Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1844)
- Date
- 1844-09-30
- Page
- Seite 563 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225376--06347-3315158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
563 men. Um so weniger, weil der Gegenstand der Berathungcn mit einem Male eine so plötzliche Wendung auf ein derart unbekanntes Feld hin genommen, daß die Geister vollends in Verwirrung geriethen, und durch die ganze Zeit sich nicht zu orientiren vermochten. Und doch war diese Verheerung eine nothwendige und heilsame, die durch eine vom pesther Rabbiner ausgebrachte Motion angerichtet wurde. Dieser kühne Ausfall allein hat der ganzen Unternehmung ihren öffentlichen auf das Gemeinsame bezüglichen Charakter verliehen; ursprünglich nach Sinn Wille und Geist ihrer ersten Beförderer kann sie unumwunden — die Dinge von einem allgemeinem Standpunkte aufgefaßt— als eine private bezeichnet werden, die nur durch selbsteigne reine wie unreine Motive in Spannkraft gehalten, keine Ahnung von ihrer höhern Bedeutsamkeit in den Köpfen erweckte. Nun aber sind mal die schrecklichen Worte in die allerheiligsten Ohren gedrungen; und wenn wir von deren entschiedenem Einflüsse und nachhaltiger Wirkung nichts gerne im Woraus aussagen möchten, so trat doch oft in glanzender Erscheinung der Sieg der lautern Ansicht hervor; und man konnte hier wieder einmal in fester Ueberzeugung wahrnehmen, welche hinreißende Gewalt in der Wahrheit ruht, welch eine hohe Macht die des Geistes ist.— Ich will den Hergang der ungar. Rabbinerversammlung in möglichst kurzem Umrisse zeichnen. Wie jüngst gemeldet wurde, traten die Rabbinen in Bücs an der Donau zusammen. Warum auf diesen Ort das große Loos siel? das hat so seine Bewandlniß. Bäcs ist vorerst eine alte Metropole des Talmuds, hatte also den gerechtesten Anspruch, daß ihr die hohe Ehre wiederfahre; sodann war dieser so ganz unbedeutende Flecken einst so glücklich den Mann zu besitzen, der so hoch und hehr aus unserer Mitte hervortrat, berufen Israels Geschicke zu leiten; dessen brüllende Stimme gewaltig und schauerlich vom Bakonger Wald bis an die Quellen der Theiß erklungen; das ist der große und mächtige Mann von Papa, der so angesehen ist in den Augen der Völker der Erde, wie beliebt in den Augen Gottes. Ein heimischer Boden sollte es sein, ein bekanntes Terrain wo ein solcher Adler seinen prachtvollen Fittig entfalte. — So geschah's. Dienstag am 20. August Mittags waren zu B. bereits sämmtliche Eingeladene anwesend; doch blieb der heutige Tag noch ein Tag der Ruhe. Die Herren fühlten sich nur einander sanft auf den Zahn; aber man denke ja nicht, um Einer aus dem Andern klug zu werden; das wäre böse Verläumdung; es giebt Leute die wollen gerade das Gegentheil behaupten. Man erging sich in den weiten Gefilden des Talmuds, und suchte allseitig mit zarter kunstgeübter-Technik einander verwirrt zu machen; und dies ist den Meisten gelungen. — Erst Mittwoch am Listen Morgens nach acht Uhr versammelten sich die Rabbinen in einem ihnen angewiesenen im Erdgeschoß befindlichen Saal, dessen Thüren und Fenster von neugierigen Zuschauern aus Gemeinde und Volk durch den ganzen Tag über in Belagerungszustand versetzt blieben. Als im Saale die Plätze eingenommen waren, trat eine augenblickliche Stille ein, die plötzlich durch einen aus der Ecke des Zimmers heranrönenden Ausruf unterbrochen wurde, der in folgende Worte sich ergoß: „Nun papaer Rabbiner! Ihr habt ja die Briefe an uns versendet, was gefällt Euch, und was wollt Ihr von uns?" Auf diesen geisterbeschwörenden Ton ermannte sich der Rabbiner von Papa, schüttelte bedächtig das Haupt, und begann mit gedämpfter Stimme in einem mit hebräischen Kraftbrocken untermengtem jüdisch-deutschem Style in folgendem Sinn und Geist zu peroriren: Der tiefste Schmerz müsse den wahren Sohn Israels ergreifen, sieht er nach allen Enden der Erde hin, die Sünde, das Kind des Satans, immer tiefere und festere Wurzel schlagen; das Reich Gottes sinkt und verfällt, und die Welt geht in Trümmer; schon ist das Rauchen am Sabbat eine ganz gewöhnliche Sache geworden, und die jetzige Generation, die ihr Gemüth an irdische Eitelkeiten hängt, wendet den altherkömmlichen Gebräuchen und Uebungen in Israel immer mehr und mehr den Rücken zu; Verheerung und Verwüstung entstand in den Gemeinden Gottes; Finsterniß und Nebel bedeckt die Lager der Hebräer; dieweil sie schauen mit Lust nach den Götzen der Zeit, die alte Lehre aber verschmähen und von sich stoßen; der Frommen und Gerechten werden von Tag zu Tage weniger und die hohen Rabbinatsstühle veröden; lose und leicht werde das Gesetz von so vielen Schriftgelehrten gehandhabt, geschweige des hereinbrechenden Verderbniffes mit welchem die neuen ungelehrten Eindringlinge in das Rabbinat das Iudenthum umdrohen. Daher müßten sämmtliche Leh-