Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1844)
- Date
- 1844-08-05
- Page
- Seite 458 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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458 polnisch-jüdisch gekleideten schäbigen Jungen unter einem baufälligen, höchst atterschwächen Kastorhut, in großmächtigen schmutzigen Stiefeln mit einem kurzen Pfeifchen, (Pipe) im Munde, die eine Hand unterstützte, während die andere einen langen schmalen Zettel führte; hinter ihm einen ftinsollenden Stadtpolizeidiener, der aber statt einer kriegerischen Waffe vielmehr einen ziemlich vollständigen Trödelladen auf sich trug. Nämlich einen alten schmierigen Leuchter, eine noch ältere Schneiderscheere, eine morsche Buchbinderpresse und eine alte Hose, die er in der einen, sowie ein Pack zerfetzten Bettzeuges, das einen Nimbus von schneeweißen Federn über die blaue Tuchuniform verbreitete, in der andern Hand trug. Hinter beiden bewegte sich ein Zug von Bittenden, Weinenden, Drohenden und Händeringenden beider Geschlechter, denen man es ansehen konnte, daß sie zu Gottes Lieblingsregiment, Item den Blutarmen, gehörten. — Auf meine Frage, was dieser Auftritt bedeute, wurde mir folgende lakonische Antwort ertheilt: Der einherstolzirende schäbige Junge ist des jüdischen Lichtpächters Amtsdiener (Lichtschames); der Polizeidienec sigurirt selbst als exekutive Behörde; sein mobiler Kram, Pfänder fürLichtpacht, dessen Inhalt, wie leicht ersichtlich, größtentheils Werkzeuge armer, jüdischer Handwerker oder sonst das ultimum resu^mm der Alles entbehrenden Armuth (wie Bettstücke und selbst Fensterscheiben!) sind; den nachfolgenden Zug — bilden die so eben Gepfändeten.- Ich setzte nun meine Reife nach Südosten ununterbrochen fort. Die letzten wenigen Städtchen, die mir da noch begegneten, boten mir nichts Besonderes dar. Bald war ich an der Grenze Galiziens angelangt und sollte die Bukowina betreten; — doch ehe ich Galizien verlasse, kann ich nicht umhin, unfern dortigen Brüdern zum Schlüsse einige Betrachtungen mitzutheilen und deren genaue Erwägung ihnen ans Herz zu legen. Es sind Betrachtungen, die ich wahrend meines Aufenthaltes in Galizien auf verschiedenen Punkten aufgestellt, oder die sich mir vielmehr allerorts dort unwillkürlich aufgedrängt hatten. Sie betreffen die HilUptquellen der Armuth der Juden in Galizien, und die Mittel zn deren Beseitigung. — Die Armuth, die unter den Juden Galiziens, besonders in den größeren Städten (z. B. Bcody, Lemberg) so groß und so drückend ist, groß hinsichtlich der Quantität der Armen und drückend hinsichtlich der Qualität derselben, indem es unter ihnen viele ehrbare herabgekommene Familien giebt, die aus Scham ihre drückendste Noch geheim halten, bis sie unter der Last der Bedrängnisse ganz erliegen, — diese traurige Armuth scheint mir vorzüglich aus drei Quellen zu entspringen. Sie sind unserer Meinung nach folgende: 1)Das frühe Verheirathen derKinder, besonders in einem noch unselbstständigen, aussichtslosen Zustande derselben. — Schon das Verheirathen, und noch dazu das frühe Verheirathen der Kinder tragt in sich eine Unzahl physischer, moralischer und ökonomischer Uebel. Mesalliancen, ehelicher Zwist, Ehescheidung bei kaum herangereiften Jahren mit Hinterlassung vieler unglücklichen Waisen bei lebenden Eltern; ferner, frühzeitiges Abgelebtsein des Mannes, allzufrühe Dekrepiditat des Weibes von ewiger Kränklichkeit begleitet, und besonders eine Ueberfülle von Kindern mit dem ganzen sie begleitenden Heere von drückenden Sorgen schon in früher Jugend; — dieses sind einige jener, wie gesagt, zahllosen Uebel, die das frühe Verheirathen mit sich bringt. Nun füge man noch hinzu, daß diese jungen Ettern unselbstständig und aller Aussicht auf Setbsterhattung beraubt sind, und man wird die Größe dieses Uebels erst kennen und beurtheilen lernen! — In Polen, ich scheue es nicht auszusprechen, ist jedes Kind, statt eines Segens vielmehr eine Qual der Eltern, es ist ihr drückender Alp, von dem sie sich fast lebenslang nicht befreien können. In Polen Kinder versorgen, heißt eine zwei-, vier-, ja zehnfache Sorge, als die frühere war, auf sich nehmen; denn wie geht's da zu? Man verheirathet das junge Kind (Jüngling oder Mädchen); hat man sich nun kaum erschöpft in Nedan (Heirathsmitgift), in pompöser, ja mitunter verschwenderischer Ausstattung (Kleider) und in den gewöhnlich gewaltigen Hochzeitsspesen (ni82in des N122ND und der tna:n abgerechnet), so hat man erst dafür sich eine langjährige Sorge, die eben jetzt beginnt, erkauft. Denn die gegenseitigen Eltern müssen dem jungen, unbeholfenen Ehepaare zu 3—4, ja 6 und 10 Jahre Kost geben. Unter Kost verstehet man Kost, Quartier, Wasche, Bekleidung, und mitunter auch Kost, Quartier, Wasche und oben drein noch ein hübsches Honorar für den Melamed des jungen Baal-Beeßel; ferner, das in der Regel bald kommende und mit jedem Jahre wiederkehrende Wochenbett der jungen Frau zu bestreiten, eine pompöse Beschneidungsfeierlichkeit (Briss) abzuhalten, die Enkel und Enkelinnen mit Ammen und Nachtrankerinnen (Zusäugerin), die Leidende Tochter oder Schwieger-