Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1844)
- Date
- 1844-07-08
- Page
- Seite 398 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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398 Literarisch? Nkachrichten. Berlin, im Mai. sPhitosophiesi Alte und neue Philosophie Schelling's, faßlich dargestellt von I. Schwarz. Berlin, 1844. Seit der Wiedergeburt des Geistes durch den kühnen Aufschwung der neuern Philosophie, wodurch Denken und Sein sich gegenseitig durchdringen und fordern, ist es wol einem jedem Gegenstand unmöglich, auf eine ehrenwerthe Existenz Anspruch zu machen, wenn er sich nicht zuvor durch die ihm einwohnende geistige Macht legitimirt hat. Nicht nur die Wissenschaft, die sich in ihren Formen und Gegensätzen zerarbeitet, sondern auch die Religion, die sich in ihren Sekten anfeindet, und namentlich das soziale Leben, das auf seine Vorrechte pocht, werden von dieser Macht ergriffen, ihr Rede und Antwort zu stehen, und zur gegenseitigen Achtung und Anerkennung genöthigt. So sehen wir seit einigen Dezennien die beiden Pole des menschlichen Interesses ihre anonyme und fremdartige Stellung allmalig verlassen, und eine freundliche dem menschlichen Bewußtsein verwandte, einnehmen. Es ist der geistige Konduktor, der das Zentrum des religiösen und sozialen Lebens in die Peripherie der Individuen hineinbewegt, und jeder Funke, den er entladet, ist der Prometheusfunke, der dem Menschengeschlechte die Freiheit vom Himmel brachte. Wenn demnach die Bekenner des Iudenthums bis jetzt von dem Sekten- und Kastengeiste geschmäht und niedergehalten wurden, wenn sie sich selbst an das öffentliche Leben nicht heranwagten, so können sie sich nur dadurch emanzipircn, daß sie den Träger der Zeit, die geistige Thatigkeit mit unterhalten, sich in die allgemeinen Wissenschaften, in die Philosophie integriren, und somit eine Macht des Lebens sich aneignen. Denn Gleichheit fordern, kann nur eine ebenbürtige Macht, sie sei eine äußere oder innere. —, Halten wir hiegegen die wissenschaftliche Thatigkeit unserer jüdischen Gelehrten, so müssen wir gestehen, daß sie den rechtmäßigen Anforderungen noch nicht nachgekommen, und die geeigneten Schritte nicht gethan, die sie wol hatten thun können. Unsere Männer von Geist und Talent schließen sich ab in das enge Gebiet einer einzelnen Wissenschaft, beschranken sich fast sämmtlich auf den Boden unserer Literatur, lassen das prinzipielle Leben unberührt und partikularift'ren sich somit auch in der Wissenschaft. Es kann zwar nicht geleugnet werden, unsere Literatur lag und liegt zum Theil noch im Argen, sie ist ein weites und noch nicht ganz urbar gemachtes Feld, und bedarf daher vieler Arbeiter. Aber unser Tagewerk kann sich nicht bloß auf ein einzelnes Feld beschranken, es muß für materielle und geistige Freiheit gekämpft werden, und weder ausschließlich durch die Literatur, noch durch die Ra'fonnements anderswoher entlehnter Resultate wird der Sieg errungen. Anders dachte und handelte derjenige, der den Impuls zur wissenschaftlichen Bewegung im heutigen Judenthum, hergab, Mendelssohn. Nöthigte dieser nicht seine Zeit lediglich dadurch auf ihn zu hören, zu achten, daß er ihre vornehmsten Gedanken mitunterhielt, und durch eigne Produktionen an den wichtigsten Problemen mitarbeitete? Oder begnügte er sich etwa mit den Gedanken, deren Genesis er nicht kannte, und die er erst dann auftischte, nachdem sie bereits in die untersten Schichten der Gesellschaft vorgedrunden waren? — Und nun, auch abgesehen von dem Einfluß auf's Lieben, so nöthigt ja auch unsere eigne Literatur die PH. der Zeiten kennen zu lernen. Denn niemals kann die Literatur in ihrer wahren Bedeutung, in ihrer eigenthümlichen Bildung, erfaßt werden, wenn man den Geist nicht kennt, der sie erzeugt, und sie zu Tage gefördert hat. Und wer sieht nicht die traurigen Folgen, die die Vernachlässigung dieses Studiums herbeiführt? Wahrlich, zu keiner Zeit ging es dem Judenthum so traurig als gerade jetzt, wo man es zu einer tabula, rasa herabsetzt, die zu jedem Einfall herhalten muß. Und woher käme es denn, daß Leute, die das Judenthum nicht kennen, sich nicht in ihm umgesihen, plötzlich als seine Resormatorn sich aufwerfen, wähnten sie nicht, daß es froh sein müsse, mit einem Gedanken überhaupt, und noch zumal mit den allerhöchsten Gedanken sich schmücken zu können? Noch immer trägt doch das Judenthum Spuren seiner Theokratie, denn es liefert jetzt noch jene Freistätte — wohin sich Alles flüchtet, was anderweitig verunglückt, und nirgends sich mehr zu bergen weiß. — Wir sind nach dem oben Gesagten berechtigt, vorliegendes Werk als eine freudige Erscheinung schon deßhalb zu begrüßen, weil es von einem Juden verfaßt, und Elemente enthält, die dem Judenthum nahe Liegen. Denn schon der Naturphilosophie Schelling's, Ln ihrer erhabenen Anschauung, können manche Töne entlockt werden, die mit dem geistigen Judenthum harmonisch klingen, um wie vielmehr der neuern Philosophie, die auf den Trümmern der mythologischen Welt, und der spätern Gnosis aufgebaut, und mit dem Zuschnitt der modernen Philosophie zurecht gemacht ist.