. In Ihrem Vaterlande, wo dem Israeliten der Kampfplatz des öffentlichen und bürgerlichen Lebens eröffnet ist, haben Sie täglich davon Beispiele vor Augen. Auch möchte ich wol unsre Gegner aufrufen, mir die jüdischen Schulen, mir die jüdischen Lehrer zu nennen, durch die es der israelitischen Jugend nicht eingepflanzt werde, daß solch' ein Patriotismus, solches Bürgerthum, solcher Enthusiasmus für Volk und Vaterland eine Forderung unsrer heiligen Religion, schon vom Propheten vor 2400 Jahren, von unsren Weisen vor zwei Jahrtausenden ausgesprochen, sei. Ueberhaupt, was will man mehr: Juden kämpfen gegen Juden in den Heeren ihres verschiedenen Vaterlandes, die französischen Krieger jüdischen Glaubens erheben die Waffen gegen die holländischen Krieger jüdischen Glaubens (z.B. bei der Belagerung von Antwerpen,)— was will man mehr, fragen wir, mehr Beweis, daß die Juden ganz dem Vaterlande hingegeben sind, dem sie angehören, und in politischen und bürgerlichen Beziehungen die Bande der Glaubensgenossenschaft hintenansetzen? — Um so weniger dürfen wir mißverstanden werden, wenn wir demungeachtet darauf dringen, daß das Band, welches di e Israeliten in allen Ländern und Zonen umschlingt, bewahrt und befestigt bleibe! Nein, es ist kein politisches Band, und selbst die Lehre vom Messias, wenn sie auch in der persönlichsten Persönlichkeit gefaßt wird, ist kein politisches Band! Nein, es ist kein materielles Band, und was unsre Gegner von industriellen, finanziellen, kommerziellen Verbindungen unter den Juden wähnen, ist — Wahn! Aber es ist ein religiöses Band der Einheit, durch das wir Allesammt von den Steppen Australiens bis zu den Steppen Sibiriens ausrufen mit einer Stimme: der Ewige ist einig! der Ewige ist unkörperlich! der Ewige unter keinem Bilde zu verehren! der Ewige hat Israel sich geoffenbaret! der Ewige ist durch seine Offenbarung dem Menschen unmittelbar geworden! der Ewige ist allbarmherzig und vergiebt, tilgt unsre Vergehungen, so wir sie bereuen und . uns bessern! Wie der Ewige heilig ist, sollen wir uns heiligen! Darum den Ewigen lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Vermögen! Darum unsern Nebenmenschen lieben wie uns selbst! Darum gerecht sein! Darum all' unsern Erdenwandel einrichteu mit dem Aufblick zu und auf Gott! — Aber es ist ein verwandtschaftliches Band, das die Israeliten umfaßt, denn wir sind einem Stamme entsprungen, wir haben unsern Ursprung von denselben Vätern, wir sind dem unglücklichen Stamme entsprungen, der, aus seinen Sitzen geworfen, über die Erde zerstreut, eine über anderthalbjahrtausendlange Geschichte voll vergossenen Märtyrerblutes, voll unerhörter Verfolgungen, voll beispiellosen Druckes durchlebt hat, wir sind dem erhabenen Stamme entsprungen, der all' dies erlitten hat um seiner Lehre vom einigen Gotte wegen, um dieser Lebensidee willen, die er nicht aufgeben wollte einer Welt gegenüber! Und was hat dieses religiöse, was dieses verwandtschaftliche Band zu thun mit den politischen und bürgerlichen Interessen jedes Einzelnen? Ist der Katholik nicht treuer Bürger seines Staates? Leben nicht Zweige derselben Familie in verschiedenen Ländern und sind treue Bürger? Ist des Menschen Herz so beschränkt, so einseitig, daß es nicht verschiedene Richtungen Herbergen könnte in derselben Pulskammer? Kann es und müßte es nur in ein einziges Gefühl ganz und gar aufgehen? Dies ist unser Glaubensbekenntniß. Fern von allen politischen und bürgerlichen Interessen, muß doch das religiöse und verwandtschaftliche Band der Israeliten befördert und befestigt werden. Wir sind Träger derselben Idee, und entsprungen demselben Stamme. Wir haben für die Kultur dieser Idee gemeinschaftlich zu sorgen, und für die Erhaltung dieses Stammes, als Trägers dieser Idee, zu streben. Aus dieser Anschauung, aus dem tiefen Gefühle dessen, was uns gemeinsam ist, entsprang die Allg. Zeit, des Judenrhums, haben wir sie bis heute mit aller Kraft fortzuführen gestrebt, derselben Anschauungsweise folgten seitdem alle jüdischen Zeitschriften, die entstanden sind. Es galt nirgends ein Sondermtereffe der Gemeinden eines besondern Landes, sondern die Bedürfnisse und Fragen aller Glaubensgenossen. — Wozu wir Dieses darlegen? Um Ihnen, mein Herr, zu zeigen, wie empörend es für unser Herz sein mußte, wenn in den französisch-jüdischen Blättern ein Ton augestimmt zu sein uns schien, der auf Entfremdung, Eifersüchtelei zwischen französischen und deutschen Juden hin-