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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-08-05 · Heft 32 (5.8.1844) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 32 (5.8.1844)
Date
1844-08-05
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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446 Gregor konnte die Herrschaft der allein seligmachenden Kirche, ein Calvin die Dogmatik seiner Reform nicht mit größerer llnduldsamkeit, nicht mit tödlicheren Waffen vertheidigcn, als Herr 23. seinen Unglauben. Er ist ein Groß-Inquisitor der Aufklärung, ein Ketzerrichter der Philosophie; er ist, um die Herrschaft seiner Ansicht zu begründen, zu jeder Verfolgung gerüstet, welche der Glaubens-Fanatismus je geübt hat. Er scheut sich jedoch, dem Chriftenthume gegenüber die vollen Konsequenzen des Haffes und des Hochmuths, die er gegen jede fremde Geistesrichtung hegt, zu ziehen; er wagt es nicht, dem Abscheu der ganzen christlichen^Welt durch die offene Darlegung auch dieser Konsequenzen Trotz zu bieten. Aber dem Judenthume gegenüber hat er diesen traurigen Muth; das ist die eigentliche Bedeutung seines Buches, und hier ist seine Rolle eine eben so klägliche, wie die der Anderen, welche die Kritik an dem Schwachen versucht haben, um sich an der leichten Arbeit für die schwerere zu stärken. Herrn B. sind Iudemhum und Chrisienlhum Gegenstände der Geringschätzung, beide gelten ihm für Hemmungen des Fortschritts der Menschheit, für Hindernisse achter Zivilisation. Der Glaube an einen anßerweltlichen Gott, der Hinblick auf ein jenseitiges Leben — alles Das fällt bei ihm der gleichen Verdammnisi anheim*). So weit nun Herr B. für diese seine Ansicht Freiheit ihrer Aeußerung und wissenschaftlichen Durchführung in Anspruch nimmt, ist er unseres Erachtens in seinem Recht, in sofern uns, bei aller Verschiedenheit unserer Ansichten von den seinigen das Prinzip freier Wahrheitsforschung höher als jede Ansicht steht. Wenn Herr B. für seine Ueberzeugungeu leidet, so achten wir ihn darum: denn jedes dem als Wahrheit Erkannten gewidmete Opfer ist ehrenwerth. Aber man sicht sehr bald, daß Herr B. sehr weit entfernt ist, sich mit der freien Aeußerung seiner Ansicht zu begnügen, daß er sich vielmehr nur mit ihrer ausschließlichen Herrschaft zufrieden giebt. Und diese Herrschaft — sie wird doch wol auf der alleinigen Macht des Geistes beruhen, durch Gewinnung freier Ueberzeugungen allein gegründet und befestigt werden sollen? Die vermeintliche Wahrheit wird doch wol den Sieg durch sich selbst erringen wollen? Die neue Lehre wird doch nicht rn die schmutzigen Fußtapfen eben der Ansichten treten, die sie bekämpft und verachtet, indem sie ihre Herrschaft *) SWan vergleiche Bruno Bauer und seine Gegner von Edgar Bauer, Berlin 1842, S. 48—53. auf äußere Gewalt, auf die Unterstützung des Staates auf irdische Macht gründen will? Hielte sie sich in jenen Schranken, so könnte das Streben nach ausschließlicher Geltung ihr zu Gute gehalten werden; denn eine energische Ueberzenguug, welche die Wahrheit gefunden wähnt, welche in ihrem Besitz, nicht mehr in dem Streben nach ihr, den Werth des geistigen Menschen - Daseins erblickt, wird keinen Jrrthum dulden wollen. Aber die Sache verhält sich anders. Unser großer Wahrheils- und Freiheits-Held will seiner Lehre auch durch Zwang, durch Gewalt, durch Ausschließung Andersglaubender von bürgerlichen Rechnen ihre Herrschaft sichern; das spricht er gegen das Iudemhum klar aus; in Betreff des Chrrstenthums halt er es indessen einstwellen noch für gerathen, seine Meinung im Dunkeln zu lassen. Er sieht der Emanzipation der Juden ein doppeltes Hinderniß im Wege stehen; das eine liegt im Christcnthum, da dasselbe, seiner Natur nach beschränkt und fanatisch, jedes andere Glaubensbekenntniß notwendig Haffen und unterdrücken müsse: eine Ansicht, auf deren Prüfung ich zurückkommen werde. Das zweite Hinderniß aber liegt im Judenthume, das seine Bekenner zur bürgerlichen Freiheit unfähig und derselben unwürdig mache. Ganz dieselben Mängel findet der Verfasser aber auch wiederum im Chriftenthume, das ihm freilich im Verhältniß zum Judenthume als eine Entwickelungsstufe, aber gegenüber seiner, der philosophischen Ansicht als ein unendlich tief Stehendes, Beschränktes, Zurückgebliebenes gilt. Der Fortschritt, welcher nach seiner Meinung einst vom Judenthum zum Christenthum muq stattgefunden haben, ist ihm ein längst abgethaner; er ist für die Gegenwart keiner mehr. „Die Emanzipation kann also auch nicht," beißt es S. 60, „an die Bedingung geknüpft werden, daß sie Christen würden — eine Bedingung, unter der sie nur in einer andern Weise, als sie es vorher waren, privllegirt würden. Ein Privilegium würde nur mit dem andern vertauscht." Hiernach verhalten sich zu dem freien Staat, wie Herr Br. 23. ihn will, Christen und Juden auf gleiche Weise als Unfreie, als der Freiheit Unwürdige, weil ein Privilegium Ansprechende. Alle die Gehässigkeiten, die sein Bnch in tausend Formen über Juden und Judenthum ausschüttet, gelten im Wesentlichen auch dem Chriftenthume. Sein freier Staat soll nicht etwa nur, wie der nordamerikanische, außerhalb des Christenthums stehen, sich von der christlichen Sphäre trennen und diese sich selbst überlassen, indem er jedes Retigionsbekennlniß mit gleichem Rechte zuläßt, aber keines begünstigt, sondern er muß zugleich

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