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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-07-08 · Heft 28 (8.7.1844) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 28 (8.7.1844)
Date
1844-07-08
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 Versammlung darin keinen praktischen Takt bewahrt, sic hat damit anerkannt, was die wichtigsten Fragen unsrer Zeit im Judenthume sind, aber auch noch nichts weiter. Ob sie die Lösung auf diese Weise um einen Schritt näher bringt, ist noch nicht abzusehen. Gleiche Unsicherheit zeigte sie bei allen Gegenständen praktischer Natur. Es galt B. die Frage, wie Beiträge zu den Kosten der einzelnen Herren zu sammeln, denn es ist voraussichtlich, daß viele, wenn ihnen nicht zur Hülfe gekommen wird, ein so großes Geldopfer nicht wieder bringen können. Es wurde viel darüber gesprochen, allein zu einem Beschlüsse kam es nicht, unter dem Sprechen verrann, so viel ich weiß, die Sache °). Es war überhaupt ein Uebelstand, den die Versammlung mit unsrer ganzen Zeit'theilte, daß sie eine kritische Richtung nahm, daß, anstatt zu beleben und zu schaffen, das kritische Messer an das Bestehende gelegt ward, und zuletzt lauter Fragen kritischer Natur herauskamen. lieber die Frage, ob die Gebetsprache die hebräische sein solle? wurde ein ganzer Tag durchsprochen — zu einer Zeit, wo, wie ein Redner richtig bemerkte, eine, nichts Wesentliches antastende Synagogenordnung der Versammlung noch zur Begutachtung vorgelegt ward — während die Frage: wie ein Verein zur Belebung des religiösen Sinnes zu bewirken sei? außer dem Schreiber Dieses, der auf die Spezialversammlungen hinwies, aus welchem Boden ein solcher Verein still für sich erwachsen könne, keinen Redner fand. Diese allerwichtigste Frage ward von dem Vorschlag Geigers, die Protokolle nicht in den Zeitungen zu veröffentlichen, sondern sie in Heften berauszugeben, verschlungen. Ich glaube, im Rechte zu sein, diese Ansichten zu äußern, weil es gilt, die zukünftigen Versammlungen auf das Wesentliche im Voraus aufmerksam zu machen. Die Versammlung war in der Ausarbeitung der Statuten, Ln der Erklärung über den Eid, in der Begutachtung der Mecklemburgischen Synagogenordnung, in der Bestätigung der Antworten des Sanhedrms gewiß auf dem richtigsten Wege. Als sie sich aber einließ, das ganze Ehegesetz, die ganze Liturgie, das ganze Sabbatgesetz sich zu Fragen zu ) Schreiber Dieses hat in No. 13 d. I. bemerkt, daß er die jüdisch-theologische Fakultät und das Hospital in Jerusalem zur Sprache bringen wolle. Beides unterließ er, weil ihm die Versammlung noch nicht praktisch gereift genug erschien, und er es sich deshalb für folgende Versammlungen aufhob. Red. machen, konnte sie gewiß als ans den naturgemäßen Grenzen herausgeschritten angesehen werden. In einem Punkte hingegen beherrschte sie der richtige Takt. Von zweien Seiten aus wollte man sie nicht allein kritisch, sondern auch theoretisch machen, man drang auf Aufstellung eines Prinzips, ja auf Aufstellung von Glaubensartikeln, (dieses letztere Verlangen wurde sogar — von der orthodoxen Seite der Versammlung gestellt —) wohin das geführt hätte, sieht man leicht ab. Woher die eben bezeichnete Erscheinung, daß die Versammlung eine vorherrschend kritische Richtung nahm, gekommen, ist nicht schwer anzugeben. Tie Kritik, deren Mangel im Judenthumd Br. Bauer vor zwei Jahren noch so bitter verwarf, ist erwacht. Kritik aber ist ein Wesen, das aus einer Frage immer zehn gebiert, und deren Beantwortung zu hundert Fragen gestaltet. Kritik füllt den Kopf, den sie einmal eingenommen, gänzlich aus, und verdrängt jede Pro- und Reproduktionskraft. Die junge Kritik namentlich täuscht in ihrem ersten Stadium mit so vielen Fata Morgana's, daß sie es für ihre höchste Pflicht hält, sich überall geltend zu machen. Daß sie also auch in der Rabbinerversammlung die Herrschaft ergriff, ist natürlich. Aber zweckgemäß war es nicht. Wäre die Rabbiuerversammlung ein wissenschaftlicher Kongreß gewesen, so war die Kritik an ihrem Platze. Die Rabbinerversammlung soll aber zur Belebung des religiösen Sinnes dienen, und da wirkt die Kritik geradezu zerstörend. Die Rabbinerversammlung soll zur Erhaltung und Fortbildung des Judenthums dienen, und dazu wirkt die Kritik nur sehr mittelbar mit. Pectus facit theologum, aber die Kritik ist der Gegensatz von pectus. und so nothwendig sie in der Wissenschaft ist, so unbehaglich macht sie, wo es gilt, die rechten Mittel zur Wirkung auf das Volk zu finden. Da muß das Herz, da muß das volle, beseelte Gemüth Mitsprechen, und dies sieht die Dinge freilich ganz anders an, als die Kritik. Dies führt uns auf die Anschauungsweisen, welche in der ersten Rabbinerversammlung existirten. Die altorthodoxe, die völlig stabile Partei war gar nicht vorhanden, und das war nicht anders als natürlich. Denn was sollte diese daselbst? Die Zeit erheischt Bewegung; diese Bewegung zu organisiren auf dem Boden der Religion, ist der Beruf der Rabbinerversammlung. Aber der Buchstabe läßt keine Bewegung zu. Es traten daher zunächst als die zwei bedeutsamsten Elemente hervor: 1) die orthodox-reformistische Partei, welche eine Umänderung der Form ganz aus dem talmudischor-

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